Gebäude Es werde Licht: Wie der Strom nach Giengen kam

Joelle Reimer 08.01.2016
Früher waren es Schulen, Firmen oder Mühlen - heute sind es schicke Wohnungen und Restaurants. Die HZ stöbert in loser Abfolge in den Archiven und erzählt in Folge fünf die Geschichte des Gebäudes an der Scharenstetter Straße 14, das als Waffenkammer, Lebensmittelspeicher, Elektrizitätswerk und Unterkunft für Obdachlose diente.

Ein Knopfdruck, und in ganz Giengen und Umgebung geht das Licht aus? Im 20. Jahrhundert gar kein Problem, zumindest nicht für die Arbeiter im Gebäude der Scharenstetter Straße 14. Natürlich machen sie das nicht, aber dennoch: Die Mitarbeiter des Stromversorgers Müag sitzen dort am zentralen Hebel, in der Schaltzentrale des ersten Giengener Elektrizitätswerkes.

„Zu Beginn waren unten die Kolonnen, darüber ein Lager, die Zählerprüfstelle und das Montagepersonal“, erzählt der pensionierte Willi Birzele aus Hermaringen, der bis 2000 bei der Müag in Giengen gearbeitet hat. Er kennt das Haus in der Scharenstetter Straße 14 noch in- und auswendig – schließlich war man Tag und Nacht dort, um die Stromversorgung zu gewährleisten.

Vor dem Stadtbrand ein Zeughaus?

Die elektrisierende Geschichte beginnt 1897, als die Gesellschaft Helios aus Köln die Konzession zur Errichtung eines Elektrizitätswerkes erteilt bekommt. Im Frühjahr 1899 kaufen sie den sogenannten Sontheimer Fruchtkasten, um dort ein Kraftwerk zu errichten. „Davor wurden dort Naturalien gelagert“, erklärt Stadtarchivar Dr. Alexander Usler. Bereits vor dem großen Stadtbrand 1634 erwirbt das Giengener Spital, eine Art Eigenbetrieb der Reichsstadt, von den Ulmer Bürgern Servatius und Wolfgang Ram die Hälfte des großen und kleinen Zehnten in Sontheim – die beachtlichen Einkünfte an Naturalien werden im Sontheimer Fruchtkasten in der Scharenstetter Straße 14 gespeichert. „Der Streubesitz des Spitals, zu dem abgabepflichtige Grundstücke und Höfe gehörten, reichte bis hinter Dillingen. In Sontheim dürfte der reichste Besitz gewesen sein“, so Usler. Für 1779 seien beispielsweise sechs Höfe nachweisbar, die nach Giengen abgabepflichtig waren.

Ein ganz schön altes Gebäude, das sich aber schon weit vorher einen Namen gemacht hat. „Vor dem Stadtbrand muss es ein Zeughaus gewesen sein. Das geht aus einem bekannten Merian-Stich hervor“, sagt Usler. Die Angaben des Landesdenkmalamtes bestätigen das: Das Gebäude weise bauliche Reste eines mittelalterlichen Zeughauses auf. Von der Waffenkammer zum Lebensmittelspeicher also – was wohl das Gesundheitsamt dazu sagen würde?

Aber zurück zum Strom. An das Elektrizitätswerk in Giengen sind Mitte Dezember 1902 schon rund 1800 Glühlampen einschließlich der Straßenbeleuchtung und neun Bogenlampen sowie 22 Elektromotoren angeschlossen. 1908 wird das Elektrizitätswerk für die Heidenheimer und Ulmer Alb mit Sitz in Heuchlingen gegründet, 1909 das Elektrizitätswerk für das Bach- und Egautal in Bachhagel. Der Zusammenschluss folgt 1920 mit Sitz in Giengen. Zum 31. Dezember 1932 gibt es dort bereits 976 Abnehmer, an das Netz angeschlossen sind in Giengen 491 Motoren, 11052 Lampen und 1663 Steckdosen.

Das Herz der Müag

Die Geschäfte laufen gut. Die weitere Geschichte liest sich wie ein Muster-Lebenslauf: Nach und nach werden weitere Ortsnetze erworben, 1957 folgt die Umstellung des Mittelspannungsnetzes von 15 000 auf 20 000 Volt. Ein Jahr später wird das Gebäude umgebaut, im oberen Teil entstehen Wohnungen, und im unteren Teil wird die Leitstelle untergebracht: „Das Herz der Müag“, so Birzele. Das Herz, mit dem alle Umspannwerke und Schaltstellen gesteuert werden. 1961 bezieht man das neue Verwaltungsgebäude an der Heidenheimer Straße. 1963 übersteigt die jährliche Stromabgabe erstmals die 100 Millionen kWh – 1980 wird die 400-Millionen-Marke geknackt. „Irgendwann, es muss 1978 oder 79 gewesen sein, hatten wir die Idee, eine eigene Schaltwarte zur Fernsteuerung zu bauen“, erzählt Birzele. Da die Mitarbeiter nicht Tag und Nacht in der Zentrale verbringen wollen, werden fünf Heimwarte-Stationen entwickelt – auch im Keller von Willi Birzele steht ein solches Teil. Ein großer Tisch mit einer Steuereinheit, zu dem eine extra Leitung verlegt ist. Dazu eine Telefonanlage, die der Hermaringer mit seiner Hausanlage verbindet und so bei jedem Störfall alarmiert wird. „Es war eine große Erleichterung, sonst hätten wir im Schichtbetrieb arbeiten müssen.“

Anfang der 90er Jahre erwirbt die Stadt Giengen das Haus und lässt Wohnungen einbauen. „Wir haben es zur Unterbringung von Asylbewerber gekauft“, sagt Franz Becker, Leiter des städtischen Gebäudemanagements. Die Müag ist längst unter dem Dach der EnBW ODR in Ellwangen untergekommen, 2011 wird gemeinsam mit den Stadtwerken die Einhorn Energie GmbH gegründet.

Währenddessen werden in der Scharenstetter Straße 14 die Wohnungen vermietet, teils regulär, teils als Unterkunft für Obdachlose. Insgesamt 25 Zimmer befinden sich darin, jeweils mit kleiner Küchenzeile, Bad und WC. „Momentan wohnen dort neun Obdachlose und fünf Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung“, sagt Ordnungsamtsleiter Uwe Wannenwetsch.

Soweit Stand jetzt. Auch, wenn ein blasses Schild an der Hauswand etwas anderes verkündet: „Heute nutzt die Müag das mehrmals umgebaute Haus.“ Ist eben manchmal gar nicht so einfach, mit der Zeit Schritt zu halten.