Giengen Seit 1991 verbotenes Mittel Atratzin in der Hürbe nachgewiesen

So idyllisch der Hürbequelltopf von außen aussehen mag, die Landeswasserversorgung ist mit der Qualität des Wassers gar nicht zufrieden. Sie sehen Landwirte aus der Umgebung in der Pflicht, weniger Spritzmittel zu verwenden.
So idyllisch der Hürbequelltopf von außen aussehen mag, die Landeswasserversorgung ist mit der Qualität des Wassers gar nicht zufrieden. Sie sehen Landwirte aus der Umgebung in der Pflicht, weniger Spritzmittel zu verwenden. © Foto: Nadine Rau
Giengen / Nadine Rau 23.08.2018
Die Landeswasserversorgung hat Stoffe nachgewiesen, die dem Gewässer schaden könnten. Das Umweltministerium entschärft die Ergebnisse.

Glyphosat war der Auslöser: Als das Herbizid im Juni von der Landeswasserversorgung an sieben von neun Messstellen in der Donau bei Ulm sowie im Donauried nachgewiesen worden war, war dies Anlass für weitere Untersuchungen. „Wir wollten die Proben auch auf Zuflüsse ins Donauried und auf Schutzgebietsbereiche ausweiten“, erklärt Bernhard Röhrle, Sprecher der Landeswasserversorgung (LW).

Hürbe, Lone und Egau wurden untersucht

Die Hürbe kam auch wegen der nahen Tiefbrunnen in Burgberg beim Kalkwerk, drei sind es an der Zahl, in Anbetracht. Sie entspringen dem Grundwasservorkommen der Schwäbischen Alb. Neben der Hürbe wurden auch die Lone und die Egau, die durch Dischingen und den Härtsfeldsee fließt, unter die Lupe genommen.

Jetzt sind die Untersuchungen abgeschlossen – und die Ergebnisse beunruhigen die Experten der LW. Das Pflanzenbehandlungsmittel Atrazin, so Röhrle, sei noch immer nachweisbar, obwohl es seit 1991 verboten ist.

„Wollen nichts davon im Wasser haben“

„Das zeigt uns, wie langlebig diese Wirkstoffe und wie kritisch sie zu sehen sind“, so Röhrle. Auch weitere Stoffe mit komplizierten Namen, die Nicht-Experten wohl nichts sagen werden, konnten bei den Untersuchungen nachgewiesen werden. Desphenyl-Chloridation zum Beispiel oder Dimethachlor sowie Trifluoressigsäure. „Eigentlich wollen wir nichts davon im Wasser haben.“

Atrazin kann sich über Jahrzehnte vor allem in Gewässern halten und kann für Wasserorganismen, etwa Algen oder manche Fische, giftig sein. Es wurde vorwiegend als Herbizid in Maiskulturen oder zur Unkrautvernichtung verwendet. „Das ist ein Cocktail an Giftstoffen, der da nicht hineingehört. Wir haben schon jetzt nicht mehr so viele Lebewesen wie Larven, kleine Fische oder Krebse. Das Zeug macht manchen den Garaus“, spitzt es Röhrle zu.

20 Prozent des Grenzwertes

Für den Menschen stellen diese Ergebnisse erst einmal keine Gefahr dar. „Es trinkt niemand aus den Flüssen, aber ein Teil der Stoffe kann mal im Trinkwasser ankommen“, so Röhrle. Momentan habe man bei manchen Stoffen um die 20 Prozent des Grenzwerts, der bei 0,1 Mikrogramm pro Liter liegt, erreicht. Dieser Grenzwert ist laut Umweltministerium aber rein hygienisch zu betrachten, toxikologisch habe er keine Relevanz. Weder für den Menschen, noch für Tiere oder Pflanzen: „Bei 0,02 Mikrogramm pro Liter wie in der Hürbe schadet das Atrazin den Organismen im Wasser nicht“, so ein Sprecher des Ministeriums.

Auch die Experten aus Stuttgart führen regelmäßig Tests durch. In den vergangenen fünf Jahren wurde an gut 3800 Stellen gemessen, an elf davon wurde der Grenzwert der Trinkwasserverordnung überschritten. „Das baut sich so schlecht ab, das ist keine Überraschung“, so der Sprecher.

Atrazin mit Verzögerung im Grundwasser

Die Ackerböden auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb, in denen Niederschlag versickert, würden die Stoffe laut LW ans Grundwasser abgeben. Dem Ministerium zufolge sei es klar, dass das mit Verzögerung passiert, weil es dauert, bis der Stoff vom Regen- übers Sickerwasser ins Grundwasser gelange. Das ist auch die Erklärung dafür, dass man die Befunde direkt in der Hürbequelle feststellen kann.

Im Brunnen der Landeswasserversorgung kam bisher noch nichts an, man sehe die Gefahr aber gegeben, vor allem wenn ein Wasserwerk keine Aufbereitung zur Verfügung habe.

Die LW macht vorwiegend die Landwirte für die Befunde verantwortlich und hat deshalb bereits im März den Landkreis Heidenheim sowie den Ostalb- und den Alb-Donau-Kreis dazu aufgefordert, ihr Daten bezüglich der Stoffe zu schicken, die die Landwirte verwenden. Sie würden die Spritzmittel nutzen und obendrein die Umwelt auch verschmutzen, wenn sie zum Beispiel ihre Maschinen auf den Höfen mit chemischen Stoffen reinigen.

Landwirte müssen keine Auskunft geben

Allerdings gibt es laut einer Sprecherin des Regierungspräsidiums „keine generelle Übermittlungspflicht für Landwirte von Aufzeichnungsdaten bezüglich der Anwendung von Dünge- oder Pflanzenschutzmitteln“. Die Landratsämter würde daher nicht über diese Daten verfügen. Die Landwirte selbst, so das RP weiter, müssen die Informationen lediglich bei einer Kontrolle bereitstellen.

Im Notfall über den Rechtsweg

„Wir haben trotzdem noch einen Antrag beim Regierungspräsidium gestellt und wenn das nichts hilft, probieren wir es über den Rechtsweg“, so Röhrle. Die LW stützt sich auf eine EU-Verordnung, nach der die Trinkwasserwirtschaft ein Auskunftsrecht hat.

Das Landratsamt Heidenheim hat von den jüngsten Untersuchungen nichts gewusst, das erklärt Georg Feth, Dezernatsleiter für Umwelt und Ordnung.

Landwirte sehen sich an den Pranger gestellt

Die Landwirte indes sehen sich nicht in der Schuld. Christian Ziegler, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes, versichert, dass sich alle Landwirte an das Atrazin-Verbot halten, das sei auch streng kontrolliert worden. Was die anderen Stoffe angeht, sieht Ziegler die Landwirte an den Pranger gestellt. Auch Privatleute würden düngen. „Die Landwirtschaft ist nicht der alleinige Übeltäter.“

Im Gegenzug macht auch Ziegler der LW Vorwürfe: Das sogenannte Donauried-Hürbe-Projekt, das freiwillige ackerbauliche Maßnahmen zum Grundwasserschutz hätte fördern sollen, sei nur wegen der Landeswasserversorgung nicht zustandegekommen.

Nachweise nicht nur in der Hürbe

Die Egau, die im Kreis durch Dischingen fließt, und ihre Zuflüsse wurden ebenfalls von der Landeswasserversorgung untersucht.

Bei der Gallusmühle konnte in der Egau genau wie in der Hürbe Atrazin nachgewiesen werden, außerdem Metachlor und Trifluoressigsäure. Im Katzensteiner Bach beim Härtsfeldsee fand man kein Atrazin, aber andere Stoffe.

Was sind Herbizide?

Herbizide sind Mittel, um Unkraut zu bekämpfen. Der Begriff setzt sich aus den lateinischen Wörtern „herba“ für Kraut und „caeder“ für töten zusammen. Ein sogenanntes Totalherbizid wie Glyphosat vernichtet jeglichen Pflanzennachwuchs, während andere Herbizide zum Beispiel nur krautige Pflanzen angreifen. Manche wirken allgemein ätzend, andere hemmen einen bestimmten biologischen Vorgang einer Pflanze wie die Fotosynthese. Herbizide werden etwa im Getreide-, Rüben-, Mais-, Raps- oder Kartoffelanbau eingesetzt. Werden sie falsch angewendet, können sie schädlich für Mensch und Tier sein.

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