Giengen Dieter Henle hat als Oberbürgermeister noch keine Sekunde bereut

Im Interview: Giengens Oberbürgermeister Dieter Henle.
Im Interview: Giengens Oberbürgermeister Dieter Henle. © Foto: Christian Thumm
Giengen / Marc Hosinner/Dieter Reichl 11.08.2018
Seit seinem Amtsantritt im Oktober gibt Dieter Henle als Oberbürgermeister für Giengen und die Bürger ordentlich Gas.

Eigentlich ist OB Dieter Henle erst seit Mitte Oktober 2017 im Amt, doch schon seit seiner Wahl am 30. Juli des vergangenen Jahres legt sich der jetzt 43-jährige für die Stadt ins Zeug – wie es scheint fast pausenlos. Im Interview spricht der Rathauschef über die zurückliegenden Monate und über Zukunftsaufgaben, die er mit Verwaltung, Gemeinderat und den Bürgern angehen will.

Herr Henle, Sie sind seit einem Jahr gewählt. Es scheint, als hätten Sie seitdem keine ruhige Minute gehabt. Wie empfanden Sie die vergangenen Monate?

Dieter Henle:

Ich freue mich noch jeden Tag über das Amt des Oberbürgermeisters. Ich habe keine Sekunde bereut. Aber es wäre auch schlimm, wenn das so wäre. Ich bin begeistert über die Offenheit der Bürger. Wir können mit Stolz zurückblicken, was wir geschafft haben, mit den Stadträten und den vielen Bürgern, die sich ehrenamtlich in großem Maße engagieren. Darauf lässt sich aufbauen. Wir stehen weiter vor großen Herausforderungen, aber ich packe jeden Tag gerne mit ganzer Kraft für Giengen an.

Eine der Herausforderungen befindet sich direkt vor ihrem Büro. Der Rathausplatz soll erneuert werden. Mancher Bürger fragt sich, ob's das braucht.

Klar schauen wir in Giengen mit einem anderen Blick als anderswo auf die Finanzen. Aber was den Rathausplatz und die Marktstraße betrifft, müssen wir das ganz klar machen, weil wir Attraktivität und Aufenthaltsqualität schaffen wollen. Alles was Frequenz in die Innenstadt bringt, ist ein guter Baustein. Wir wollen dort ein Ausrufezeichen setzen. Wichtig ist, dass wir die Entscheidung getroffen haben und miteinander angehen.

Bei „Halb 8“ hat man gesehen, dass das auch an einem anderen Spielort funktioniert. War das ein Vorläufer für kommendes Jahr im Sommer?

Wir werden mit dem Umbau erst im Herbst beginnen. Insofern können andere Veranstaltungen wie das Stadtfest oder die Rathauserenade auch 2019 auf dem Platz stattfinden. Speziell bei „Halb 8“ zeigt es sich jetzt, dass die Bürger hinter der Veranstaltung stehen, auch an einem anderen Ort.

Soll der Rathausplatz auch nach dem Umbau ein Ort für Veranstaltungen sein?

Unbedingt. Da sollen sich die Menschen treffen, da soll das Leben pulsieren. Der Entwurf mit dem Brunnentisch, für den wir uns entschieden haben, hält viel Fläche für Veranstaltungen vor. Ich bin sicher: Das wird gut werden.

Glauben Sie, dass die Bürger den Platz auch annehmen werden?

Davon bin ich überzeugt. Der Entwurf spricht für sich und hat seine Feinheiten wie den Brunnenspiegel. Was uns ganz wichtig war: Alles führt in die Marktstraße hinein.

Wie ist denn der zeitliche Ablauf, es stehen ja auch noch die Seitenstreifen an?

Wir haben gut geplant, um die besten Preise abzugreifen. Zudem wollen wir die Händler so wenig wie möglich einschränken. Von Herbst 2019 bis ins Frühjahr 2020 ist der Rathausplatz dran, die Seitenstreifen sollen bis Oktober 2020 fertig sein.

In der Innenstadt sind seit Jahren auch die Leerstände ein Thema. Wie stellen Sie sich da die weitere Entwicklung vor?

Die Innenstadtentwicklung ist das Herzstück für das Thema Gewerbe. Der Wirtschaftsförderer wird das Thema Leerstandsmanagement angehen. Es ist erfreulich, dass wir seit einem Jahr eine positive Bilanz haben, aber es gilt, den Mix im Einzelhandel zu verbessern. Wir haben für die Liegenschaften in der Innenstadt ein Konzept erstellt, das wir mit dem Gemeinderat in der Klausur Ende September besprechen. Wir wollen da keinen Schnellschuss realisieren, sondern unseren schönen Altstadtcharakter erhalten.

Schauen wir Richtung Autobahn. Es soll einen zweiten Industriepark geben. Kritisiert wird der Flächenverbrauch von 40 Hektar Feldflur.

Der Giengener Industriepark ist für die Stadt immens wichtig. Und wo macht das mehr Sinn als an einer Autobahn, wo schon ein Industriepark besteht, wo wir wenig Zerschneidungseffekte für die Landwirtschaft haben. Uns ist durchaus bewusst, dass es ein großer Flächenverbrauch für die Landwirtschaft ist. Deshalb wollen wir im guten Miteinander für die Landwirte neue Pachtflächen zur Verfügung stellen. Der Prozess läuft gerade. Unserer Stadt tut der neue Industriepark sehr gut. Die Große Kreisstadt Giengen ist auch selbstbewusst genug, das alleine in die Hand zu nehmen, weil alles auf unserer Gemarkung liegt. Mir ist aber auch wichtig, dass wir ein Ausrufezeichen für die Umwelt setzen. Das zugehörige Konzept, auch über die vorgeschriebenen Ausgleichsflächen hinaus, wird gerade entwickelt. Dabei haben wir das Öko-Konto fest im Blick.

Beim ersten Industriepark musste man Jahre warten, bis die Verkäufe richtig in Schwung kamen. Kann sich das wiederholen?

Das denke ich nicht. Wir wollen ein gutes Risikomanagement an den Tag legen. Im September wollen wir deshalb dem Gemeinderat ein Finanzierungskonzept vorstellen und aufzeigen, wie wir die Grundstücke finanzieren wollen. Und wenn wir landwirtschaftliche Fläche zur Verfügung stellen, sollen die nicht 20 Jahre brach liegen. Es soll schnell etwas geschehen.

Ein Filetstück für Ansiedlungen könnte auch das Gebiet an der Sundgaustraße, ehemals Lumpen-Wolff, werden. Man hat läuten hören, dass die ursprünglichen Ideen nicht mehr auf der Agenda stehen.

Das Protonen-Bestrahlungszentrum ist dort tatsächlich vom Tisch. Wir sind aber mit den Investoren und dem Projektentwickler nach wie vor gut unterwegs, um für die Nahversorgung der Südstadt weiter Gutes zu tun. Wir wollen nicht nur eine Industriebrache verhindern, sondern auch die Südstadt wieder besser an die Innenstadt anbinden mit Fußweg- und Radwegverbindungen. Das wurde mir im vergangenen Jahr im Wahlkampf immer wieder aufgetragen. Weiter wird das Thema Hotel geprüft. Insgesamt wollen wir keine Zeit verlieren, es laufen parallel mehrere Gutachten. Wir wollen auch mit diesem Gebiet dafür sorgen, dass weniger Kaufkraft aus Giengen abfließt.

Wie steht es um das Ärztehaus, auf das viele warten?

Das Thema Ärzteversorgung treibt uns natürlich um. Wir sind in einem sehr straffen Zeitplan unterwegs. Unser Ziel ist es, bis Mitte nächsten Jahres ein medizinisches Versorgungszentrum im Stadtkern auf die Beine zu stellen. Es geht derzeit um Details wie Immobilie und Beteiligung.

Es wird, so der Eindruck, derzeit viel angeschoben. Wie wird da das Aus für Sconvey eingeschätzt?

Das ist natürlich sehr bedauerlich, wir müssen uns aber neutral verhalten. Was wir für die Mitarbeiter tun können, werden wir tun. Wir haben deswegen eine Kontaktbörse initiiert, bei der sich die entlassenen Mitarbeiter mit Unternehmensvertretern aus Giengen und der Region treffen können. So können wir vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen, dass die Mitarbeiter nicht auf der Straße stehen werden.

Es fällt auf, dass Sie vor allem bei wirtschaftlichen Belangen Leute ins Boot holen. Für die Finanzierung des Wirtschaftsförderers wurde sogar mit Unternehmen eine Vereinbarung geschlossen. Es scheint, als würden Sie offene Türen einrennen.

Das kann ich so bestätigen. Das zeigt auch das Interesse der Unternehmen daran, für den Wirtschaftsstandort und den Wohnstandort attraktiv zu sein. Man gewinnt eben in einer Konkurrenzsituation, im Wettkampf um gute Arbeitskräfte nur, wen das Gesamtpaket stimmt. Da gehört eine funktionierende Bildungsstruktur dazu, aber auch ein gutes Freizeitangebot. Da sind wir in Giengen reich beschenkt. Wichtig ist aber auch, wie das Wohnangebot aussieht. Da haben wir noch große Herausforderungen vor uns. Wir sollten nicht erst aktiv werden, wenn es nichts mehr gibt, sondern vorausschauender handeln. Wir werden unsere Hausaufgaben bis 2019 erledigen.

Giengen scheint als Wohnort für Menschen immer interessanter zu werden, die in Ulm arbeiten und dort nicht fündig werden.

Das stimmt. Mit Anbindung der Brenzbahn und vor allem auch mit der Neubaustrecke Ulm-Stuttgart sind das ja gar keine Entfernungen mehr. Da können wir punkten. 2018 haben wir Stand jetzt schon 30 Prozent mehr Bauplätze verkauft als geplant. Das zeigt das Interesse an Giengen und stimmt positiv. Einige Bauplätze gingen an Menschen von außerhalb.

Ihr Anliegen, dass Giengen wieder mehr Einwohner bekommen soll, ist also nicht aus der Luft gegriffen?

Nein. Mein Ziel ist ganz klar: Wir wollen wieder über die 20 000-er Marke. Das gelingt eben nur mit neuen Arbeitsplätzen und neuen Familien.

Zu Ihrem Start als OB hat sich gefühlt die Finanzlage schlagartig verbessert. Andererseits scheint der Geldbeutel manchmal ziemlich locker zu sitzen. Oder täuscht dieser Eindruck?

Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir werden strikt die Ära der Genesung weiter gehen und weiter Schulden abbauen. Wir werden da auch durch das Regierungspräsidium bestätigt. Aber ich lege auch mein „Hobby“ nicht ab, Fördermittel für die Stadt Giengen zu generieren. Das hat 2018 gut funktioniert. Wir sind mit unterschiedlichen Anträgen zum Zug gekommen. Das stimmt zuversichtlich. Allein bei den Schulen sprechen wir bei Investitionen über zweistellige Millionenbeträge.

Investitionen stehen auch an, wenn die Pläne der Stadtrandstraße verwirklicht werden. Wie ist der aktuelle Stand?

Wir lassen aktuell die Kosten für den Teil, der auf Gemarkung Giengen liegt, neu berechnen und beziehen die Umfahrung von Hohenmemmingen mit ein. Was wir tun können, um das Ried anzubinden und Neuansiedlungen zu ermöglichen, sollten wir mit Nachdruck vorantreiben.

Gibt es hierfür zeitliche Vorstellungen?

Das ist natürlich schwierig. Es geht ja auch um die Beseitigung des Bahnübergangs mit Partnern wie Bund und Land. Dann muss auch immer der Natur- und Artenschutz berücksichtigt werden. Da eine Zeitaussage zu machen, ist schwierig. Ich stehe bewusst zu meinen Aussagen nach der Wahl. Die Erschließung wird kommen und ich möchte das in meiner ersten Amtsperiode für Giengen umsetzen.

Die Idee ist aber nach wie vor, die Bahnhofstraße zu verlängern, um über die Brenz ins Ried zu kommen?

Ja, und es geht eben auch über die Anbindung von Osten, aus Richtung Hohenmemmingen. Die Anbindung ins Ried muss kommen, wir müssen da Wort halten.

Als Oberbürgermeister sind Sie auch Chef der Firma Rathaus. Überfordern Sie vielleicht ihre Mitarbeiter durch das riesige Paket, das Sie schnüren?

Nein. Es wird viel abverlangt. Aber wir haben auch Nachholbedarf. Ich stehe in einem guten Miteinander mit den Mitarbeitern. Sie tragen die Philosophie mit. Vor allem die Mitarbeiter in der Führungsriege sollen eigene Ideen entwickeln können. Diese Kultur kommt an. Wir sind als mittelständisches Unternehmen Rathaus schlank aufgestellt, haben kein Fleisch auf den Rippen, an Fett ist gar nicht zu denken. Wir sind dabei, Stellen wieder zu besetzen, deshalb sind derzeit vermehrt Stellenausschreibungen zu sehen. Wir wollen wieder schlagkräftig werden. Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit dem Einsatz der Mitarbeiter. Das hatte ich so nicht erwartet. Was mit großer Motivation an Konzepten erarbeitet wurde, verlangt großen Respekt. In anderen Kommunen werden derlei Aufgaben schnell mal fremd vergeben.

Ist Ihnen ein gutes Arbeitsklima wichtig?

Unbedingt. Nicht nur der OB muss die Arbeit gern machen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich das Image Giengens, um das es nicht immer zum Besten bestellt war, schon gewandelt hat?

Ja. Das Interesse bei den Gewerbetreibenden und Investoren ist da. Auch bei den Familien. Dieses Image kam in der Vergangenheit auch durch das Thema Haushaltssicherung zustande. Das in ein positives Image wieder umzudrehen, gelingt nur durch den Kontakt mit den Menschen. Deshalb ist mir die Bürgernähe auch so wichtig, um ins Gespräch zu kommen. Daher sind Termine wie der Bürgerdialog in den Teilorten oder die Sprechstunde in der Kernstadt so wichtig. Es freut mich, wenn mich Bürger auf der Straße auch wegen kleinerer Probleme ansprechen.

Was in den vergangenen Jahren ein wenig vernachlässigt wurde, ist die Jugend. Für 15- bis 19-Jährige gibt es wenig Angebote. Ist das für Sie auch ein politisches Thema?

Das Thema wird uns in den nächsten Jahren weiter beschäftigen. Wir haben zwar das Haus der Jugend, mit dem wir viele erreichen, aber es sind flankierende Angebote nötig. Deshalb war zum Beispiel das Beachvolleyball-Feld in Hohenmemmingen so wichtig. Das war eine bärenstarke Aktion. Ein anderes Beispiel ist der Schwageparkplatz. Den wollen wir nicht nur mit der Verkehrsschule belegen, sondern dort auch eine Aufwertung für die Jugend mit Skaterpark oder einer Sprayer-Wand vornehmen.

Wie stehen Sie zum Thema Jugendgemeinderat?

Dieses Gremium ist meiner Ansicht nach nicht zukunftsfähig. Projektbezogene Arbeit mit Jugendlichen ist deutlich sinnvoller.

Jetzt haben wir über viele Themen gesprochen, die Sie umtreiben und die Sie antreiben. Abschließend die Frage: Wie sieht's eigentlich mit Urlaub aus?

Im Januar hatte ich mal einen Tag und am vergangenen Wochenende war ich im Kleinwalstertal. Teils privat fahre ich noch diesen Monat nach Köflach und Ende des Monats nach San Michele die Ganzaria auf Sizilien.

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