Asyl Gefährliche Flucht mit dem Schlauchboot aus Gambia

Freie Aussicht auf Stadtkirche und Schranne (von links): Yusupha Fall, Musa Joof und Sangkung Lampha sind drei der neun Flüchtlinge aus Gambia, die Mitte November in Giengen ankamen.
Freie Aussicht auf Stadtkirche und Schranne (von links): Yusupha Fall, Musa Joof und Sangkung Lampha sind drei der neun Flüchtlinge aus Gambia, die Mitte November in Giengen ankamen. © Foto: Mathias Ostertag
Giengen / Mathias Ostertag 17.02.2015
Mitte November bezogen neun Männer aus Gambia eine Wohnung in der Planiestraße. In ihrer neuen Heimat fühlen sich die Asylbewerber sicher – wohl auch, weil sie aus ihrer Heimat vor Diktatur und Unterdrückung geflohen sind. Ein Besuch.

Die Stimme stockt, die Augen füllen sich mit Tränen, Yusupha Fall wendet sich ab und vergräbt sein Gesicht in seinen Armen, mit denen er sich soeben noch auf den Tisch gelehnt hat. Fall ist nicht mehr in der Lage, vom Schicksal seines Stiefvaters zu erzählen. Die Stimmung unter den neun jungen Männern aus Gambia, die seit November eine Wohnung im Obergeschoss des ehemaligen Steingass-Gebäudes in der Planiestraße bewohnen, ist fast immer ausgesprochen gut.

Doch als Ingrid Meiler den 24-Jährigen vor einigen Tagen zur Seite nahm, um ihm von ihrer Recherche auf der Homepage der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zu berichten, ist es mit der guten Laune vorbei. Meiler berichtet Yusupha Fall von seinem verhafteten und zum Tode verurteilten Stiefvater. Dieser sei am 23. August 2012 gemeinsam mit acht weiteren Häftlingen in Todeszellen standrechtlich erschossen worden. Es waren die ersten Hinrichtungen in Gambia seit 30 Jahren.

Der Präsident von Gambia, Yahya Jammeh, sprach in der Folge davon, alle weiteren zum Tode verurteilten ebenfalls hinrichten zu wollen. Seit vergangenem Jahr häufen sich Berichte über massive Menschenrechtsverletzungen im kleinsten Land des afrikanischen Kontinents, unter anderem über Folter, außergerichtliche Hinrichtungen und die Verfolgung von Homosexuellen. Amnesty International und andere Gruppen dokumentierten die Ereignisse und schlagen Alarm. Am 30. Dezember vergangenen Jahres scheiterte ein Putschversuch, seitdem wurden die Repressionen in Gambia weiter verschärft, mehrere mutmaßliche Verschwörer verhaftet. „Unter den Putschisten befinden sich offenbar auch Familienmitglieder unserer Gambier. Entsprechend nervös sind die neun“, sagt Ingrid Meiler vom Freundeskreis Asyl, die für die Westafrikaner eine Patenschaft übernommen hat.

„Unser Land ist eine Diktatur, man wird weg gesperrt, wenn man sich gegen den Präsidenten stellt“, sagt Musa Joof, mit 30 Jahren der älteste der Giengener Flüchtlinge aus Gambia. Es gebe keine Meinungsfreiheit, die Unterdrückung Andersdenkender nehme stetig zu, immer mehr Menschen ergriffen die Flucht. „Uns ging es früher nicht so schlecht, wir hatten jeder eine Anstellung, ich war zum Beispiel Lehrer.“ Doch die Präsidialrepublik mit ihren rund 1,7 Millionen Einwohnern ist zu einer Diktatur verkommen: „Deshalb sind wir geflohen“, sagt Joof. „Deutschland ist das friedfertigste Land der Welt, deshalb sind wir hier.“

Die Flucht aus ihrem Heimatland glich einer Odyssee. Über den Senegal, Mali, Burkina Faso und den Niger kamen die Flüchtlinge nach Libyen, um von dort aufs europäische Festland geschleust zu werden. Umgerechnet rund 800 bis 900 Euro mussten an die Schleuser bezahlt werden – für eine Fahrt mit einem großen Schlauchboot. Eine riskante Angelegenheit. „Wenn man die Wahl hat, ein schönes Leben in Europa zu finden oder in Libyen zu bleiben und zu sterben, dann nimmt man das Risiko in Kauf“, sagt Musa Joof. Das Schlauchboot fasste eigentlich nur etwa 80 Menschen, die Schlepper packten aber etwa 125 Flüchtlinge auf das Boot. „Sie sagten uns, die Überfahrtwürde zwölf Stunden dauern. Am Ende waren es drei Tage“, erzählt Yusupha Fall. Ob alle Flüchtlinge die Überfahrt überlebt hätten? „Nein“, antwortet er. „Ich habe Menschen im Boot sterben gesehen.“ In verschiedenen Etappen ging es dann mit Bussen oder Zügen gen Deutschland. In der Erstaufnahmestelle in Karlsruhe fand die Reise zunächst ihr Ende.

Nur mit dem Nötigsten ausgestattet, kamen die Gambier in Giengen an. Ingrid Meiler suchte erst mal für alle nach warmer Kleidung. Die Wohnung in der Planiestraße war nur spärlich eingerichtet, durch Spenden wurden einige Möbel und Gebrauchsgegenstände organisiert. Man sei sehr dankbar, hier untergebracht zu sein“, sagt der 22-jährige Sangkung Lampha, der sich über das große Engagement der Giengener freut.

Das Angebot zu einem Stadtrundgang nahmen die Gambier gerne an, pünktlich zum Treffpunkt standen alle auf der Matte und stellten viele Fragen. Seit einigen Wochen gehen die Flüchtlinge freitagabends zum Training der Freizeitgruppe der Volleyball-Abteilung der TSG Giengen, Yusupha Fall trainiert sogar zweimal die Woche bei den Footballern der Ostalb Highlanders in Schnaitheim mit. „Das hilft uns, die deutsche Sprache leichter kennenzulernen“, sagt Musa Joof. Dreimal in der Woche nahmen die Gambier bisher an einem Sprachkurs von Ehrenamtlichen des Freundeskreises Asyl teil, seit Montag vergangener Woche findet nun an vier Wochentagen ein Kurs bei der Arbeiterwohlfahrt statt.

Vor kurzem sind die Gambier nach Karlsruhe gefahren, um dort einen Asylantrag zu stellen. „Wenn uns die Möglichkeit gegeben wird, hier zu bleiben, wären wir sehr glücklich“, sagt Musa Joof. Zunächst wird nun jeder der Flüchtlinge einzeln angehört, um zu prüfen, ob das Recht auf einen festen Asylstatus gegeben ist.

Noch bis Mitte der 1990er-Jahre galt Gambia gemäß dem deutschen Asylverfahrensgesetz als sogenannter „sicherer Herkunftsstaat“. Angesichts der Berichte von Amnesty, Recherchen von Medien und der persönlichen Geschichten der Flüchtlinge, scheint diese Einordnung längst nicht mehr zuzutreffen. „Wenn ich zurück muss und über die Grenze komme, dann werde ich umgebracht“, ist Musa Joof überzeugt.

Zehn neue syrische Flüchtlinge in der Planiestraße

Vor wenigen Tagen sind in einem weiteren Wohngebäude in der Planiestraße zehn junge Männer aus Syrien eingezogen. Mehrere Mitglieder des Freundeskreises Asyl statteten den Flüchtlingen umgehend einen Willkommensbesuch ab.

Die Männer im Alter zwischen 20 und 38 Jahre stammen unter anderem aus der erst kürzlich von den Kurden befreiten Stadt Kobane, der Hauptstadt Damaskus, Homs und weiteren Städten.

In ihrer Heimat gingen die Flüchtlinge den unterschiedlichsten Berufen nach: In Giengen angekommen sind ein IT-Ingenieur, ein Übersetzer für Arabisch und Englisch, ein Jurastudent, ein Buchdrucker, ein Schneider, ein Bauarbeiter, ein Fliesenleger, ein Zweiradmechaniker, ein Maler und ein Designer für Acrylglas.

Alle seien sehr bemüht und wollten so schnell es geht die deutsche Sprache lernen, heißt es aus dem Freundeskreis Asyl

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