Giengen Neun Verurteilungen seit 1999: neue Chance für 45-Jährigen

Urteil am Heidenheimer Amtsgericht.
Urteil am Heidenheimer Amtsgericht. © Foto: Archiv
Giengen / Nadine Rau 23.08.2018
Ein 45-Jähriger wurde wegen räuberischen Diebstahls und weiteren Delikten zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Auch nach knapp vier Stunden sind noch nicht alle Fragen geklärt. Das Urteil aber steht fest: zwei Jahre und vier Monate Gefängnis. „Man hätte auch an mehr denken können“, so Amtsgerichtsdirektor Rainer Feil, „aber ich sehe Sie auf einem guten Weg.“

Der 45-jährige Angeklagte zeigt kaum eine Reaktion, es ist nicht das erste Mal, dass er hinter Gitter muss. Sein Vorstrafenregister ist lang, seit 1999 zählt Feil neun Verurteilungen auf. Letztlich findet auch diese Verhandlung heute, bei der Taten aus dem Jahr 2016 auf der Agenda stehen, erst deshalb zwei Jahre später statt, weil der Betroffene für eineinhalb Jahre in Polen in Untersuchungshaft geraten war. Ob zurecht oder zu unrecht? Eine dieser offenen Fragen.

Heroinsucht war der Antrieb

Dreh- und Angelpunkt des Prozesses sind Drogen: Heroin war meist der Antrieb für die Taten des Angeklagten. In Russland aufgewachsen und zum Maler ausgebildet, kam er 1996 mit seiner Familie nach Deutschland. Als Maler hat er hier nie gearbeitet, sich stattdessen mit anderen Jobs über Wasser gehalten.

2016 lebt er in Giengen im Kellerraum seiner Eltern, zu denen er, so der Richter, „ein gutes Verhältnis“ pflegt. Aus seiner geschiedenen Ehe gingen vier Kinder hervor – zwei sind erwachsen, zwei leben in einer Pflegefamilie. „Ich zahle Unterhalt, sobald ich wieder einen Job habe“, sagt der Familienvater, der momentan in einem Wohnheim in Heidenheim lebt. Bislang hat er sein weniges Geld für Heroin ausgegeben. Mit den Drogen fing es an, als er nach Deutschland kam. Warum? Das bleibt offen.

Im Mai 2016 konsumiert er an einem Morgen Heroin. Er weiß, dass es nicht für den Tag reichen wird und er kein Geld mehr hat. Also steckt er sich in einem Supermarkt Waren wie Kopfhörer, ein Ladekabel und einen USB-Stick in den Hosenbund, um damit zu verschwinden. Kurz darauf schlägt er der Ladendetektivin, die ihn anspricht, ins Gesicht, schubst noch eine andere Kundin und flieht.

Ein Mitarbeiter des Ladens geht ihm nach und kann ihn in der Innenstadt festhalten. Wieder reagiert der Dieb gewalttätig, versucht den Mitarbeiter zu würgen. Erst dank eines weiteren Passanten gelingt es, den Täter festzuhalten, bis die Polizei eintrifft. Dann geht es noch einmal zum Tatort.

„Er war total gleichgültig, als ob es ihn nichts angehen würde“, sagt die Ladendetektivin heute als Zeugin. Daran kann sie sich noch genau erinnern, aber genau wie die sechs anderen Zeugen muss auch sie manchmal ausweichen: „Es tut mir leid, aber das ist zwei Jahre her.“

Den Tathergang rekonstruieren

Richter Feil hat dafür Verständnis, versucht aber, den Tathergang genau zu rekonstruieren. Während im ersten Fall alles klar ist, gibt es Ungereimtheiten, was einen zweiten Einbruch bei einem Uhren- und Schmuckgeschäft betrifft. Die Aussage des Angeklagten: Er habe den Diebstahl nur beobachtet und Ware davon an sich genommen. Später sei er in die Wohnung des Diebes, den er bereits kannte, und habe neben Kleidungsstücken noch mehr Diebesgut mitgenommen.

Die Version des angeblichen Diebes: „Ich habe nichts geklaut, und auch er hat keinen Schmuck genommen. Er hat bei mir nur Kleidung genommen und hätte er was gesagt, hätte ich es ihm geschenkt, der Depp.“ Wer es am Ende war: eine offene Frage mehr.

Wie auch immer der Angeklagte an den Schmuck gelangt war – später schenkt er diesen einer Taxifahrerin und erzählt ihr, dass es Ware von einem Einbruch sei. Die Drogen ließen den Angeklagten gleichermaßen zum Täter und zum Geständigen werden.

Butterflymesser in der Wohnung

Das Gericht schenkt dem Angeklagten im Fall des Juweliers Glauben, obwohl ein Giengener Polizist aussagt, dass er sich eine bloße Beobachtung des Diebstahls „bei der Beleuchtung dort nicht vorstellen kann“. Feil wertet die Tat als Unterschlagung, hinzu kommen der räuberische Diebstahl, der Wohnungseinbruchsdiebstahl und ein Verstoß gegen das Waffengesetz, weil die Polizei ein Butterflymesser in der Wohnung des 25-Jährigen gefunden hatte. 1000 Euro Schmerzensgeld an die Ladendetektivin muss er ebenfalls zahlen.

„Ich bemühe mich, dass ich jetzt Arbeit kriege“, erklärt der Täter, der mittlerweile seit fast zwei Jahren keine Drogen mehr konsumiert und den Anschein macht, innerlich kämpfen zu müssen, als sein Lebenslauf mit den Inhaftierungen zur Sprache kommt: Körperverletzung, Handel mit Betäubungsmitteln, Brandstiftung.

Zweimal hat er es erfolglos mit einer Entziehungskur versucht. Als er die Taten in Giengen begeht, steht er noch unter Bewährung.

Keine verminderte Schuld

Der Staatsanwalt plädiert auf zweieinhalb Jahre als Strafe. Auch wenn der Angeklagte während des räuberischen Diebstahls unter Drogen gestanden hatte, könne man nicht von verminderter Schuld sprechen. Der Verteidiger indes erkennt einen minderschweren Fall: „Er hatte einen Suchtdruck zu bewältigen.“ Einen Strafantrag stellt er nicht, aber eine Strafe unter zwei Jahren auf Bewährung sei realistisch.

Richter Feil kann das nicht verantworten. Das Vorstrafenregister und die zeitlich gestaffelte Gewalt nach dem Diebstahl, die eine Kurzschlussreaktion ausschließt, würden schwerer wiegen als die positiven Aspekte. Die Tatsache etwa, dass der Täter sich entschuldigt hat. „Ich will wieder auf die Beine kommen, ich habe so viel Knast hinter mir“, sagt er.

Feil rechtfertigt seine Entscheidung: „Sie bekommen Ihre neue Chance, nur eben nicht sofort.“

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