Gericht Opfer im Steinewerfer-Prozess: „Der hat unser Leben zerstört“

Marc Hosinner 16.03.2017
Beim Prozessauftakt verweigert der 37-jährige Angeklagte die Aussage, droht dann aber dem Fahrer des Unfallwagens. Das Opfer-Ehepaar schildert in bewegenden Worten den Unfall und die körperlichen und psychischen Folgen der Tat.

Erst ein Schulterzucken, dann die Ankündigung, keine Angaben machen zu wollen.

So reagiert der 37-jährige Angeklagte auf die Frage des Vorsitzenden Richters Gerhard Ilg, ob er sich dazu äußern möchte, was ihm vorgeworfen wird: Er soll versucht haben, vier Menschen heimtückisch zu töten, indem er von einer Brücke beim Flugplatz einen Stein auf die Fahrbahn der A 7 geworfen hatte.

Angeklagter zur Zeit in Behandlung in Bad Schussenried

Die knappe Äußerung, nichts sagen zu wollen, ist zunächst der einzige Beitrag des mutmaßlichen Steinewerfers, der derzeit in einem Zentrum für Psychiatrie in Bad Schussenried untergebracht ist, zur Verhandlung vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Ellwangen.

Er macht einen wachen Eindruck und blickt ab und an in die Zuschauerränge. Es scheint so, als würde er dort jemanden suchen. Ansonsten zeigt er wenig Regung bei der Verlesung der Anklage und der Aussage der ersten Zeugen.

Das ändert sich, als Richter Ilg den vierten Zeugen des Tages aufruft: den Fahrer des Unfallwagens. Als der Familienvater den Saal betritt, senkt der Angeklagte den Blick und verbirgt seine Augen unter der Schildmütze.

Der Angeklagte droht dem Opfer

Der 33-jährige aus Laupheim, der in den früheren Morgenstunden des 25. September mit seiner Frau und seinen beiden Kindern auf der Heimfahrt von einer Hochzeit bei Regensburg war und auf Höhe des Giengener Flugplatzes mit seinem Wagen über einen zwölf Kilogramm schweren Stein fuhr, sucht den Blick des Angeklagten zunächst vergeblich.

Der Familienvater versuchte bei seiner anschließenden Aussage ruhig zu bleiben: „Ich sah einen Gegenstand rechts auf der Fahrbahn liegen und hatte nur noch wenige Sekunden Zeit zu entscheiden, was ich machen sollte. Ich dachte, ich fahre besser drauf als unbeherrscht auszuweichen. Es gab einen großen Knall, dann bin ich nach rechts in die Böschung gefahren. Ich dachte, das überlebst Du nicht.“

„Ich besorg mir eine Waffe“

Auf eine Nachfrage des Gerichts hinsichtlich des Unfallgeschehens sagt der 33-jährige Familienvater fast beiläufig: „Woher sollte ich wissen, dass einer einen Stein wirft.“ Sein Blick geht da Richtung mutmaßlichem Täter, der jetzt doch redet und den Vater bedroht: „Woher willst Du wissen, dass ich das war. Ich bin für Deinen Unfall nicht verantwortlich“, um nachzuschieben: „Sobald ich raus bin, bau ich mir eine Waffe, Ich habe eine Nahkampf-Ausbildung. Pass bloß auf.“

Erst das Einschreiten des Richters verhindert zu diesem Zeitpunkt eine weitere Eskalation – dem Angeklagten werden die zu Beginn entfernten Handschellen wieder angelegt.

Der 33-Jährige hat nach der verbalen Auseinandersetzung Mühe, sich zu beruhigen. Bevor er seine Aussage fortsetzen kann sagt er: „Der hat unser Leben zerstört“.

„Ich dachte, meine Frau stirbt“

Direkt nach dem Unfall hatte er gedacht, dass seine Frau sterben würde: „Man denkt, man ist am Ende angekommen. Ich werde das nie vergessen können.“

Heute, knapp sechs Monate nach dem Unfall, leidet er immer noch an dessen Folgen: Er sei nach wie vor mit seinen beiden, beim Unfall relativ leicht verletzten Kinder in psychiatrischer Behandlung und nehme nach wie vor mehrmals täglich Schmerzmittel, weil seine Verletzungen – darunter ein Beckenbruch , Verletzungen am Knie und im Halsbereich – ihn beeinträchtigen.

Noch weit schwerer vom Unfall gezeichnet ist die 26-jährige Frau des zweifachen Vaters: Sie wurde am Donnerstag im Rollstuhl ins Gericht gefahren. Sie hatte darum gebeten, den Angeklagten nicht sehen zu müssen, weshalb dieser während der Aussage der Frau in den hinteren Bereich des Saales umziehen musste.

„Ich weine die ganze Nacht“

„Ich bin auf der Fahrt eingeschlafen und aufgewacht, als mein Mann meinen Namen geschrien hat. Dann hat das Auto stark gezittert. Als ich meine Augen geöffnet habe war ich im Krankenhaus. Es waren zweieinhalb Wochen vergangen“, so die Frau. In der Klinik in Ulm habe sie erfahren, dass man ihr Platten in den Hals und den Rücken operiert habe.

Dass man ihr wegen einer lebensbedrohlichen Infektion das rechte Bein unterhalb des Knies abnehmen musste, hatte man ihr erst zwei Tage später erzählt. „Da ist mein Leben zusammengebrochen“, so die Frau, die sagte, sie habe Angst, dass sich ihre Kinder von ihr entfremden. Wann sie die Klinik verlassen könne, sei nicht klar.

Bis zu 20 Schmerztabletten pro Tag

Sie nehme bis zu 20 Schmerztabletten am Tag. „Wenn meine Kinder mich besuchen, versuche ich, stark zu sein. Wenn sie weg sind, weine ich die ganze Nacht, sagt die 26-Jährige, die derzeit versucht, mit einer Prothese wenige Schritte am Stück zu laufen. „Ich möchte wieder ein ganz normales Leben führen“, sagt sie, bevor sie den Gerichtsaal mit ihrem Mann verlässt, um so schnell als möglich in die Klinik zurück zu kehren.

Am Nachmittag des ersten Prozesstages werden noch die Aussagen von Medizinern gehört. Es sei davon auszugehen, dass bei der Frau Dauerschäden bleiben. Es ist die Rede von einer inkompletten Querschnittlähmung, von einer kompletten Darm- und Blasenlähmung. Ein ganz normales Leben? Das scheint sehr fraglich.

Die Verhandlung wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Insgesamt sind sechs Verhandlungstage angesetzt.

Zweite Anklage: Unerlaubter Besitz von Schusswaffen und Munition

Nicht nur wegen versuchten Mordes ist der 37-Jährige vor dem Landgericht in Ellwangen angeklagt. Die Staatsanwaltschaft legt dem Mann zudem unerlaubten Besitz von drei Schusswaffen und Munition zur Last.

Laut Staatsanwaltschaft hatte der Heidenheimer am nördlichen Rand des Steinbruchs der Firma Schwenk im Lehrhaussträßle eine zu einer scharfen Waffe umgebaute Pistole Walther P88, einen funktionsfähigen sechsläufigen Schussapparat sowie einen selbst hergestellten sechsschüssigen Revolver sowie mehr als 160 Patronen mit selbst gegossenen Projektilen in einem Versteck verwahrt – ohne die waffenrechtliche Erlaubnis dafür zu besitzen.

Unseren Informationen zufolge hat ein Förster das Versteck zufällig entdeckt. Der Angeklagte, der zuvor schon wegen illegalen Waffenbesitzes angeklagt war, hatte bei einer Vernehmung wohl zugegeben, dass es seine Waffen sind.