Goethe Wie Goethe nach Giengen kam

Giengen / Dieter Reichl 08.01.2016
Von wegen „Fack ju Göhte“: Am 11. und 12. Juni 1788 machte der Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe in Giengen Station. Eine Spurensuche.
Goethe ist gefragt. Angesagt. Total in. Millionen von Kinobesuchern können nicht irren. „Fack ju Göhte“ heißt das Werk, mittlerweile mit Teil zwei in den Theatern, das den deutschen Dichterfürsten aus dem 18. und 19. direkt ins Hier und Heute des 21. Jahrhunderts transportiert. Zumindest seinen Namen. Höchste Eisenbahn, abseits des grenzwertigen Kinoklamauks um die Münchner Goethe-Gesamtschule Giengens spezielle Beziehung zu Johann Wolfgang in Erinnerung zu rufen.

Denn: Er war ja da. In Giengen. Und zwar in der herrlichsten Jahreszeit, mitten im Frühling, am 11. und 12. Juni 1788. Er kam von Rom und wollte oder musste zurück nach Weimar. Und er reiste mit der Postkutsche. Rom hatte er am 24. April verlassen, in Weimar eingetroffen ist er am 18. Juni. Dazwischen also, fast schon am Ende der langen Reise, lag die freie Reichsstadt Giengen auf der Strecke.

Woher weiß man, dass er da war?

Woher weiß man überhaupt, dass er da war? Von Goethe selbst nämlich nicht: Zwar zeitlebens akkurater und fleißiger Tagebuch- und Briefschreiber, tat er dies ausgerechnet in den Wochen der Rückreise aus Italien nicht: kein Wort, keinerlei Dokumentation aus seiner Hand. Writer's block, wie man heute so schön dazu sagt? Angst vorm weißen Blatt? Nein, wohl eher, so vermutet die Forschung, die Unlust, aus dem strahlenden Licht des Südens wieder in den kalten Norden zurückkehren zu müssen, verbunden mit der Unlust, zum Stift zu greifen.

Will heißen: kein Wort vom Dichterfürsten selbst. Aber es gibt dennoch Spuren, wie der Heidenheimer Lehrer und unermüdliche Heimatforscher Fritz Schneider herausfand, als er sich diese Reise vorknöpfte. 1957 mündete diese Spurensuche in das Buch „Goethes Heimkehr aus Italien“. Schneider stützt sich dabei vor allem auf eine Quelle: Goethe nämlich reiste nicht alleine, sondern er war in Begleitung seines Freundes, des Musikers Philipp Christoph Kayser, unterwegs. Und diesem ist eine kleine Notiz mit der Erwähnung Giengens zu verdanken. Kayser nämlich hat akribisch Buch geführt über die Kosten der Reise, in einem Ausgabenbüchlein, in dem jeder Kreuzer vermerkt ist, Straßenzölle, Aufenthalte, jeder Kaffee und jeder Besuch beim Friseur. Und da findet sich beim Eintrag vom 11. und 12. Juni 1788: „Weggeld, vier Kreuzer; Giengen, ein Pass dahin 3 Gulden 3 Kreuzer, Zehrung in der Post 2 Gulden 6 Kreuzer, Abgeld 8 Kreuzer.“

Eine Plakette an der "Goldenen Gans"

Für eine Übernachtung kam für die beiden Reisenden außer der „Goldenen Gans“ wohl gar nichts anderes in Frage.  Ein stattliches Bauwerk, im Jahr 1622 erbaut und über Generationen hinweg betrieben von der Familie Schnapper, war es Poststation mit Pferdewechsel und Unterkunft in einem. 1922 wurde es umgetauft in „Rössle“, 1968 abgebrochen – aus heutiger Sicht ein Frevel, aber man lebte in nüchternen Zeiten – und danach als Gubi-Supermarkt neu erbaut.

Steht man heute vorm Rathaus beim Panscherbrunnen und betrachtet das dort stehende Gebäude der Marktstraße 18-20, bleibt einem nur ein nostalgischer Seufzer: ein Architektenpreis ist mit dem nüchternen zweigiebeligen Zweckbau sicher nicht zu gewinnen. Im Erdgeschoss erfreut ein Tedi-Discountermarkt, darüber hat die Stadtverwaltung Büros bezogen. Immerhin ist dort der einzige öffentliche Hinweis auf Goethes Aufenthalt in der Stadt zu finden. Auf der Plakette an der Nordwand, wo er sich inmitten anderer illustrer ehemaliger Gäste der „Goldenen Gans“ erwähnt findet.

Was für eine Stadt hat er eigentlich vorgefunden, im Frühjahr 1788, als er in der Marktstraße an der Pferdestation vor dem Gasthaus zur Goldenen Gans die Postkutsche verließ? Giengen war freie Reichsstadt und hatte rund 1700 Einwohner. Schultheiß war ein gewisser Johann Friedrich Carl Schnapper, was Goethe aber nicht interessieren musste – weder musste er sich im Rathaus anmelden noch wurde seine Ankunft und sein Aufenthalt von der Giengener Obrigkeit und Bürgerschaft groß zur Kenntnis genommen, und es gab auch keinen Empfang ihm zu Ehren. Die Ratsprotokolle vor und nach Goethes Aufenthalt stammen vom 3. und 13. Juni 1788.

Hochzeitsanliegen, Erbschaftsangelegenheiten, Hausverkäufe, Schuldentilgungen, nicht verzolltes Getreide – es gab Etliches zu beraten, aber: kein Wort über den berühmten Durchreisenden. Dabei war er zu dieser Zeit, im Alter von 38 Jahren, als Autor des „Werther“ oder des „Götz von Berlichingen“ längst bekannt. Seine Berühmtheit allerdings war womöglich noch nicht bis auf die Schwäbische Alb durchgedrungen. Was nicht heißen soll, dass sich Giengen im ausgehenden 18. Jahrhundert als gänzlich provinzielles Nest präsentierte. Ganz und gar nicht, wie Stadtarchivar Dr. Alexander Usler weiß. Und was er durch Unterlagen aus den Tiefen seines Archivs auch ohne lange Sucherei belegen kann.

Giengen Ende des 18. Jahrhunderts: Die Brenz floss in drei Armen, die Stadtmauer mit ihren 24 Türmen war vollständig erhalten, und innerhalb dieser Mauern lebte es sich offenbar nicht schlecht. Genauere Auskunft über diese Zeit  geben die Nachforschungen des Heimatkundlers Albert Bartelmeß.

"Eine friedsame, verträgliche Stadt"

Giengens Finanzen, das stellt er fest, waren in Ordnung. Handwerker und  Handel sorgten dafür, dass die Stadt ein durchaus bedeutsames regionales wirtschaftliches Zentrum war. Das Handwerk war in sechs Zünften zusammengefasst, Giengen hatte eigene Maße und Gewichte. Zu geradezu enthusiastischem Zeugnis über den Charakter der Giengener kam wenige Jahre nach Goethes Besuch, 1798, ein gewisser Jonas Ludwig Heß: „Eine friedsamere, verträglichere und einem patriarchalischen Familienleben näherkommende Stadt als das gute Giengen wird man in Europa schwer nachweisen. Keiner lebt unordentlich und ausschweifend, ein jeder arbeitet, keiner ist unzufrieden, denn jeder besitzt fast so viel als der andere. Man ist in Wahrheit gottesfürchtig. Bestechung, erkaufte Justiz, Unterschleife sind Fremdlinge in Giengen.“

Gute alte Zeit? Ganz so paradiesisch war es dann doch nicht, wie Bartelmeß in anderen Quellen erkennt, und dass, wie wohl überall, auch in Giengen Missgunst, Streit und Vergehen aller Art an der Tagesordnung waren.
Aber jeder sieht eben das, was er sehen mag. Ein weiterer Reisender, der einige Monate vor Goethe für längere Zeit in Giengen weilte, vermerkte in einem Schriftstück: „So arm Giengen an Prunk und Staatsmachen aller Art ist, so besitzt es dagegen einen Reichtum, der sonst wohl schwerlich anzutreffen ist.“ Womöglich also doch gute alte Zeit?

Genug der Geschichte, umschalten auf Giengen und Goethe in heutiger Zeit: Das einzige, was Archivar Usler aus der jüngeren Vergangenheit findet, ist die Absicht des Gemeinderats in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts, eine Goethe-Gedenktafel einzuweihen. Was aus diesem Vorhaben wurde oder woran es scheiterte, das lässt sich allerdings nicht mehr ohne weiteres rekonstruieren. Und so bleibt abgesehen von dem schmucklosen Schild am Gebäude in der Marktstraße und der nicht minder schmucklosen Goethestraße keinerlei Hinweis auf den Aufenthalt von Deutschlands großem Dichter in der Stadt.

Aber es gibt ja noch weitere Möglichkeiten, wie ein Dichter Spuren hinterlassen kann. Schauen wir doch mal in die Stadtbibliothek in der Grabenschule. Goethe? 16 Datensätze, wie man dazu heute sagt, stehen zur Verfügung: Bücher, DVDs und Downloads. Und das Bilderbuch für Kinder über Goethes Leben ist tatsächlich ausgeliehen. Laut Bibliothekarin Daniela Galter sind es in erster Linie Schüler, die sich mit Goethe und dem Angebot in der Stadtbibliothek zu ihm beschäftigen. Wenn sie denn müssen. Ein neuer Zugang in den Schulen nicht nur zum Meister selbst, sondern generell zu den Klassikern, wäre ihrer Meinung nach dringend angesagt, um diese zu entstauben und neues Interesse für sie zu wecken.

Goethe darf bei keiner Lyrikeinheit fehlen

Immerhin: Am Margarete-Steiff-Gymnasium ist Goethe nach wie vor ein Thema, und das nicht wegen des im Schulmilieu spielenden Kinofilms „Fack ju Göhte“ (der natürlich auch als DVD in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden kann). Goethe bleibt den Schülern des Jahrgangs 2015 auch als Lyriker, Dramatiker und Epiker nicht erspart. Schulleiter Markus Kuhn: „Klar spielt Goethe im Unterricht auch heute noch eine große Rolle.“ In der Mittelstufe sind es die Verse des „Zauberlehrling“, über die sich die Schüler beugen müssen, der „Werther“ wartet in Klasse 10, „Faust“ in der Oberstufe. Und bei jeder Lyrik-Unterrichtseinheit darf Goethe nicht fehlen. Dass sein Giengener Aufenthalt unter den Gymnasiasten nicht groß thematisiert wird, liegt laut Kuhn auch daran, dass Goethe gern gereist ist, viel rumkam, und sein Aufenthalt in den Mauern der Stadt damit keine wirkliche Besonderheit darstellt.

Fazit also: Man muss wohl ehrlicherweise zugeben, dass der Aufenthalt in Giengen beim Dichter Goethe keine tieferen Eindrücke hinterlassen hat. Jedenfalls nicht in seinen Werken. Es bleibt rätselhaft, warum ausgerechnet auf dieser Reise durch Schwaben Goethe seinen Bleistift nicht zückte, trotz der engen Beziehungen, die er zu Schwaben pflegte – zu denken ist nur an seine Freundschaft mit Schiller. Auch ließ ihn knapp zehn Jahre später, 1797, eine weitere Schwabenreise ausgiebig zum Stift greifen und kleinste Details notieren. Was so weit ging, dass ihm in Aalen – ausgerechnet – auffiel: „Schöne Mädchen.“

Kein einziges Wort über Giengen. So bleibt nur die Fantasie. Etwa, dass Goethe am Abend des 11. Juni 1788, nachdem er sich im Zimmer der „Goldenen Gans“ wohnlich eingerichtet hat, in milder Abendluft einen Spaziergang über den still dämmernden Schießberg unternommen hat, und dass ihm beim Blick hinüber zu Läutenberg und Irpfel die Zeile „Über allen Gipfeln ist Ruh“ in den Sinn kam. (Nein, kann leider nicht sein. Das vielleicht berühmteste Gedicht in deutscher Sprache entstand nicht auf dem Giengener Schießberg, sondern am 6. September 1780 in Thüringen, in einer Berghütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Leider?). Oder wie wär's denn, passend zu den Wacholderheiden der Schwäbischen Alb, etwa mit dem reizenden „Röslein auf der Heiden“? (Nee, funktioniert leider auch nicht. Stammt von 1770, aus Goethes Straßburger Studienjahren).

„Es bleibt ewig schade, dass Goethe über eine seiner schönsten und interessantesten Reisen nichts berichtete“, muss auch Heimatforscher Fritz Schneider resigniert feststellen. „Die bisherigen Forschungen ergaben jedoch, dass sich Goethe über die ganze Rückreise von Rom nach Weimar zeitlebens ausgeschwiegen hat.“
Okay, wir geben auf. Und beenden diese  vergnügliche Fantasie. Und gestehen ein, dass Giengen einfach nur ein kurzer Stopp auf einer sicherlich anstrengenden mehrwöchigen Reise war. Und es bleibt jedem selbst überlassen, ob es einen zwingenden Grund gibt, „Fack ju Göhte“ im Kino anzugucken.


Verwendete Literatur:
Fritz Schneider: Goethes Heimkehr aus Italien (1957)
Albert Bartelmeß: Als Giengen zu Württemberg kam – die Situation der Reichsstadt am Ende ihrer Selbstständigkeit (Heidenheimer Jahrbuch 1987/88)
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