Giengen Frauenpower an der Fraktionsspitze

Drei Damen, drei Fraktionsvorsitzende: (V.l.) Elisabeth Diemer-Bosch (CDU), Alexandra Carle (Unabhängige/Grüne) und Gaby Streicher (SPD) in ihrem zweiten Wohnzimmer, dem Ratssaal.
Drei Damen, drei Fraktionsvorsitzende: (V.l.) Elisabeth Diemer-Bosch (CDU), Alexandra Carle (Unabhängige/Grüne) und Gaby Streicher (SPD) in ihrem zweiten Wohnzimmer, dem Ratssaal. © Foto: Sabrina Balzer
Giengen / Nadine Rau 03.02.2019
Alleinstellungsmerkmal im Sitzungssaal: Mit Gaby Streicher (SPD), Elisabeth Diemer-Bosch (CDU) und Alexandra Carle (Unabhängige/Grüne) sind drei weibliche Vorsitzende am Werk.

Margarete Steiff, Maria von Linden, Lina Hähnle: Seit jeher prägen auch starke Frauen Giengens Stadtgeschichte. Schon deshalb findet es Alexandra Carle „schlüssig“, dass heute drei Damen den Fraktionen im Gemeinderat vorstehen. „Die Männer haben entschieden, dass ich das mache“, erzählt sie lachend. Die 46-Jährige stellt die einzige Frau in ihrer fünfköpfigen Fraktion, den Unabhängigen/Grünen. Etwas anders stellt es sich bei ihren Ratskolleginnen Elisabeth Diemer-Bosch (CDU) und Gaby Streicher (SPD) dar, die beide obendrein stellvertretend Aufgaben für den Oberbürgermeister übernehmen.

Streicher hat das Amt der Vorsitzenden seit 2012 inne, in ihrer Fraktion sind die weiblichen Vertreterinnen in der Überzahl. „Man findet das einfach richtig, wir stellen schließlich 50 Prozent der Bevölkerung“, befindet die Stadträtin angesichts der seit Juli neu bestehenden Konstellation des Gemeinderats. Dem gehört die Dritte im Bunde, Elisabeth Diemer-Bosch, schon am längsten von allen an – ihre Rolle heute sei aber doch eine ganz andere.

„Wer der Fraktion vorsitzen soll, das wurde in einem Diskussionsprozess entschieden. Es geht darum, wer sich das zutraut und wem man es zutraut“, so Diemer-Bosch. Mit dem im Sommer verabschiedeten Rudolf Boemer, außerdem mit Jürgen Fischer und Hans Bader habe es einst – Gaby Streicher hilft mit dem Begriff – „Alphatiere“ gegeben. „Da war ich zwar Fraktionsmitglied, aber die Männer haben die Vorarbeit geleistet. Heute muss ich mailen, ein Handy haben, bin zeitlich und fachlich mehr gefordert“, vergleicht es die 62-Jährige.

Aus dem Gemeinderat erfahren die Frauen Rückhalt. Als im Juli des vergangenen Jahres die Stadträte Rubens Link und Rudolf Boemer ausgeschieden sind und die drei Damen Fraktionsvorsitzenden – so nennt Oberbürgermeister Dieter Henle sie in E-Mails – feststanden, war das Stadtrat Dr. Erwin Kleemann (Unabhängige/Grüne) sogar eine Wortmeldung wert: „Ich finde das wirklich gut. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt Giengen“, betonte er.

Tatsächlich gibt es das im Kreis kein zweites Mal, am nächsten kommt Giengen noch Niederstotzingen mit zwei Frauen an der Fraktionsspitze. Heutzutage sei es laut den Stadträtinnen in Giengen ganz üblich, dass Frauen mitsprechen, lediglich nette Erwähnungen, etwa jüngst beim Neujahrsempfang, würden ab und an auf die Besonderheit hinweisen.

Diese Wertschätzung gab es bei weitem nicht immer, wie Gaby Streicher weiß. „Ich erinnere mich an 1994, als mehrere Frauen gewählt worden sind. Ich weiß noch, dass ich oben im Stadion beim Training gewesen bin und die Männer sich aufgeregt und gefragt haben, was sie mit den Frauen im Rat anfangen sollen.“ Zum Glück habe sich in einer doch recht kurzen Zeitspanne viel im Bewusstsein der Menschen verändert, merkt Diemer-Bosch dazu an.

Denn ähnlich wie die verschiedenen Berufe der Stadträte bei Diskussionen hilfreich sein können, profitieren manche Themen auch von der Sicht einer Frau. „Gefühlt war das kürzlich bei sozialen Themen so, bei der Schulsozialarbeit zum Beispiel“, fällt Carle ein. Streicher pflichtet dem bei. Frauen seien manchmal näher dran und könnten das, was auf dem Papier steht, durch ihre Erfahrungen besser einschätzen. „In der Theorie hätte ich für meinen Jüngsten einen Kindergartenplatz kriegen müssen, aber ich habe nun mal keinen gekriegt“, führt sie ein Beispiel an.

Streicher war lange im Kindergarten-Kuratorium, beschäftigte sich viel mit Bildung und Kultur. Bei Diemer-Bosch seien Tourismus, Kultur und Sport solche Themen gewesen. Aber heute sind sie alle drei, wie es Streicher sehr trefflich sagt, Mädchen für alles. Da komme man auch um die Stadtfinanzen nicht umhin.

Noch eine Kollegin wäre schön

Apropos Geld: Spricht man die drei Damen auf die vielen Diskussionen darüber, ob Frauen in unserer Sprache diskriminiert werden, an, schütteln sie nur den Kopf. Viel wichtiger wäre es, sich um eine angemessene Bezahlung für Frauen zu kümmern. Auch der Respekt im alltäglichen Umgang dürfe nicht fehlen. „Ich will ernst genommen werden. Was auf dem Papier steht, ist mir egal“, befindet Alexandra Carle. Sie hätte übrigens gerne noch eine Kollegin in ihrer Fraktion. Aber nicht, weil sie die Männer nicht möge.

Weiblichen Zuwachs würden sich die Giengenerinnen auch für den Landtag wünschen, Baden-Württemberg stellt mit 24,5 Prozent Frauenanteil das Schlusslicht dar. Die Überlegungen, das Wahlrecht zu ändern, halten sie daher für sinnvoll. „Das Kriterium, Frau zu sein, reicht nicht aus. Aber es geht darum, dass es gute Frauen leichter schaffen können“, erklärt es Streicher. Eine Quote könnte dafür ein Hilfsmittel sein. Der Frauenanteil in den Gemeinderäten im Land ist übrigens auch gering (2014 waren es 23,9 Prozent). In 26 Räten ist gar keine Frau vertreten.

Hilfe für Frauen, die sich in Giengen mehr einbringen wollen, sprechen die drei Damen auch an. „Wir wären sofort bereit, eine Kinderbetreuung während der Gemeinderatssitzungen anzubieten“, so Streicher.

Ob Frau oder Mann – so oder so darf man gespannt sein, wie die Konstellation des Gemeinderats nach Kommunalwahl im Mai aussehen wird. Die Damen betonen, dass Parteipolitik bei ihnen nicht so hoch gehängt wird. Man suche schlicht Leute, die sich engagieren. „Manche meinen allerdings, dass wir parteipolitisch agieren“, so Diemer-Bosch. Worum es eigentlich geht, unterstreicht Alexandra Carle: „Es geht hier um die Stadt und darum, wie wir leben wollen.“

„Keine von uns hat das so geplant“

Die jetzige Situation hatte keine der Damen so vorhergesehen. Elisabeth Diemer-Bosch wollte erst nicht in den Gemeinderat („Man musste mich bitten“), auch Alexandra Carle wollte „nicht zwingend“ rein. Diemer-Bosch sei 1994 unter anderem von Giengens ehemaligem Bürgermeister Siegfried Rieg angesprochen worden, bekam aber erst 1999 genug Stimmen. Carle gelang indes 2014 bei ihrer ersten Kandidatur gleich „der Volltreffer“. Gaby Streicher wurde 2004 Gemeinderätin – im dritten Anlauf. „Viele geben nach dem ersten Mal schon auf“, sagt sie.

Streicher und Carle sind gebürtige Giengenerinnen, während Diemer-Bosch zugezogen ist. Streicher arbeitet als Lehrerin am Gymnasium, Diemer-Bosch ist als Industriekauffrau in der Brauerei ihres Mannes tätig, Carle ist Erzieherin.

Alle drei fühlen sich in Giengen wohl und können den Unmut vieler Bürger nicht nachvollziehen. Sie wünschen sich, dass ihre Mitbürger weniger meckern und stattdessen handeln .

„Keine von uns hat das so geplant“

Die jetzige Situation hatte keine der Damen so vorhergesehen. Elisabeth Diemer-Bosch wollte erst nicht in den Gemeinderat („Man musste mich bitten“), auch Alexandra Carle wollte „nicht zwingend“ rein. Diemer-Bosch sei 1994 unter anderem von Giengens ehemaligem Bürgermeister Siegfried Rieg angesprochen worden, bekam aber erst 1999 genug Stimmen. Carle gelang indes 2014 bei ihrer ersten Kandidatur gleich „der Volltreffer“. Gaby Streicher wurde 2004 Gemeinderätin – im dritten Anlauf. „Viele geben nach dem ersten Mal schon auf“, sagt sie.

Streicher und Carle sind gebürtige Giengenerinnen, während Diemer-Bosch zugezogen ist. Streicher arbeitet als Lehrerin am Gymnasium, Diemer-Bosch ist als Industriekauffrau in der Brauerei ihres Mannes tätig, Carle ist Erzieherin.

Alle drei fühlen sich in Giengen wohl und können den Unmut vieler Bürger nicht nachvollziehen. Sie wünschen sich, dass ihre Mitbürger weniger meckern und stattdessen handeln.

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