Nachruf Künstler Helmut Braig ist tot

Giengen / Manfred Allenhöfer 12.12.2013
Er war eine einzigartige Persönlichkeit und ein bemerkenswerter Künstler: Helmut Braig, 90, ist am Mittwoch verstorben.

Zu seinem 85. Geburtstag feierte die Stadt Giengen ihren populärsten Künstler mit einer großen Ausstellung in der „Schranne“. Und mit dem ihm eigenen verschmitzten Lächeln sagte Braig damals: „Jetzt sind's ja nur 15 Jahre, bis ich 100 werde“. Dieses Alter zu erreichen war ihm nun nicht mehr vergönnt; aber es gab zuletzt auch Phasen, in denen er selber nicht mehr darauf aus war, dieses Alter zu erreichen.

Man hat Braig schon als „Giengener Tausendwasser“ und „Leonardo'le vom Brenztal“ bezeichnet; er war ein Mann von schillernder Vielseitigkeit – als Künstler wie als Lebenskünstler.

Auch wenn eine Arbeit Braigs schon mal auf einer Documenta zu sehen war – Erfolg um des Erfolges willen strebte er nie an. Er lebte ein sympathisch geerdetes Leben.

Der am 16. März 1923 in Allmendingen bei Ulm geborene Braig kam früh nach Giengen, weil Hans Otto Steiff sein Talent erkannte und ihn Entwurfszeichner lernen ließ. Später ermöglichte er auch den Besuch der Kunstakademie in Stuttgart, wo er seine Frau Lilo, eine Balletttänzerin und später -lehrerin, kennenlernte.

Doch das Kunststudium wurde jäh und hart unterbrochen: Braig musste ihn den Krieg. Und was er in Russland zu erleben hatte, hat ihn geprägt und zum bekennenden Pazifisten gemacht; sein 2009 erschienenes Buch „Bruchstücke“ kündet davon in bewegenden Texten und Zeichnungen. Man erfuhr, was den so charmanten Mann bewegte, wenn er in deutlichen Worten den Krieg oder die zuliefernde Industrie oder die Umweltverschmutzung geißelte. Der Friedensbewegung war er immer verbunden.

Doch im „damals“ lebte der wunderbar aufgeschlossene Braig nie. Der Künstler, Tüftler und Schaffer war in seinem von ihm selbst entworfenen Haus mit einigem wundersamen Mobiliar und traumhaftem Garten bis Anfang des Jahres, als er seine letzte Ausstellung in Birkenried vorbereitete, bewundernswert produktiv. Er hat plastisch und malerisch und zeichnend und collagierend und resteverwertend gearbeitet; er war ein Mensch von unglaublicher Kreativität, wovon über viele Jahre auch die Firma Steiff profitiert hat, für die er legendäre Ausstellungsdioramen für die Nürnberger Spielwarenmesse schuf. Auch den Welterfolg der Schlümpfe gäbe es ohne Braigs gestalterischen Beiträge nicht.

Auch als Konstrukteur und Filmemacher („Ameisenkrieg“ u.a.) war er tätig; und einzigartig sind seine Fantasie-Welt auf einer Lichtung bei Rudersberg und Braighausen in einer Scheune bei Barthalomä. Und bei all diesen (hier nur unvollständig auflistbaren) Arbeiten verband er fast grenzenlose Phantasie immer mit solidem handwerklichen Tun. Er war ein Mensch mit umfassendem Gestaltungsdrang.

Er war, bis auf seine letzten Monate, in denen er, bestens betreut von einer Schar seiner Anhängerinnen, immer ein lebens- und sinnenfroher Mensch – nein: Mann. Ein liebenswürdiger Pornograph (denkt man an Bilder auch seiner letzten Ausstellung, tut man ihm damit kein Unrecht), ein kämpferischer Pazifist, ein Älbler ohne Arg, ein Artist ohne Allüren. Ein Mensch, den viele mochten – aber beileibe nicht alle, was nicht gegen ihn spricht.

Im Sommer, da lag sein 90. Geburtstag noch nicht lange zurück („Neun Jahrzehnte – weggezischt wie ein Blitz“) musste er, weil er eine Thrombose im Bein hatte, ins Krankenhaus. Dabei hat er sich eine Lungenentzündung geholt; man hat damals auch Krebs bei ihm festgestellt.

Braig wurde seither liebevoll umsorgt, auch in seinen letzten Minuten. Sein Wunsch war, dass es kein Grab und keine Beerdigung geben soll. Er will in ein anonymes Grab im Ulmer Raum – da spürt man den Kriegsteilnehmer, dessen Kameraden ja auch „irgendwo“ geblieben sind.

Ein würdevoller Tod hat ein einzigartiges Leben beendet. Wer in kennen durfte, weiß, dass ein unvergleichlich frischer Mensch sein irdisches Sein beendet hat. Doch er lebt auch in seinen Werken – und in der Erinnerung seines großen und ihm bis zum Schluss eng verbundenen Freundeskreises.

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