Porträt Steffen Kaltschmid ist ein Mann für jede Tonart

Der Komponist und Musikproduzent Steffen Kaltschmid hat seine Wurzeln in Giengen, lebt und arbeitet nun vor den Toren Münchens. In seinem Studio im Eigenheim wird komponiert und arrangiert. Der Filmkomponist hat unter anderem bei der Produktion des Zweiteilers „Die Pilgerin“ mitgewirkt und die Musik für mehrere Tatort-Folgen beigesteuert.
Der Komponist und Musikproduzent Steffen Kaltschmid hat seine Wurzeln in Giengen, lebt und arbeitet nun vor den Toren Münchens. In seinem Studio im Eigenheim wird komponiert und arrangiert. Der Filmkomponist hat unter anderem bei der Produktion des Zweiteilers „Die Pilgerin“ mitgewirkt und die Musik für mehrere Tatort-Folgen beigesteuert. © Foto: Marc Hosinner
Giengen / Marc Hosinner 04.07.2014
Ein Mann für jede Tonart – so der Titel eines deutschen Films, dessen Handlung von Musik bestimmt ist. Der Name des Streifens passt perfekt, um das Wirken des Giengeners Steffen Kaltschmid – heute vor den Toren Münchens zu Hause – zu beschreiben: der 39-jährige ist Filmkomponist.

Am Anfang war die Blockflöte: Auf diesem Instrument machte Steffen Kaltschmid seine ersten musikalischen Erfahrungen. Fruchtbar war das Flötenspielen nicht, sondern eher abschreckend. „Ich hatte während der Grundschulzeit zwei Jahre Unterricht, dann wollte ich nicht mehr. Ich hab's grausig gefunden und wollte danach mit Musik erstmal nichts mehr zu tun haben und stattdessen lieber Fußball spielen“, erinnert sich der heute 39-Jährige. Dass später einmal die Beschäftigung mit Tönen, Instrumenten und Melodien sein Broterwerb werden würde – damals unvorstellbar.

Früh spielte er bei der TSG Fußball, im Alter von zwölf und 14 schaffte er es sogar in die Bezirksauswahl und ein Jahr später in die Württembergische Auswahl.

Der walisische Rock'n Roller Shakin' Stevens war's, der bei Teenager Kaltschmid für eine Initialzündung sorgte; sein Cousin hatte ihm damals die Platten von Stevens vorgespielt. Fortan nahm die Musik einen großen Teil der Freizeitgestaltung des Giengener Gymnasiasten ein. An der städtischen Musikschule erhielt er von 1988 an Unterricht. Dazu gehörte die Ausbildung in den Fächern Schlagzeug, Klavier, Komposition, Arrangement, Harmonielehre und Gehörbildung.

In der hauseigenen Small- und Bigband, wie auch in anderen Bands, sammelte er erste Erfahrungen und schrieb seine ersten Arrangements und Kompositionen. „Mit 15 anzufangen war eigentlich sehr spät. Ich habe zwar sehr schnell gelernt, aber etwa beim Klavierspielen immer Defizite mitgeschleppt“, sagt der Filmkomponist rückblickend.

Die Ausbildung an der Musikschule gab ihm auch erste Gelegenheiten, ins Genre Filmmusik hinein zu schnuppern. Als Assistent seines Lehrers, der auf diesem Gebiet tätig war, durfte er mit komponieren und als Tontechniker helfen.

So groß seine Leidenschaft für die Musik wurde, so klein war seine Begeisterung für schulischen Unterricht: Als er 18 wurde, marschierte er ins Sekretariat, um sich abzumelden. „Ich wusste, dass ich kein Abi brauche, um Musik zu studieren, daher bin ich raus aus der Schule“, so der 39-Jährige.

Was folgte, waren einige Monate als Pizza-Ausfahrer, eine Ausbildung zum Tonassistenten und danach der Zivildienst. „Ich hatte viel Zeit und eigentlich nichts anderes gemacht, als zu üben“, sagt Kaltschmid, der an vier Musikhochschulen beziehungsweise Konservatorien die Aufnahmeprüfung ablegte. „Ich hatte keinen Vergleich und war sehr überrascht, wie gut ich war“, so der Filmkomponist: Er hätte an drei Hochschulen starten können und entschied sich für München, weil das dortige Richard-Strauss-Konservatorium (heute Hochschule für Musik und Theater) einen guten Ruf hatte. Von 1995 bis 2000 studierte er im Studiengang Jazz im Hauptfach Schlagzeug und im Nebenfach Klavier. 1997 und 1998 war er Schlagzeuger des Landesjugendjazzorchesters Bayern.

„Das Schlagzeug spielen hat sich allerdings immer mehr nach hinten verlagert. Ich habe komplett das Metier gewechselt, quasi von Null gestartet und fest daran geglaubt und gewusst, dass es funktionieren würde... na ja nicht immer“, so Kaltschmid.

Während des Studiums hatte er bei Filmkomponisten assistiert und sich nach dem Abschluss am Konservatorium selbstständig gemacht. „In München wird viel produziert, es ist sehr viel Geld da, aber es gibt auch eine mittlerweile riesige Konkurrenz. Am Anfang war ich einer unter ganz vielen. Ich hatte keine Ahnung von Verträgen oder Gagen und keine Kontakte zu Produzenten oder Regisseuren“, sagt der Münchner mit Giengener Wurzeln.

Sein erstes größeres Engagement kam denn auch über eine Empfehlung von einem Kommilitonen: Für die Soko-5113-Reihe des ZDF, die in der bayerischen Landeshauptstadt spielt, konnte er Arrangements schreiben.

„Alles hat sich nach und nach entwickelt. Vieles habe ich durch Empfehlungen bekommen. Marcel Barsotti, unter anderem am ,Wunder' von Bern oder der ,Päpstin' beteiligt, und der mehrfach ausgezeichnete Fabian Römer, der für ,Unsere Mütter unsere Väter' die Musik lieferte, waren für mich Eintrittskarten in Produktionen, etwa zum Tatort“, so Kaltschmid. Bei vier Folgen der Krimi-Reihe hat er bislang die Musik beigesteuert.

Am Anfang einer Produktion steht auch für den Komponisten das Drehbuch. Beim Rohschnitt wird dann schon Musik „drunter gelegt“. Am Ende kommt der Feinschliff. Auf die Frage, was einen guten Film ausmacht, antwortet Kaltschmid: „Ein gutes Drehbuch, ein guter Regisseur, gute Schauspieler und natürlich gute Musik... eine ideale Symbiose, dann ist er perfekt.“

Gute Filmmusik müsse dem Film dienen und dürfe sich nicht über ihn stellen. „Letztlich bin ich ein Dienstleister, das habe ich aber lange nicht verstanden“, sagt der 39-Jährige.

Bis heute hat er Musik für mehr als 100 Produktionen komponiert. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei der ZDF-Zweiteiler „Die Pilgerin“ ein, dessen Ausstrahlung Anfang des Jahres mehr als sechs Millionen Zuschauer in das Mittelalter entführte. „Das war auch der erste Soundtrack, den ich veröffentlichen konnte. Eine sehr große und aufwendige Produktion, die zweitteuerste des ZDF überhaupt, aufgenommen mit der Staatskapelle Weimar. Zudem konnten wir mittelalterliche Instrumente einfließen lassen. Das war alles sehr spannend und machte einen Heidenspaß“, so Kaltschmid über eine Produktion, die auch seinen Namen im Filmgeschäft bekannter gemacht haben dürfte.

Aktuell arbeitet er an einem Kurzfilm des Regisseurs Martin Wallner, in dem auch Miriam Margolyes, bekannt aus „Harry Potter and the Camber of Secrets“ mitspielt. Bald beginnen die Arbeiten zu einem weiteren Teil der ARD-Fernsehreihe „Reiff für die Insel“. Danach folgt eine Albumproduktion für Universal Music.

Was dann kommt, ist noch ungewiss. „Es gab schon Zeiten, in denen ich große Existenzängste hatte. Ich hatte zwar nie richtige Geldprobleme, aber sehr oft nicht gewusst, wie es weiter gehen soll. Du musst in dem Beruf lernen, entspannt zu sein“, sagt der Filmkomponist, der sich für die Zukunft weitere Produktionen auf dem Pilgerin-Niveau, mehr Dokumentationen oder auch weitere Kinofilme als Auftrag wünscht.

Und wie sieht es mit der Beziehung zu seiner Heimatstadt Giengen aus? „Früher war ich froh, dass ich weg war. Jetzt komme ich gerne nach Hause, um Familie und Freunde zu treffen“, so der 39-Jährige, der seit Kindheitstagen Mitglied der Pfadfinder war und jetzt Schriftführer des Fördervereins ist.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel