Giengen Integration in Giengen: Wie funktioniert’s?

Wenn es um Integrationgeht, blüht sie auf:Christina Augustin.
Wenn es um Integrationgeht, blüht sie auf:Christina Augustin. © Foto: Sabrina Balzer
Giengen / Nadine Rau 17.08.2018
Schon fast zwei Jahre arbeitet Christina Augustin als Beauftragte für Geflüchtete – eine Zeit, in der sich viel getan hat. Wie gut kommt sie bisher damit voran, jeden in die Gesellschaft einzubinden?

Der Umgang mit Geflüchteten ist und bleibt ein großes Thema in Giengen. Christina Augustin, die Integrationsbeauftragte der Stadt, koordiniert seit November 2016 alle damit verbundenen Aufgaben – und das sind jede Menge.

Frau Augustin, wie bewerten Sie heute Ihre Entscheidung, Integrationsbeauftragte zu werden?

Christina Augustin:

Die Entscheidung war total gut. Ich bin glücklich und es ist eine wunderbare Aufgabe nach der Familienpause. Vor allem der Kontakt in alle möglichen Richtungen – mit verschiedensten Menschen, Netzwerkpartnern und Institutionen – ist schön. Ich wurde in Giengen mit offenen Armen aufgenommen.

Integration ist ein Begriff, den bald keiner mehr hören kann. Was bedeutet das denn für Sie?

Das ist schwer zu beschreiben. Integration bedeutet für mich das Ankommen in einer neuen Heimat – ein Ankommen, in dem ich mich mit meiner Identität wohlfühle und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Dazu gehört, dass ich mich einbringen und für mich selbst sorgen kann, dass meine Familie Angebote im Bereich Bildung, Freizeit und Kultur findet und dass ich ein Miteinander spüre.

Sie wollten viele Kontakte knüpfen. Hat das geklappt?

Es gibt ganz unterschiedliche Kontaktfelder: Da sind professionelle Kontakte – etwa zu Schulen und zu Wohlfahrtsverbänden wie zum Beispiel der Caritas und der Awo, aber auch Kontakte zu anderen Gemeinden und zu den Integrationsmanagern. Wir wollen alle voneinander lernen und Erfahrungen nicht doppelt machen.

In der Stadt pflege ich den Austausch mit verschiedenen Menschen, ich wünsche mir aber mehr. Durch unsere drei Integrationsmanager können wir intensiver in die Einzelfallberatung einsteigen.

Jeder Arbeitstag ist anders

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Jeder ist anders. Es gibt regelmäßige Termine, etwa mit Arbeitskreisen, an denen ich teilnehme oder für die ich Themen vorbereite. Es gibt normale Verwaltungsabläufe, die zu erledigen sind – und viele Projekte, an denen ich arbeite.

Wie viel Kontakt haben Sie tatsächlich zu den Geflüchteten?

Nicht so viel, wie man sich vielleicht vorstellt, weil die Einzelfallbetreuung von unseren Managern übernommen wird. Einzelne Geflüchtete, die gut Deutsch sprechen, sind in meine Projekte eingebunden. Ich bleibe aber eher im Hintergrund, meine Sache sind Struktur und Organisation.

Während die Manager vor Ort sind?

Die Manager machen auch aufsuchende Arbeit. Wenn wir wissen, bei uns in der Anschlussunterbringung ist jemand neu, gehen sie dorthin. Die Besuche sind von großem Vertrauen geprägt, weil wir den Menschen in sehr persönlichen Situationen helfen. Beim Erstkontakt kommen aber nicht alle Themen auf den Tisch. Das ergibt sich im Laufe der Zeit.

Was ist mit den ausländischen Bürgern, die schon lange in Giengen sind?

Die Manager sind vor allem für die Geflüchteten da, die in den vergangenen Jahren zu uns kamen. Es gibt da eine klare, vorgegebene Priorisierung: Sie sollen sich vorwiegend für Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive engagieren.

Bei Bürgern mit Migrationshintergrund, die schon lange hier leben, komme ich wieder ins Spiel und übernehme als eine Art Lotse die Weiterleitung an geeignete Ansprechpartner. Wir haben etwa ein Frauencafé, das viele Frauen besuchen, die schon lange hier leben.

Wie werden die Angebote wie das Café denn überhaupt angenommen?

Das ist unterschiedlich und hängt oft von den privaten Dingen ab, mit denen eine Familie gerade zu tun hat. Aber natürlich führen wir nur Projekte fort, die bei den Menschen auch Anklang finden. Bei der Gruppe der schon lange in Giengen lebenden Migranten gibt es manchmal Unterbrechungen, weil sie für längere Zeit in ihre Heimat fahren.

So viele Projekte: Verzettelt man sich da nicht?

Sie sprechen von unzähligen Projekten. Verzettelt man sich da nicht?

Verzetteln würde ich nicht sagen. Ich würde gerne an manchen Stellen viel mehr Angebote schaffen – vor allem im Bereich Schule. Aber dazu fehlen mir oft die Mittel.

Ich habe keine Mitarbeiter, um alle möglicherweise sinnvollen Angebote anbieten zu können. Ich bin immer auf Fördergelder oder auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen. Viele Eltern in der Schule machen aber schon jetzt sehr viel. Da wäre ehrenamtliche Hilfe von außen wertvoll.

Wie schwierig ist es denn, an Fördergelder zu kommen?

Wie schwierig das grundsätzlich ist, weiß ich nicht. Wir haben uns bei den beiden bisherigen Anträgen viele Gedanken gemacht: Ich aus Integrationssicht und Andrea Schindler aus Sicht der Agendagruppe Netzwerk Verständigung. In beiden Fällen hat es geklappt. Wir generieren keine Anträge, weil wir es toll finden, Projekte zu realisieren, sondern dann, wenn wir denken, dass wir etwas hier bei uns wirklich brauchen.

Alle verhalten sich angemessen

Werden Sie bei Ihrer Arbeit auch mal angefeindet?

Um ehrlich zu sein, habe ich anfangs etwas vorsichtig agiert. Wie sich herausgestellt hat, ohne Grund: Ich erlebe lauter schöne Begegnungen. Natürlich kenne ich die Vorurteile gegen Flüchtlinge und bestimmt gibt es einzelne schwarze Schafe. Mir gegenüber sind bislang aber alle angemessen aufgetreten.

Ist die Verständigung eine Hürde?

Auch bei denen, die schon lange hier leben, treten zum Teil sprachliche Probleme auf. Aber viele können gut Deutsch. Ich selbst spreche nur Englisch und Deutsch, aber ganz oft übersetzt jemand, wenn es kompliziert wird. Mir erscheint die Sprache deshalb nicht als Hürde.

Youtubevideos zur Hilfe

Womit tun sich die Geflüchteten hier denn besonders schwer?

Es gibt keine Regel dafür, womit sich Geflüchtete besonders schwertun. Das hängt immer vom Einzelfall ab. Wir hatten jedoch, etwa im vergangenen Jahr, die Rückmeldung von geflüchteten Frauen, dass ihnen der Schulanfang oft schwerfällt. Sie wussten nicht: Was mache ich mit dieser Einkaufsliste? Wie geht das mit dem Schulranzen und mit dem Pausenbrot? Also haben wir alles geklärt und gemeinsam die Schulranzen gepackt. Wir haben sogar Erklärfilme auf Youtube erstellt. Sie laufen auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Farsi.

Es kommt also auch darauf an, wie Informationen transportiert werden.

Ja, weil es im Bereich der Geflüchteten Menschen ohne Bildungshintergrund gibt, die sich mit allem schwerer tun. Man kann ihnen Informationen nicht schriftlich zukommen lassen, sie brauchen erst einen ABC-Kurs.

Viele kommen mit unserer Art, Informationen aufzubereiten – also mit der Zusammenfassung vieler Informationen auf einem Blatt – nicht zurecht.

Welche Prioritäten setzen die Geflüchteten?

Natürlich ist Sprache immer das erste Problem. Sie müssen Deutsch lernen. Aber viele wollen schnell einen Arbeitsplatz und stellen den Spracherwerb hinten an, weil sie für ihre Familie sorgen und auf eigenen Beinen stehen wollen.

Viele der Geflüchteten haben schlimme Dinge erlebt, mit denen auch Sie konfrontiert werden. Wie gehen Sie damit um?

Es gibt Dinge, die einem sehr nahegehen. Aber ich muss versuchen, Distanz zu wahren. Empathie zu zeigen ist wichtig für das Vertrauen, das die Menschen mir entgegenbringen. Tatsächlich versuche ich aber auch, zu trennen. Ich kenne das aus meiner vorherigen Tätigkeit als Anwältin. Auch dort wird man mit persönlichen Schicksalen konfrontiert und muss sich ein Stück weit abgrenzen, um im Privatleben Freiraum zu haben.

Abschiedsschmerz stellt große Belastung dar

Sind die politischen Entscheidungen und Diskussionen auf Landes-, Bundes- und internationaler Ebene häufig Thema bei Ihnen?

Ja, sie beschäftigen unsere Ehrenamtlichen sehr: Oft bringen diese Entscheidungen Enttäuschungen – insbesondere, wenn Menschen abgeschoben werden, zu denen schon ein freundschaftliches Verhältnis entstanden ist.

Wir haben das Glück, dass der Freundeskreis lange von Koordinatoren für das Ehrenamt betreut wurde, die diesen Abschiedsschmerz thematisiert haben: Wie soll man damit umgehen, wenn die Ungewissheit, wie es für jemanden weitergeht, immer im Raum steht? Das ist eine persönliche Belastung für das Ehrenamt.

Wie viele Flüchtlinge leben in Giengen?

280 Flüchtlinge leben laut Stadtverwaltung derzeit in Giengen.

106 davon wohnen in den Anschlussunterbringungen an der Scharenstetter Straße, an der Riedstraße, am Pommernweg und an der Barbarossastraße. 174 der Flüchtlinge leben bereits in privaten Wohnungen.

3570 ausländische Einwohner leben insgesamt in Giengen.

Wie viel Geld bekommt die Stadt?

27800 Euro Förderung hat die Stadt für das Projekt Connect You bekommen. Dahinter verbirgt sich ein Treff für Neubürger und Flüchtlinge sowie eine Internetplattform. 4800 Euro gibt es obendrein, ausschließlich für die Homepage Treffpunkt Integration. Das Land fördert zudem 23 Kommunen mit jeweils bis zu 40 000 Euro für eine gelungene Integration, darunter auch Giengen. Wie viel Geld es wofür gibt, steht im Herbst fest.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel