Giengen / Marc Hosinner Ruhestand in Giengen? Renate und Hermann Brender haben sich dagegen entschieden und leben jetzt großteils in einer Plattenbau-Siedlung in Erfurt. Dort bringen sie sich im Jesus-Projekt ein.

Roter Berg: Der eine oder andere wird da an den Ayers Rock in Australien denken. Doch mit der heiligen Stätte der Aborigines hat der Rote Berg in dieser Geschichte rein gar nichts zu tun. Vielmehr ist der Rote Berg der Name eines im Nordosten der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt gelegenen Stadtviertels – benannt nach einer Erhebung, auf der der Zoopark Erfurt liegt. Wer sich auf der Autobahn von Süden der Großstadt nähert, an der Ausfahrt ins Zentrum vorbei und weiter nach Norden fährt, dem fallen die großen Wohnblocks schnell ins Auge.

Plattenbauten sozialistischer Prägung sind auch im Stadtteil Roter Berg unübersehbar. 1977 wurde mit dem Bau der Siedlung begonnen. Sie bot nach der Fertigstellung 15 000 Menschen Platz, auf gerade mal 0,8 Quadratkilometern. 5300 Wohneinheiten in Häuserkomplexen mit fünf, sieben und elf Geschossen wurden in wenigen Jahren aus dem Boden gestampft. Mit dem industriellen Wohnungsbau sollte auch in Erfurt – wie in der gesamten DDR – ein Mangel beseitigt werden.

Den gab es nach der Wende allerdings nicht mehr: Viele im Viertel haben nach der Maueröffnung alles stehen und liegen lassen. Tausende machten sich auf, um im Westen ein neues Leben zu beginnen.

Zwei Giengener gingen 2018 den genau umgekehrten Weg, gaben das recht beschauliche Leben und Arbeiten in der Marktstraße auf, um in Erfurt neu anzufangen. Drei Wochen im Monat verbringen Renate und Hermann Brender in der Plattenbausiedlung im Erfurter Norden und leben in einem Gebäude – einer sogenannten Scheibe – in der 280 Einheiten untergebracht sind. Eine Woche bleibt pro Monat für das Leben in Giengen.

Das Ehepaar, sie 67, er 68 Jahre alt, wohnt in einer Zwei-Raum-Wohnung und hat sich nicht nur in der Wahl der Herberge auf ganz neues Terrain begeben.

Die Giengener, die mehr als vier Jahrzehnte am selben Ort wirkten – sei es im Schuhgeschäft, das in vierter Generation geführt wurde, oder auch in der evangelischen Kirche – leben jetzt die meiste Zeit in einer Siedlung, die nach der Wende von allen Plattenbaugebieten von der Abwanderung mit am stärksten betroffen war. Von einst 13 000 Menschen im Jahr ist die Einwohnerzahl bis heute auf etwa 6200 zurück gegangen, wobei es auch schon weniger waren.

Von den Älteren, die dort geblieben sind, fühlen sich viele als Wende-Verlierer, die seit Jahrzehnten nicht damit zurecht kommen, dass ihr Leben im Arbeiter- und Bauernstaat über Nacht nichts mehr Wert war. Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit hat sich offenbar vererbt – 60 Prozent der Bewohner beziehen staatliche Leistungen. Alkoholsucht ist genauso ein Problem wie der Konsum von synthetischen Drogen wie Methamphetamin, auch bekannt als Crystal.

Die Brenders aus Giengen fühlen sich dennoch wohl im Stadtteil, der bei einem Besuch angesichts der Architektur einen Hauch von DDR-Vergangenheit erahnen lässt. Dass sich das Ehepaar aus dem Schwäbischen in Thüringen gut aufgehoben fühlt, liegt vor allem daran, dass sie den Platz für ihren Ruhestand nicht aus touristischen Gründen ausgesucht haben.

„Die Entscheidung, nach Erfurt zu gehen, war nicht spontan. Ich habe schon vor ein paar Jahren gemerkt, dass ich im Ruhestand noch einmal etwas Neues beginnen will und habe angefangen zu träumen“, sagt Renate Brender. Sie habe beispielsweise Berichte gelesen von Menschen, die nach Berlin zur christlichen Stadtmission gegangen sind. „Mir wurde klar, dass ich auch so was machen will“, so Brender, für die es galt, ihren Mann von der Idee zu überzeugen. Würde sich der tief in Giengen verwurzelte Hermann Brender entschließen können, an anderer Stelle neu und vor allem anders anzufangen? Er konnte. Zum Erstaunen seiner Frau.

Er war bereit, aufzubrechen, um zusammen mit seiner Frau an irgendeinem Ort in Deutschland bei einer Gemeinschaft von Christen mitzuarbeiten und sich einzubringen. „Wir haben uns fünf Zentren angeschaut, hier haben wir Feuer gefangen“, sagt Hermann Brender.

Beim „hier“ handelt es sich um das Jesus-Projekt Erfurt, eine Lebens- und Dienstgemeinschaft mitten im Stadtteil Roter Berg.

Der Leiter des Jesus-Projekts, der heute 53-jährige Michael Flügge, stammt zwar ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen, kennt aber die Nöte und Sorgen der Menschen im Roten Berg: Als junger Mann wird er heroinabhängig und straffällig, muss ins Gefängnis, macht eine Therapie und wird rückfällig. 18 lange Jahre ist er in der Sucht gefangen. Null Perspektive, keine Hoffnung. Dann findet er zu Gott und wird clean.

Als 2002 bei einem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium 17 Menschen getötet werden, entschließen sich christliche Teams aus Lüdenscheid, nach Erfurt zu fahren, um mit den Menschen zu beten und über ihr Leben zu sprechen. „Wir spürten tiefe Betroffenheit. Die Leute brachen nach wenigen Sätzen in Tränen aus“, sagt Flügge im Rückblick. Für ihn und seine Frau Ulrike steht nach diesen Erlebnissen fest: Sie werden nach Erfurt ziehen und ein diakonisches Projekt ins Leben rufen.

Im Februar 2004 startet ein kleines, siebenköpfiges Team eine Initiative für hilfsbedürftige Menschen am Roten Berg. Wenig später wird der Verein Jesus Projekt Erfurt gegründet. Von Anfang an ist es nicht nur der Dienst am Nächsten, sondern auch das gemeinsame Leben. „Wir haben mit Nichts angefangen und die Ergebnisse waren eher bescheiden“, so Flügge heute.

2007 gelingt es, den ehemaligen Konsum im Stadtteil anzumieten und in das Begegnungszentrum „Anders“ umzuwandeln. Von da an können unter anderem in einer Werkstatt hilfsbedürftige Menschen arbeiten und Straffällige ihre Sozialstunden leisten. 2013 kommt der Zweig Bärenstark und damit eine Kinder- und Jugendhilfe hinzu.

Mittlerweile platzt das Begegnungszentrum aus allen Nähten. 2018 kamen allein mehr als 3000 Kinder ins „Anders“. Das Begegnungszentrum, in dem auch Erwachsenen Alltagshilfe gegeben wird, stößt an seine Grenzen. Mehr als 20 Mitarbeiter arbeiten sehr beengt in kleinen Büros.

Schon lange träumt die christliche Gemeinschaft von einem Familienzentrum am Roten Berg. Als 2018 die Pläne konkreter werden, findet Flügge einen Zettel auf seinem Schreibtisch: Ein gewisser Hermann Brender aus Giengen, der sich mit Finanzen und Buchhaltung auskennt, habe angerufen. „Ich habe den Ort zuvor noch nie gehört“, so die Erinnerung Flügges. Nach einem Rückruf sei ihm klar gewesen: Renate und Hermann Brender sind ein großer Segen.

Die Großeltern aus Giengen bezogen im Mai des vergangenen Jahres ihre Plattenbauwohnung und wirken auf unterschiedliche Weise mit im Jesus Projekt. Hermann Brender ist mit der Buchhaltung beschäftigt und übernimmt das Fundraising für das Familienzentrum. Renate Brender arbeitet an unterschiedlichen Stellen den anderen zu und schließt Lücken – etwa in der Dekoration, in der Spendenabteilung, im alltäglichen Geschehen und im Gebet. „Wir wollen mit dem Team zusammen den Menschen nahe sein, die bislang wenig erfahren haben von Gott, die wenig Liebe, Anerkennung und Wertschätzung bekommen haben“, sagt Renate Brender. Beide bereichern die Gemeinschaft auch aufgrund ihres Alters. Sie bringen ihre langjährige Erfahrung aus der ehrenamtlichen Arbeit in der evangelischen Kirche ein und machen gleichzeitig neue Erfahrungen.

Dem Traum vom Begegnungszentrum kommt das Jesus Projekt immer näher. Ein 3300 Quadratmeter großes Grundstück ist gefunden. Darauf wird ein zweistöckiges Gebäude mit 1000 Quadratmetern Nutzfläche entstehen. Zwei Millionen Euro wird der Bau kosten.

Es herrscht spürbare Aufbruchstimmung am Roten Berg. Mittendrin: Renate und Hermann Brender, deren Auftrag weitergeht – nicht nur wegen der schönen Erfurter Innenstadt.