Kirche Gottes Segen hat sie, nun hofft sie auf einen Geldsegen

Joelle Reimer 12.02.2016
Die Stadtkirche, das evangelische Gemeindezentrum, das Christian-Friedrich-Werner-Haus, die Spitalkirche – sie alle haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind Gebäude der evangelischen Kirche, und sie sind teils stark sanierungsbedürftig. Bei der Dreieinigkeitskirche wird gar über eine möglicherweise notwendige Schließung gesprochen.

Denkt man an die evangelische Kirche in Giengen, kommt einem automatisch das Bild der Stadtkirche in den Sinn. Klar, schließlich sticht sie aus dem Stadtbild hervor und ist sicher das beeindruckendste Gebäude, das der evangelischen Gemeinde gehört. Doch je größer, imposanter und beeindruckender, desto höher ist auch der Aufwand für den Unterhalt. Und da gestaltet sich die Lage der evangelischen Kirche schon nicht mehr so rosig, ist sie doch neben der Stadtkirche noch für sieben weitere Gebäude zuständig. Dauerhaft klamme Kassen, eine sinkende Zahl an Kirchgängern und auch ein allgemeiner Rückgang bei der Spendenbereitschaft – wie passt das mit der Aufgabe zusammen, die teils stattlichen Gebäude zu unterhalten und zu sanieren? „Gar nicht. Wir haben eigentlich keine finanziellen Mittel dafür“, sagt Pfarrer Dr. Joachim Kummer.

Trotzdem liegen der Kirchengemeinde ihre Häuser am Herzen. Die Stadtkirche, so Kummer, stehe ständig unter Beobachtung. „Sie steht ganz gut da, wird aber auch regelmäßig renoviert.“ Erst kürzlich wurde sie komplett gereinigt – das wurde schon Jahrzehnte nicht mehr gemacht. Nun wäre noch eine rein optische Sache nötig: „Der eine Turm ist weiß, der andere eher grau. Das zu richten, davon sind wir aber weit entfernt. Da steht erst anderes an“, sagt Kummer. Für die regelmäßige Wartung des Gebäudes wird pro Jahr ein vier- bis fünfstelliger Betrag ausgegeben, je nach Aufwand.

Und was kommt im Gegenzug dazu rein? „Wir sind auf Spenden angewiesen. Das reicht aber niemals für alle Gebäude, da müssen wir schon auf ein Wunder hoffen“, so Kummer. An einem Sonntag, sagt er, komme in der Stadtkirche etwas mehr als 100 Euro zusammen. Und oft genug werde dieses Geld gar nicht lokal von der Kirchengemeinde genutzt, sondern an landesweite Projekte wie „Brot für die Welt“ gespendet. Dankbar sei man deshalb dafür, dass die Stadt sich jährlich mit 25 Prozent an der Instandhaltung von Turm, Uhr und Glocken der Stadt- und der Spitalkirche beteilige. Zudem ist die Kirchengemeinde verpflichtet, im Haushalt für jedes Gebäude einen bestimmten Prozentsatz der Brandversicherung zur laufenden Unterhaltung von Gebäuden und Grundstücken einzuplanen. Zusätzlich muss jährlich ein Betrag aus Steuermitteln zur Substanzerhaltung der Gebäude zurückgelegt werden.

In der Dreieinigkeitskirche werden meist nicht einmal 100 Euro beim Sonntagsopfer gesammelt. „Die Kirche selbst ist eines unserer größeren Sorgenkinder“, sagt Kummer. Pro Jahr verliere die evangelische Kirchengemeinde rund 200 Mitglieder aufgrund von Austritten, Umzügen und Todesfällen. „Das ist schon gewaltig. Und wenn man bedenkt, dass sonntags dann nur 30 Leute in der Dreieinigkeitskirche sitzen, wir dafür aber Kosten für den Mesner, die Heizung und den Organisten haben – da darf man nicht darüber nachdenken, geschweige denn eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen“, sagt Kummer.

Vom Oberkirchenrat sei der Gemeinde deshalb schon konkret angeraten worden, darüber nachzudenken, die Kirche aufzugeben. „Eine Schließung wurde uns nahegelegt. Letztendlich bleibt es aber die Entscheidung des Kirchengemeinderates, und uns ist die Dreieinigkeitskirche lieb und teuer“, sagt Kummer. Zudem stelle sich immer auch die Frage, was bei einem Verkauf überhaupt übrig bleiben würde. „Wir haben auch schon überlegt, wie man die Kirche anderweitig nutzen kann. Eventuell könnten wir mit der Jugendkirche Unteres Brenztal dort reingehen“, so Kummer.

Unauffällig in der Ferdinand-Porsche-Straße in der Schwage steht das evangelische Gemeindezentrum, das den Verantwortlichen der Kirchengemeinde ebenfalls Kopfschmerzen bereitet. „Es muss dringend saniert werden. Das Haus wurde im Oktober 1978 fertiggestellt und ist absolut nicht auf dem neuesten Stand“, so Kummer. Sowohl in Sachen Brandschutz, als auch bei den Außenanlagen, Treppen und Fassaden müsse man tätig werden.

„Wir hatten einen Architekt da, der eine Gesamtschätzung aufgestellt hat. Er rechnet mit rund 1,3 Millionen Euro“, sagt Kummer. Eine Summe, die nah dran ist an einem Neubau. Die Landeskirche unterstütze die Finanzierung zwar mit 30 Prozent und auch der Kirchenbezirk steuere fünf Prozent bei, hierfür aber braucht es erst genügend Eigenmittel. Und die müssen über Spenden erzielt werden. „Wir kommen nur in ganz kleinen Schritten voran. Die Spendenfreudigkeit nimmt ab – 2014 beispielsweise haben wir für das Gemeindezentrum rund 3000 Euro an Spenden gesammelt, obwohl wir extra dafür geworben haben“, so Kummer.

Ein Problem sei, dass man dem Gemeindezentrum seine Sanierungsbedürftigkeit nicht auf den ersten Blick ansehe und deshalb das Bewusstsein fehle, dass hier ein enormer Bedarf besteht. „Wir werden das Gemeindezentrum auf jeden Fall 2016 als Projekt beim Oberkirchenrat anmelden. Es wird aber wohl so laufen, dass nur nach und nach kleinere Reparaturen vorgenommen werden.“

Genau so geht man bislang beim Christian-Friedrich-Werner-Haus in der Memminger Wanne vor. „Seit 1996 steht es dort, zuvor diente es 30 Jahre lang kirchlichen Zwecken in Schnaitheim. Inzwischen würde ich sagen, ist das Haus abbruchreif“, so Kummer. Keine Isolierung, Nachtspeicheröfen, ein veraltetes Lichtkonzept und Holzdecken, bei denen es fraglich ist, ob sie die dem heutigen Stand des Brandschutzes entsprechen. „Zumindest regnet es nicht rein“, sagt Kummer, alles andere als glücklich über die Situation. Frequentiert wird das Werner-Haus durchaus: Jungscharen, die offene Jugendarbeit, Sozialarbeit und Treffen der Kartenspieler finden dort statt – ein richtiges Stadtteilhaus. „Aber: Auch hier fehlen die Mittel. Wenn, dann müsste das vielleicht vom Förderverein der Kirchengemeinde übernommen werden“, sagt Kummer. Ein konkretes Konzept? Fehlanzeige.

Müsste Kummer eine Prioritätenliste anlegen, stünde an erster Stelle die Erhaltung und Unterhaltung der Stadtkirche, danach die Finanzierung für die Sanierung des Gemeindezentrums und zugleich auch vorbeugende Maßnahmen an der Spitalkirche.

Diese nämlich ist ebenfalls nicht mehr in gutem Zustand – wegen früherer Baufehler drückt das Dach so sehr auf die Wände, dass dort immer mehr Risse entstehen. „Eine Sanierung würde sicher mehr als 100 000 Euro kosten“, sagt Kummer. So lange die Kirche aber nicht als akut einsturzgefährdet gilt, kann auch hier nur in kleinen Schritten vorgegangen werden – wiederum muss alles über Spenden laufen. „Wir sind auch für den Kindergarten Hainbuchenweg zuständig, den wir eigentlich schon seit Jahren schließen wollen“, erklärt Kummer. Vor allem, als man vor einiger Zeit von zwei auf eine Gruppe reduzieren musste. „Wir haben aber gemerkt, dass die beiden Gruppen doch notwendig sind. Eigentlich wollten wir mit weiteren Plänen warten, bis die Stadt die Bergschule umgebaut hat – aber das ist ja seit Jahren in der Schwebe“, so Kummer. Zudem sei es schwer zu sagen, inwieweit der Kindergarten gerade im Hinblick auf Flüchtlingskinder künftig noch gebraucht werde.

„Wir müssen auch abwarten, wie die Situation ist, wenn der St.- Martin-Kindergarten neu gebaut ist“, so Kummer. Für die Sanierung des ehemaligen Gemeindehauses im Hainbuchenweg jedenfalls gibt es keine Mittel. Wenn, dann würde die Kirchengemeinde das Gelände verkaufen und den Erlös in ein anderes, sanierungsbedürftiges Gebäude stecken. „Überhaupt gibt es in Giengen vergleichsweise viele evangelische Kindergärten, dabei aber relativ wenig evangelische Kinder“, so Kummer. Und dennoch: Die Kirche habe ihm zufolge nur eine Zukunft, wenn sie ihren Fokus auch auf die Jugend setze. „Deswegen können wir natürlich nicht die gesamten Spendeneinnahmen nur in die kirchlichen Gebäude stecken. Die Inhalte, Projekte und auch die Jugendarbeit stehen immer im Vordergrund.“

Neu genutzt wird nun das Pfarrhaus Nord in der Heidenheimer Straße, nachdem Pfarrerin Bärbel Barthelmeß nach Ulm-Söflingen gewechselt hat und ihre dortiges Wohnung frei wurde. „Unten werden das Büro und die Diensträume für Pfarrer Thomas Auerswald eingerichtet, der bei uns aushilft“, so Kummer. Ab April wird dann der obere Teil an eine Familie vermietet – an Bekannte, wie er wissen lässt. „Ansonsten hätte es schwierig werden können, wegen der direkten Nachbarschaft zur Flüchtlingsunterkunft.“

Ebenfalls im Besitz der evangelischen Kirche ist der Freizeitgarten Bruckersberg. „Die Frequentierung ist eher gering. Im Prinzip wäre es fürs Doppelte ausgelegt, aber die Leute fehlen“, so Kummer. Trotzdem will das Areal unterhalten werden, die Grünpflege fällt genauso an wie die Instandhaltung des kleinen Häuschens mit Sanitäranlagen. „Die Gebäudelast ist sehr hoch“, sagt Pfarrer Kummer und betont zugleich, dass die Kirche keine Immobilienverwaltung ist. Sicherlich, das alles gehöre dazu und die Kirchengebäude seien ein sichtbares Zeichen nach außen – doch der Glaube an sich stehe nach wie vor im Mittelpunkt.