Tierarzt Dr. Ulrich Moeferdt begleitet Tiere von der Geburt bis zum Metzger

Giengen / Nadine Rau 04.01.2018
Dr. Ulrich Moeferdt aus Giengen ist Tierarzt und behandelt seit ein paar Jahren nur noch größere Tiere wie Kühe, Pferde, Schafe und Ziegen. Sich rund um die Uhr um sie zu kümmern, bestimmt seine Arbeit – aber damit ist es längst nicht getan.

Die Nummer 37 hat einen Dickschädel und weiß genau, was ihr nicht in den Kram passt. Dazu gehört auch der große Mann mit dem dunkelgrünen, knielangen Kittel und den braunen Gummistiefeln. Binnen weniger Sekunden war ihr klar, dass sie den einfach nicht ausstehen kann. Also: Attacke!

„Und deshalb“, sagt Tierarzt Dr. Ulrich Moeferdt und muss grinsen, „kann ich den Job nicht bis 67 machen. Bis dahin bin ich zu langsam, um mich rechtzeitig aus der Box zu retten.“ Den Angriff von Kuh Nummer 37 vor einigen Jahren hat er glücklicherweise mit ein paar Prellungen und Schürfwunden überstanden. Von da an aber musste die 37 immer angebunden werden, bevor er sich an diese Herde traute.

Dabei will der Giengener den Tieren ja nichts Böses, sondern versucht, ihnen zu helfen. Bis vor fünf Jahren hat der 58-Jährige sowohl Kleintiere als auch Großtiere behandelt. Dass er jetzt nur noch auf den Bauernhöfen unterwegs ist, nennt er seine Vorruhestandsregelung.

Am Montag beginnt der Tag für ihn um halb sechs Uhr morgens

Viel Arbeit steht aber trotzdem noch an: Am Montag beginnt Dr. Moeferdts Tag um halb sechs Uhr morgens. Statt des dunkelgrünen Kittels zieht er sich den weißen an, dazu kommt ein weißes Häubchen auf den Kopf. In der Dunkelheit geht es nach Hohenmemmingen zum Metzger. Genauer gesagt, in den Kühlraum, wo zwölf geschlachtete Schweine, einmal in der Mitte halbiert, an Stangen herabhängen.

„Wie man sieht, begleite ich die Tiere von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod“, sagt der Tierarzt. Begleiten heißt an diesem Morgen, das Fleisch zu überprüfen und für den Lebensmittelhandel freizugeben. Dr. Moeferdt nimmt sich ein Messer und schneidet damit Teile der Innereien, die neben den halben Tierkörpern hängen, für seine mitgebrachte blaue Box ab. Mit den vielen kleinen Fächern sieht sie wie ein Schmuckkästchen aus, nach und nach füllt sie sich mit Fleisch.

„Hier, wenn die Lymphknoten verändert aussehen würden, könnte das auf eine Krankheit hindeuten“, erklärt der Routinier mit den Innereien zwischen den Fingern. „Ich muss das Tier, wie man so schön sagt, auf Herz und Nieren prüfen.“

Dr. Moeferdt stempelt die Schweine

Weil alles gut aussieht, kommt ein Stempel zum Einsatz. Wie man als Kind vergnügt auf buntem Papier stempelt, so macht es Dr. Moeferdt auf den halbierten Schweinen – zack, zack, zack. 24 Stempel später ist der Arzt wieder draußen aus dem Kühlhaus, vor der Tür fängt ihn ein Jäger ab und fragt, ob noch kurz Zeit wäre, um sein geschossenes Wildschwein zu beschauen.

Die Freigabe für das Fleisch erfolgt zunächst einmal nur unter dem Vorbehalt, dass Moeferdt später bei der Trichinen-Untersuchung nichts findet.

Nach so viel Fleisch in aller Herrgottsfrühe fährt Moeferdt zurück nach Hause, frühstücken. Während unten in der Praxis die gemixten Proben in künstlicher Verdauungsflüssigkeit in einem Magnetrührer herumgedreht werden, rührt Moeferdt ein Stockwerk darüber mit dem Löffel in seinem Müsli herum. Wurst liegt nicht auf dem Tisch, auch Fleisch gibt es bei den Moeferdts nur zweimal pro Woche.

Das Telefon kann jederzeit klingeln

„Eine halbe Stunde muss ich jetzt warten, bevor ich mit der Trichinenuntersuchung weitermachen kann“, sagt der Tierarzt. Weil die ständige Bereitschaft in seinem Beruf auf den Blutdruck geht, schluckt er vor dem Müsli noch ein paar Tabletten. „Man kann sich einfach nie hinlegen, ohne damit rechnen zu müssen, dass das Telefon klingelt.“

Moeferdt hat einen Kollegen in Bachhagel und einen Assistenten. Zu dritt teilen sie sich Höfe in Giengen und den Teilorten, in einem Teil von Hermaringen und in Teilen des Bachtals auf. Alle drei Wochen hat jeder ein freies Wochenende – für zwei Wochen Urlaub mit seiner Frau muss der Giengener sechs Wochen durcharbeiten.

Warum hat er sich diesen Job ausgesucht? „An der Medizin war ich eigentlich nicht interessiert, vielmehr an der Arbeit in der Landwirtschaft“, sagt der Tierarzt, der auf dem Härtsfeld aufgewachsen ist. Am Ende war es ein Lehrer, der ihn auf die Idee gebracht hat. Nach dem Gymnasium absolvierte Moeferdt den Wehrdienst, fing danach sein Studium in Gießen an und war mit 25 Jahren fertig.

Studieren kann man Tiermedizin übrigens nur in fünf Städten und 90 Prozent der Studenten, so Moeferdt, sind Frauen. Davon würden anfangs um die 70 Prozent eine Großtierpraxis eröffnen wollen – und am Ende seien keine fünf Prozent mehr übrig. Sehr viele der Absolventen landeten stattdessen in der Industrie oder beim Staat im Labor oder der Verwaltung.

Ein Tierarzt hat den Status eines Apothekers

„Das K.-o.-Kriterium für viele ist die Besamung“, erklärt Dr. Moeferdt, nachdem er auf einem Hof in Sachsenhausen soeben eine Kuh künstlich befruchtet hat. Abgesehen von der Fleischbeschau ist das heute der erste Termin, mittlerweile bei Tageslicht. Bevor er losgefahren ist, hat Moeferdt in seiner Praxis die Flüssigkeit aus dem Magnetrührer unter einem Mikroskop untersucht. Es waren zwar kleine, braune Pünktchen zu sehen, aber das war nur der Rost aus der Wasserleitung.

„Ein Sechser im Lotto ist wahrscheinlicher als Trichinen“

„Trichinen würden aussehen wie kleine Schnecken“, beschreibt er. Hätte er tatsächlich etwas entdeckt, hätte er beim Metzger anrufen und die Weiterverarbeitung des Fleisches stoppen müssen. „Aber ein Sechser im Lotto ist wahrscheinlicher.“

Als er die Impfstoffe für den Tag aus seiner Hausapotheke beisammen hat, beginnt er mit seiner Tour. Die Medikamente bestellt Moeferdt im Großhandel, durch das sogenannte Dispensierrecht hat er den gleichen Status wie ein Apotheker, darf die Medikamente also lagern und verkaufen.

„Dafür stehen wir Tierärzte oft in der Kritik. Es heißt dann, wir könnten in unsere eigene Tasche wirtschaften.“ Die Landwirte immer in die Apotheke gehen zu lassen, hält er aber auch nicht für sinnvoll. Und so hat er in seinem Auto neben dem fahrbaren Büro mit Laptop und Drucker seinen Medikamentenschrank – darin befinden sich auch mehrere hundert Röhrchen, gelagert in flüssigem Stickstoff, in denen sich je rund 15 Millionen Samenzellen von Rindern befinden.

Eins der Röhrchen hat er in Sachsenhausen kurz in warmes Wasser gelegt, dann in eine Spritze geklemmt, und den Samen, mit einem Handschuh, der bis über den Ellenbogen reicht, in die Gebärmutter der Kuh abgegeben. Zwei weitere Spritzen hat er für zwei Kälbchen in der Tasche.

Ein Kälbchen hat Husten, ein anderes hat Gelenkschmerzen

Das eine hat Husten und Fieber, das andere eine Gelenksentzündung. Moeferdt nimmt die Kälbchen in den Schwitzkasten und verabreicht die Spritze direkt in den Muskel, damit das Antibiotikum in die Blutbahn gelangt.

Den Impfstoff gegen Grippe bei einem kleinen männlichen Rind in Hermaringen, das an einen Mastbetrieb abgegeben werden soll, spritzt er indes, wie Nasenspray, direkt in die Schleimhäute – für einen intensiveren Schutz.

Moeferdt erklärt, dass die Betriebe derzeit alle eingesetzten Antibiotika melden müssen. Zweimal im Jahr findet eine Auswertung statt – und wer schlechter als der Durchschnitt ist, wird reglementiert. So soll ein übermäßiger Verbrauch von Antibiotika verhindert werden.

„Wir Tierärzte geben Antibiotika sehr gezielt ab“

„Das ist aber ein falscher Ansatz. Man müsste bei der Tierhaltung anfangen, da, wo die Krankheiten entstehen.“ Darüber allerdings hat Moeferdt nicht das Sagen, er unterliegt wie alle Ärzte der Schweigepflicht. Wie viele Antibiotika eingesetzt werden, hat er hingegen in der Hand: „Wir Tierärzte geben das sowieso sehr gezielt ab.“

Alternative Heilmethoden wie Homöopathie und Akupunktur gibt es für Tiere auch. Manche Tierärzte sind darauf spezialisiert, andere, wie Dr. Moeferdt, verwenden nur ein paar solcher Mittel. Das beste Heilmittel, da sind sich die Landwirte und Moefert einig, ist frische Luft, weshalb viele Kälbchen draußen in sogenannten Iglus gehalten werden.

Das sind kleine eingezäunte Bereiche, die mit Stroh ausgelegt sind, und an eine Box angrenzen, in der die Tiere Schutz finden. „Immer wieder kommt es vor, dass Spaziergänger das im Winter sehen und sich beschweren oder beim Veterinäramt Anzeige erstatten“, weiß der Tierarzt. Dabei mache den Tieren die Kälte gar nichts aus.

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn die Kühe trächtig sind

Worauf Großtierärzte viel mehr achten müssen, ist die Gesundheit der Kühe, wenn sie trächtig sind und ihr Kälbchen kriegen. Kurz davor und in den Wochen danach werden sie oft krank, außerdem muss kontrolliert werden, ob sich nach der Geburt alles gut entwickelt. Und so kommt es, dass Dr. Moeferdt auf einem Aussiedlerhof in Hermaringen eine gute Stunde lang zwischen 90 Kühen umherirrt (die richtigen Nummern zu finden, ist bei so vielen Tieren gar nicht so leicht), sie impft, auf Trächtigkeit überprüft und die Organe abtastet.

Als er fertig ist, spritzt er sich mit einem Schlauch die Gummistiefel ab, so, wie er es in jedem Stall macht, erledigt den Papierkram in einem dunklen Kämmerchen neben dem Stall und fährt mit seinem Caddy – Tierärzte fahren laut Moeferdt alle Caddy und nicht, wie viele denken, Pick-up – zu seiner nächsten Patientin, einer Stute der Reitanlage im Greuth, die schwanger sein könnte.

Früher musste Moeferdt das Ultraschallgerät in einem Schubkarren transportieren

Den Monitor des Ultraschallgeräts kann er sich geschickt um den Hals hängen, das war aber längst nicht immer so. „Früher hat er sein Gerät mit einer Schubkarre zur Box schieben müssen, so sperrig war das“, erzählt der Hofbesitzer. Nach der Untersuchung lautet Moeferdts Diagnose: „Das Pferd ist ein bisschen schwanger.“ Da muss auch er lachen, aber weil das Pferd nicht künstlich befruchtet worden ist, also kein genauer Zeitpunkt feststeht, fällt es ihm schwer, sich festzulegen. „Ich untersuche sie in sechs Wochen wieder, dann ist es klar.“

Die richtige Salbe für das Pferd mit Ekzem

Wie bei den Kühen muss Dr. Moeferdt oft auch hier für die Pferdezucht die künstliche Befruchtung übernehmen. „Gute Samen kosten schon mal 2000 Euro, da muss der Zeitpunkt perfekt passen und alles muss gut gehen. Moeferdt macht das jetzt seit 30 Jahren perfekt, das ist unglaublich“, schwärmt der Besitzer der Anlage.

Auch er schwört darauf, viele der insgesamt 55 Pferde draußen zu halten, weil sie so gesund bleiben. Die Nachbarin der vielleicht schwangeren Stute allerdings braucht noch eine Behandlung. Sie hat zwar keine Lust darauf und dreht sich immer im Kreis, aber irgendwann kann sich Moeferdt die trockenen Stellen, die die Besitzer entdeckt haben, ansehen. „Kein Pilz, aber ein Ekzem. Ich bestelle die richtige Salbe und bringe sie vorbei.“

Auf dem nächsten Hof in Hürben braucht der Doktor keine Salbe und auch keine Spritzen, sondern vier Tabletten, die im Gegensatz zu denen für uns Menschen so lang sind wie der kleine Finger eines Erwachsenen. Vier davon muss er einer Kuh einführen, die nach der Geburt Probleme bekommen hat: Die Fruchthülle, die um den Fötus herum war, blieb in der Gebärmutter.

Die Not-Operation für eine Kuh

Ihre Nachbarskuh ist soeben erst dem Tod von der Schippe gesprungen, die metallenen Ösen, mit denen die Haut an der operierten Stelle zusammengehalten werden, zeugen noch davon. „Sie wurde in einer Klinik in Gessertshausen operiert, weil sich der Magen nach rechts gedreht hat“, erklärt Moeferdt. Hätte sich der Magen nach links gedreht, hätte er sie selbst behandeln können, indem er die Kuh einmal auf dem Boden liegend dreht, so waren ihm aber die Hände gebunden.

Auf dem Rückweg erzählt der Assistent über die Freisprechanlage, dass er eine andere Kuh am Vorabend einschläfern musste. Just in dem Moment fährt ein Wagen der Tierkörperbeseitigungsanstalt aus Warthausen bei Biberach an ihm vorbei, der jeden Tag eine Runde dreht und alle eingeschläferten Tiere und den Schlachtabfall einsammelt.

„Bei einem Darmverschluss können wir nichts mehr machen“, erklärt der Tierarzt. Er schaut schnell bei einem noch lebenden Milchschaf vorbei, allerdings muss er auch das nur begutachten, weil es am Nachmittag zum Schlachten abgeholt wird.

Ein Praktikum im Schlachthof ist während des Studiums Pflicht

„Ein Praktikum in einem Schlachthof ist während des Studiums Pflicht“, sagt Dr. Moeferdt, schließlich hätten viele Probleme damit, sich so etwas anzusehen. Immer wieder hat der Tierarzt Praktikantinnen dabei, die sich für den Beruf interessieren, sich hinterher aber dagegen entscheiden. „Ich hatte mal eine junge Frau dabei, die ihren Studienplatz schon sicher hatte, aber nach dem Tag bei mir hat sie darauf verzichtet.“

Für Moeferdt hingegen war es genau das Richtige. „Mir hat schon das Studium total viel Spaß gemacht, obwohl es so viel Stoff war“, erinnert er sich. Von Zoologie über Botanik, Biochemie und Physiologie bis hin zur Chirurgie und Geburtshilfe sei wirklich alles dabei. Und auch heute noch macht es Moeferdt Spaß, obwohl es viel Zeit kostet. „Das muss man sich mal vorstellen, er ist seit Ewigkeiten 24 Stunden erreichbar – und trotzdem ist er immer freundlich“, sagt die Mitarbeiterin einer Schafzucht.

Mit diesen freundlichen Worten gegen 13 Uhr endet seine Tour, Dr. Moeferdt fährt nach Hause, zieht die Gummistiefel aus und legt den grünen Mantel ab. In Jeans und rot kariertem Hemd wird er jetzt zu Mittag essen, ehe er sich um den angesammelten Bürokram kümmert. „Und danach – geht es mit der Abendrunde los.“

Das Berufsbild des Tierarztes wandelt sich

Im Kreis Heidenheim gibt es immer weniger Landwirte. Dr. Moeferdt erinnert sich daran, dass es in Hürben einmal über 40 Milchlieferanten gegeben hat, heute sind es nur noch ein paar wenige.

Im Kreis Heidenheim gibt es sechs praktische Landtierärzte, alle anderen schauen nur nach Kleintieren. Früher, so sagt Moeferdt, wurde man auf dem Land hingegen Tierarzt, um für die großen Tiere zu sorgen, die Kleintierpraxen waren nebensächlich. Damals war Moeferdt zudem ein „Feuerwehr-Tierarzt“, der bei jeder Geburt schnell ausrücken musste.

Aus dem Landtierarzt wird ein „Herdenbetreuungsmanager“

Mittlerweile wandelt sich das Berufsbild hin zum Betreuungstierarzt, der zu festen Zeiten in regelmäßigen Abständen Tiere betreut – „Herdenbetreuungsmanager“ nenne man das. Denn: Vieles können heute auch die Landwirte selbst, den Tieren etwa bei der Geburt helfen oder sie künstlich besamen. In Nord- und Ostdeutschland, das weiß Moeferdt von Kollegen, macht man jetzt schon, was unaufhaltsam ist: Mehrere Tierärzte schließen sich zusammen, haben abwechselnd Dienst und gehen von Hof zu Hof. Solche Praxen sind überregional organisiert, für die Tierärzte bedeutet das weite Fahrtstrecken.

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