Medizin Der letzte Dorfarzt

Burgberg ist der einzige Giengener Teilort mit eigenem Hausarzt. Dr. Jürgen Siebert praktiziert dort.
Burgberg ist der einzige Giengener Teilort mit eigenem Hausarzt. Dr. Jürgen Siebert praktiziert dort. © Foto: Annika Sinnl
ANNIKA SINNL 03.06.2013
Jedem Dorf sein Arzt? Das ist schon lange nicht mehr der Fall. Der Zustand wird sich weiter verschärfen. Es fehlt Nachwuchs – vor allem die ländliche Gegend gilt als wenig attraktiv. Warum eigentlich? Ein Besuch bei Dorfarzt Dr. Jürgen Siebert.

Rechts der Eingang in die Praxis. Links der Eingang ins Wohnhaus. So viel Privatsphäre muss sein. Einen direkten Durchgang gibt es dennoch. So viel Komfort muss sein. Ja, solche Gegebenheiten wie bei Dr. Jürgen Siebert findet man sicher nicht mehr allzu häufig. Doch nicht nur das macht ihn zu einer Rarität: Siebert ist Allgemeinarzt in Burgberg – der einzige in einem Giengener Teilort.

Luxus, könnte man fast sagen. Denn während der Kreis Heidenheim im Bereich der niedergelassenen Hausärzte rein rechnerisch noch überversorgt ist (Versorgungsgrad 111 Prozent), wird der Ärztemangel in naher Zukunft auch hier ankommen. 38 der 93 Hausärzte im Kreis Heidenheim sind zwischen 50 und 59 Jahre alt, 29 sind 60 und älter. Ein Großteil der Ärzte wird also in absehbarer Zeit in Ruhestand gehen. Das Problem: Der Nachwuchs fehlt. Und vor allem die ländlichen Gegenden gelten als wenig attraktiv.

Doch warum eigentlich? Wie lebt es sich als Dorfarzt? Trägt sich eine solche Praxis nicht? Ist der Stress unzumutbar, weil ständig Patienten vor der Tür stehen, obwohl die Praxis eigentlich geschlossen hätte? Jürgen Siebert winkt ab, kann das alles nicht bestätigen. „Mir gefällt es“, sagt er, während er seine Brille in den Händen hält und sich mit dem Ellenbogen an der Stuhllehne abstützt.

Lust aufs Kontrastprogramm - Lust aufs Land

Dabei war es gar keine bewusste Entscheidung. Vielmehr war es der pure Zufall, der Siebert zum Dorfarzt machte. Nach dem Abitur – Siebert ist in Frankfurt aufgewachsen – wusste er nicht so recht, was er machen sollte. Weil er gute Noten hatte, brachte ihn jemand auf die Idee, Medizin zu studieren. Siebert biss sich durch. „Ich lebte ja in der Stadt, ich habe auch in Frankfurt studiert. Ich hatte dann mal Lust auf das Kontrastprogramm. Ich ging aufs Land“, erzählt er.

So kam er unter anderem nach Nördlingen. Und dort wiederum lernte er seine Frau kennen. Schnell wurde er Vater. Dann war es Zeit für eine Entscheidung: „Ich dachte mir einfach, eigene Praxis, Land, das lässt sich gut mit der Familie vereinbaren.“ Also hat er sich umgesehen – dabei ist seine Wahl auf Burgberg gefallen. „Es war gut für die Kinder. Und: Auf der A 7 habe ich freie Fahrt Richtung Süden, Richtung Berge“, erzählt er. 1982 war das. Dr. Siebert bereut es kein bisschen.

Patienten von 7.30 bis 19 Uhr

Sieberts Tag beginnt um 7.30 Uhr. Seine Frau ist bereits ab 7 Uhr in der Praxis, um alles vorzubereiten. Gegen 12.30 Uhr macht er Pause, huscht nach Hause – was in seinem Fall nicht einmal ein Minutenakt ist – isst, um dann auf Hausbesuche zu gehen. Ab 15 Uhr ist er wieder zurück in der Praxis. Zwischen 18 und 19 Uhr hat er die letzten Patienten. „Ich esse dann zu Abend und gehe wieder in die Praxis, um Büroarbeit zu erledigen.“ Das sei ganz normal. Andere hätten eben ein Arbeitszimmer zu Hause.

„Diese enge Taktung ist eigentlich nur möglich, weil meine Frau nicht nur die Praxis mitorganisiert, sondern mir auch zu Hause den Rücken freihält“, sagt Siebert. „Diese enge Einbindung des Ehepartners in die Praxis war früher häufig, fast die Regel. Heute dürfte das eher die Ausnahme sein“, fügt er hinzu. Damit verliere die Praxis aber auch den familiären Charakter. „Und keine Angestellte arbeitet so flexibel wie die mitarbeitende Ehefrau“, so Siebert.

Der 63-Jährige hat einen treuen Patientenstamm. Zum Großteil stammen sie aus Burgberg, aber auch aus der näheren Umgebung kommen Patienten zu ihm. Keine Distanziertheit, keine unbekannten Gesichter: Siebert behandelt Kinder, deren Müttern er schon die Lymphknoten abgetastet hat. „Das ist das Schöne hier“, sagt er.

„Früher war es unkomplizierter“

Siebert ist integriert in Burgberg. Hat dort Freunde, ist im Vereinsleben aktiv. „Ich werde schon eher als Arzt gesehen. Wenn wir privat unterwegs sind, können wir uns aber gut von der Medizin distanzieren.“ Dass ihn Menschen im privaten Bereich ansprechen und ihn um medizinischen Rat fragen, komme heute viel seltener vor als früher. „So ist es akzeptabel“, sagt er. Heute seien die meisten Menschen verständnisvoller als vor 30 Jahren. Sie respektierten das Privatleben. „Sicher, ich und meine Patienten haben einen ganz anderen, einen engeren Draht zueinander.“

Erst hatte Siebert die Praxis an der Goerdeler Straße samt Wohnhaus gemietet, später hat er die Immobilie gekauft. Siebert erinnert sich: „Damals war alles noch unkomplizierter als heute. Man ging zur Bank, bekam Geld, brauchte keinen Businessplan.“ Auch die Regularien, die Bürokratie seien damals noch weitaus geringer gewesen. Dass die komplexen Vorschriften-Berge heute so manchem die Lust auf eine eigene Praxis verderben, das nimmt Dr. Siebert an.

Allgemeinmediziner: Fehlt ihnen das Ansehen?

Weil davon aber nicht nur die Ärzte im ländlichen Raum betroffen sind, sieht Siebert vielmehr andere Gründe als maßgeblich, warum sich kaum jemand mehr für eine Dorfpraxis entscheidet. „Zuerst fehlt es im Allgemeinen an Nachwuchs. Dann geht der Trend ganz klar in Richtung Ballungszentren. Und: Ein Allgemeinmediziner hat auch nicht das große Ansehen.“ Geld, denkt er, spielt nicht die große Rolle. Eine Dorfpraxis trage sich. „Ich lebe“, sagt er. Dass Geld nicht das ausschlaggebende Kriterium sei, sehe man auch daran, dass das Interesse durch gebotene Niederlassungshilfen nicht größer werde.

Siebert ist jetzt 63. Wann genau er in Rente gehen will, weiß er noch nicht. So langsam setzt er sich mit dem Thema Nachfolge auseinander. Er glaubt nicht, dass man sich um seine Praxis reißen wird. „Ich glaube aber schon, dass es eine Restchance gibt.“ Ob sich das System so halten kann, bezweifelt er. Man müsse aber auch andere Modelle wie Gemeinschaftspraxis und Co. durchdenken. „Die medizinische Versorgung hier wird bleiben, in welcher Form ist die Frage.“ Er betont aber: „In allen Bereichen gibt es Zentralisierungstendenzen. Nicht nur in der Medizin. Das sieht man ja auch daran, dass es auf dem Land kaum mehr Einkaufsmöglichkeiten gibt.“ Siebert gibt aber zu bedenken: „In den 70ern war Stadtflucht, jetzt Landflucht. Das kann sich ja auch alles wieder ändern.“

Dann steht Siebert vor dem Praxisausgang, nimmt aber lieber den direkten Durchgang zum Haus. Ja, das Dasein als Dorfarzt hat eben seine Vorteile. Und Siebert schätzt sie. Seit jeher.