Fasching Im Interview: Das lustige Leben der Panscherhexen

Für den 53-jährigen Gerd Wiedenmann (zweiter Zunftmeister) und die 55-jährige Gundi Slazak geht es im Januar und Februar rund: Es ist Hauptsaison für die Panscherhexen.
Für den 53-jährigen Gerd Wiedenmann (zweiter Zunftmeister) und die 55-jährige Gundi Slazak geht es im Januar und Februar rund: Es ist Hauptsaison für die Panscherhexen. © Foto: Joelle Reimer
Giengen / Joelle Reimer 10.01.2016
Die Maske heißt eigentlich Larve, nackte Haut ist streng verboten und bei Regelverstößen geht's vors Hexengericht: Die Giengener Panscherhexen sind ein lustiges und zugleich ganz eigenes Völkchen. Die 55-jährige Gundi Slazak und der 53-jährige Gerd Wiedenmann erzählen von ihrer närrischen Leidenschaft.

Maske auf und lustig sein: Januar und Februar, das sind die Hauptmonate für die Giengener Panscherhexen. Hexentaufe, Narrenbaum stellen, Rathaussturm, Umzüge und die Nacht der Hexen – es gibt kaum einen Tag, an dem sie nicht unterwegs sind. Das kann anstrengend sein, macht aber vor allem eines: Spaß.

Erste Warnung vorneweg: Ich bin Laie, was Narrenzünfte, Hexen und Fasching angeht.

Slazak: Das macht nichts. Deswegen sind wir ja da. Ich verstehe, wenn jemand erst mal ein mulmiges Gefühl hat, wenn er uns sieht.

Naja, die Masken sind – ähm, beeindruckend. Warum eigentlich die Verkleidung?

Slazak: Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man als Hexe keine nackte Haut zeigen darf. Deshalb Kostüm, Maske und Handschuhe. In unserer Satzung steht auch, wie man das Häs zu tragen hat.

Wiedenmann: Das wird auch das ganze Jahr streng kontrolliert. Gundi ist im Brauchtumsrat – da wacht sie streng drüber.

Und was passiert, wenn jemand doch mal Haut zeigt?

Wiedenmann: Dann kommt derjenige am Abend der Hexentaufe vors Hexengericht.

Slazak: Oh ja. Dem werden dann die Leviten gelesen.

Wie kann man das verstehen?

Wiedenmann: Zum Beispiel muss er den Bus sauber machen. Oder, wie ich dieses Jahr, ein Fest organisieren. . .

Was haben Sie denn verbrochen?

Wiedenmann: Hm. . ., also. . .

Slazak: Beim Zunftmeisterempfang ein bisschen über die Stränge geschlagen.

Naja, die Hexen sind ja bekanntlich ein lustiges Volk. Aber zurück zur Hexentaufe. Das hört sich irgendwie nach Mittelalter an. Was wird da gemacht?

Slazak: Das ist die Aufnahme von neuen Hexen, die in der Regel schon vorher ein Hip-Jahr bei uns gemacht haben. Hip, das heißt Hexe im Praktikum. Da können sie ausprobieren, ob das überhaupt etwas für sie ist. Es ist viel Spaß dabei, aber es gibt eben auch Pflichten, für die man sich Zeit nehmen muss. Und: Sich ein teures Häs zu kaufen, will gut überlegt sein – immerhin rund 600 Euro kostet so ein Teil.

Wiedenmann: Das Ganze beruht aber auf Gegenseitigkeit. Wir vom Verein schauen auch, ob er oder sie zu uns passt.

Wie eine Bewerbung?

Wiedenmann: Genau.

Slazak: Aber wir hatten es Gott sei Dank noch nie, dass wir jemanden nicht genommen haben.

Wie läuft dann die Taufe ab?

Slazak: Die Hexentaufe selbst ist erst nach Mitternacht, am 6. Januar. Am 5. Januar dürfen wir ja noch gar nicht. Die Täuflinge bekommen einen Taufpaten, der im Herbst ausgesucht wird – immer der Täufling vom Vorjahr. Er berät ihn und weist ihn auf Fehler hin, zum Beispiel wie man das Häs anziehen muss. Das ist wichtig, da gibt es Regeln und eine Reihenfolge. An der Taufe müssen die Neuen ein Lied dichten, wofür wir ihnen 30 Schlagworte vorgeben.

Die diesjährigen Hexen heißen Nemo, Flora, Kurt, Tschai und Mugel. Woher kommen die Namen?

Slazak: Die Namen bekommen sie vom Ausschuss. Meistens haben sie auf irgendeine Art und Weise mit den Menschen zu tun, seien es Aussehen oder Charakter.

Wiedenmann: Nemo zum Beispiel ist ein passionierter Angler, der uns bei Camping-Ausflügen immer mit Fisch versorgt hat.

Warum darf die Taufe nicht vor dem 6. Januar stattfinden?

Slazak: Wir halten uns ganz streng an den schwäbisch-alemannischen Fasnachtsbrauch.

Wiedenmann: Vorgegeben ist darin auch, dass wir ab dem 6. Januar bis Aschermittwoch unser Kostüm tragen dürfen. Außerhalb dieser Zeit bleiben Häs und Larve im Schrank.

Larve?

Slazak: Die Maske. So heißt sie eigentlich.

Puh. Eine Menge Vorschriften. . .

Slazak: Ja, klar. Es gibt natürlich auch hier Karnevalsvereine, die schon am 11. November anfangen. Aber für uns steht der Brauchtum im Mittelpunkt – wir würden auch nie eine Prinzengarde oder so haben. Wir sind schwäbisch-alemannische Hexen.

Gibt es Rituale? Zaubertrank, Hexensprüche, so etwas?

Wiedenmann: Mir fällt da die Taufe ein. Da wird etwas Haar abgeschnitten und ins offene Feuer geschmissen. Und später müssen sie einen Hexentrunk zu sich nehmen, den die Paten anrühren. Nichts Schlimmes. Es wird niemand vergiftet.

Slazak: Aber manche finden's eklig. Manche spucken auch.

Wiedenmann: Oh, ja. Bei mir war damals ein rohes Ei drin. . .

Igitt. Was gab's dieses Jahr?

Slazak: Ich hab's trinken dürfen. Ich hab nämlich auch etwas angestellt. . . Beim Richten der Häs habe ich zweimal die Schellenbänder vergessen. Also: Es war Schwarzwurst drin, dann war Banane dabei, Essiggurke, schwarze Johannisbeeren – das Flüssige konnte ich nicht definieren, aber ein bisschen Alkohol war mit drin.

Respekt. Aber Sie kennen das wohl schon, Frau Slazak – Sie sind schließlich Gründungsmitglied. Wie sahen die Anfänge des Vereins aus?

Slazak: Insgesamt bin ich schon über 20 Jahre mit dabei. Schon vor Vereinsgründung 2002 gab's die Giengener Hexen. 1984 war der allererste Rathaussturm beim Weiberfasching, angeführt von Maria Moj und Christa Baumhauer. 1995 kam ich dazu. Bis 2002 ist man dann nur mit Gummimaske und zusammengestückeltem Häs aufgetreten. Dann haben wir uns für Holzmasken entschieden, weil wir auch auf größere Umzüge wollten – zum Beispiel zum Narrentreffen nach Ulm. Die Ulmer Narrenzunft war nämlich am Anfang unser Pate.

Wie viele Hexen gibt's denn in Giengen?

Slazak: Wir sind jetzt 50 aktive, getaufte Hexen und 14 Kinder. Ist eine stattliche Zahl geworden seit 2002 – damals waren es elf. Unser ältestes Mitglied wird 75, das jüngste ist im November geboren.

Noch eine Anfängerfrage: Hexen. Das klingt für mich weiblich. Wie nennen sich die Männer?

Wiedenmann: Da gibt's keinen Unterschied.

Slazak: Ursprünglich waren die Hexen nämlich männlich. Im Badischen ist es heute noch so, dass da kaum Frauen mit drin sind.

Haben die Panscherhexen ein Markenzeichen? Was macht sie aus?

Wiedenmann: Die Tanzhexen. Spektakuläre Pyramiden, richtig gut. Da spielen wir in der ersten Liga.

Bedeutet aber: Viel Übung, viel Training, oder?

Wiedenmann: Klar. Ab Pfingsten geht das Training los. Es wird intensiv jede Woche trainiert, gegen Ende dann auch samstags und sonntags. Das ganze Jahr über.

Und jetzt ist Hochsaison. Sie sind ständig unterwegs. Wie lässt sich das mit Privat- und Berufsleben vereinbaren?

Wiedenmann: Man ist Freitag, Samstag, Sonntag eingespannt. Aber es geht irgendwie. Meine Frau zum Beispiel hat mit Fasching gar nichts am Hut, toleriert es aber natürlich.

Slazak: Man weiß das vorher. Deshalb hat man ja das Probejahr.

Was macht man, wenn man mal überhaupt keine Lust auf Umzug und gute Laune hat?

Wiedenmann: Keine Lust tolerieren wir nicht. Das gibt's nicht. Entschuldigt wird man nur, wenn man krank ist.

Faschings-Hasser sprechen manchmal von erzwungener Fröhlichkeit. Gibt's das?

Slazak: Das bekommen wir auch zu hören. Damit hab ich kein Problem, ich bin das ganze Jahr lustig – aber im Häs noch ein bisschen mehr. Wenn man verkleidet ist, hinter der Maske – dieses Geheimnisvolle reizt mich. Die Leute schauen einen an und wissen nicht, wer dahinter steckt. Man bewegt sich dann ganz anders. Manche Menschen verwandeln sich komplett, gehen aus sich raus und werden viel witziger.

Wiedenmann: Aber erzwungen ist da gar nichts.

Was steht als nächstes an?

Wiedenmann: Das Narrenbaum-Stellen. Das ist das Zeichen, dass wir die Stadt halb erobert haben. Beim Rathaussturm haben wir sie dann ganz im Griff.

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