Göppingen 100-Jahre Bankhaus Martin

Göppingen / RÜDIGER GRAMSCH 31.10.2012
Mit einem kurzweiligen Festabend hat die Privatbank Gebrüder Martin den 100. Geburtstag des Geldhauses gefeiert. Festredner war der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans Werner Sinn.

Die Bankdirektoren Wolf Martin und Andreas Hees haben am Dienstagabend viele hundert Hände von Kunden und Geschäftsfreunden der Göppinger Privatbank Gebrüder Martin geschüttelt und die Glückwünsche zum 100-jährigen Bestehen des Geldhauses entgegengenommen. Wünsche, die von Herzen kamen, denn dass eine Privatbank über einen so langen Zeitraum existiert und immer noch erfolgreich am Markt tätig ist, kommt in Deutschland nicht oft vor. Darauf wies der stellvertretende IHK-Präsident der Region Stuttgart, Georg Fichtner, in seinem Grußwort hin. Bundesweit gebe es noch etwa 300 Privatbanken, in Baden-Württemberg lediglich noch eine Handvoll. Fichtner würdigte nicht nur die Geschäftspolitik des Bankhauses, sondern auch das vielseitige ehrenamtliche Engagement seiner beiden Direktoren. Fichtner überreichte Hees und Martin die Ehrenskulptur der IHK, sowie die Jubiläumsurkunde der Kammer.

Oberbürgermeister Guido Till unternahm in seinem Grußwort einen Ausflug in die Göppinger Bankengeschichte und berichtete davon, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Geld noch via Zeitungsanzeigen gesucht und angeboten wurde und die Redaktion Auskunft über den Kreditnehmer gab. 1846 wurde die Oberamtskasse gegründet, der Vorläufer der heutigen Sparkasse, die für die ärmeren Bevölkerungsschichten Geldgeschäfte übernahm. Die 1865 gegründete Gewerbebank, die heutige Volksbank, unterstützte mit der beginnenden Industrialisierung die Unternehmer. Wenig später gab es in Göppingen auch drei Privatbanken. Als zwei von ihnen fusionierten, gründeten die Brüder Carl und Gustav Martin 1912 ihre eigene Bank, die zu einem wichtigen Partner für die heimische Wirtschaft geworden sei.

Zum Teil in die Gründerjahre der Bank reichende Geschäftsbeziehungen streifte Bank-Chef Andreas Hees in einem kurzen Rückblick, bevor er auf das zu sprechen kam, was die Geschäftspolitik der Bank auszeichne. Verlässlichkeit, Sicherheit, Innovation und Fortschritt gehörten dazu. "Wir würden unseren Kunden nie etwas verkaufen, was wir nicht auch selber kaufen würden," unterstrich Hees die Seriosität seines Hauses, das seinen Beratern keine Umsatzvorgaben mache.

Der Festredner des Abends, der ebenso prominente wie auf Grund seiner Thesen auch umstrittene Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Professor Hans Werner Sinn, beleuchtete die Ursachen und Folgen der Finanzmarkt- und Eurokrise. Um den Euro zu retten, müsse das System repariert werden, erklärte Sinn. Dies könne u.a. nur mit der Austrittsmöglichkeit von Krisenländern aus dem Euroraum erfolgen. Eindrücklich schilderte Sinn den Schuldensumpf, in den Europa immer weiter hineinrutsche. Die von der Politik bislang ergriffenen angeblichen Rettungsmaßnahmen seien keine, vielmehr würden weitere Schuldenberge aufgetürmt.

Die Geschichte des Bankhauses Gebrüder Martin

1912 fassen die Brüder Carl und Gustav Martin den Entschluss, eine Privatbank zu gründen und eröffnen ihr Institut in der elterlichen Weinhandlung in der Oberen Freihofstraße.

Nach dem Ersten Weltkrieg wird der Schwager der Martin-Brüder, Hermann Hees, neuer Partner in der Bank.

1919 zieht die Bank an den Schlossplatz. Das Gebäude, das 1783/84 nach dem zweiten Stadtbrand gebaut wurde, ist bis heute das Domizil der Bank.

1949 stirbt Hermann Hees, 1950 sein Schwager Carl Martin. Gustav Martin, der 1977 hochbetagt stirbt, führt die Bank mit seinen Neffen Walter Hees - schon seit 1933 bei der Bank - und Jörg Martin weiter.

Jörg Martin, in vielen Vereinen und im Göppinger Gemeinderat engagiert, stirbt 1979 im 56. Lebensjahr. Walter Hees führte die Bank daraufhin mit der langjährigen Prokuristin Irene Kauderer weiter.

1984 tritt die dritte Generation ins Bankgeschäft ein. Andreas Hees und Wolf Martin, die das Bankhaus im Jubiläumsjahr 2012 führen, werden von Walter Hees, der 1986 stirbt, auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet.

2001 wird die Martin-Bank von einer offenen Handelsgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

Im Jubiläumsjahr 2012 ist das Geschäftsvolumen auf über 170 Millionen Euro angewachsen.