Portrait Der Chef von Bibel TV kommt aus Giengen

Giengen / THOMAS GRÜNINGER 16.10.2015
Nahsein durch fernsehen: Der aus Giengen stammende Matthias Brender arbeitet als Geschäftsführer des Hamburger Spartensenders Bibel TV. Ein „Schreibtischtäter-Job“ mit engem Kontakt zum Publikum.
Rund 180 000 Zuschaltungen registriert der Fernsehsender Bibel TV täglich im Durchschnitt. An besonderen Tagen – etwa Karfreitag – können es auch mal bis zu 460 000 sein. An der Spitze des ersten digitalen christlichen TV-Senders Deutschlands, der seit Oktober 2002 aus Hamburg ein 24-Stunden-Programm ausstrahlt, steht ein Giengener: Matthias Brender.

Für den 36-jährigen Geschäftsführer ist allerdings – medien-untypisch – nicht die Zuschauerquote der wichtigste Gradmesser, sondern die Botschaft. Das Evangelium von Jesus Christus steht im Vordergrund. „Wir wollen zeigen, dass es Gott gibt und dass er heute noch eingreift“, bringt es Brender auf den Punkt. Vermittelt wird dies über Spielfilme, Gesprächsrunden, Reportagen, Dokumentationen oder auch Musiksendungen.
Seinen christlichen Glauben und seine Freude am Schreiben und Formulieren vereint Brender in seiner Tätigkeit für den Hamburger Sender. Noch während seiner Schulzeit in Giengen war er als freier Mitarbeiter für die Heidenheimer Neue Presse tätig und kann sich noch an seine erste Geschichte entsinnen – „über den Hausmeister an der Stadthalle.“

Nach der Schulzeit im beschaulichen Giengen arbeitete Brender als BA-Student bei Norman Rentrop. Der Bonner Verleger gab die Initiative zu Bibel TV – und stellte ein Start-Guthaben von etwa 14 Millionen Mark zur Verfügung. Für drei Jahre sollte das genügen, um ein 24-Stunden-Programm ausstrahlen zu können.
Die weitere Zukunft des Senders lag von Anfang an vor allem in den Händen von Matthias Brender. Er wurde bei Bibel TV als Leiter für Marketing und Fundraising eingesetzt, hatte also dafür zu sorgen, genügend Spenden einzuholen, damit es nach drei Jahren weitergehen konnte. Brender nahm die Herausforderung an, und schaffte es, das Spendenaufkommen auf 1,5 Millionen Euro jährlich auszubauen. „Damit war die Tragfähigkeit für Bibel TV gewährleistet. Für mich war das einfach eine spannende Erfahrung, zu erleben, wie Gott uns versorgt und die notwendigen Dinge entstehen lässt“, sagt er rückblickend.

Filme als Mutmacher für Gemeinden

Die Weichen waren gestellt, Bibel TV nahm Fahrt auf. 2009 kam ein Jugendsender hinzu – „Tru Young Television“, der inzwischen aber nur noch als Livestream zu empfangen ist. Dennoch entschied sich Brender nach Erreichen seines Zieles dafür, bei Bibel TV zu kündigen. Ihm lag besonders die „Arbeit an der Basis“ am Herzen, wie er sagt, also das Leben in den christlichen Gemeinden. Deshalb gründete er den Verein „Christliche Impulse“, ging in verschiedene Gemeinden und drehte DVDs, wie dort gearbeitet wird. Die Filme, sagt er, sollten „Mutmacher für Gemeinden“ sein. Es ging beispielsweise darum, wie Gemeinden unterschiedlicher Struktur wachsen und sich weiterentwickeln können.

Die Arbeit bereitete ihm Freude – und so war es zunächst nicht verwunderlich, dass Brender erst einmal Nein sagte, als Bibel TV ihn wieder beschäftigen wollte. Dort ging es inzwischen um die Frage, wer den bisherigen Geschäftsführer Henning Röhl beerben sollte. Röhl, einst Chefredakteur von ARD-aktuell (Tagesschau und Tagesthemen) und Fernsehdirektor des MDR, verabschiedete sich in den Ruhestand und sah im ehemaligen Marketing-Leiter Matthias Brender einen geeigneten Nachfolger.

„Er hat nicht lockergelassen und nochmals bei mir nachgefragt. Ich habe mir dann eine 40-tägige Entscheidungsfrist gesetzt“, berichtet Brender. Schließlich war er bereit, sein „Lieblingsprojekt“ hintanzustellen und bei Bibel TV als Geschäftsführer einzusteigen. Seit Jahresbeginn 2013 ist er Chef über 30 festangestellte und zahlreiche freie Mitarbeiter.

Knapp zehn Millionen Euro Spenden im Jahr

Wie alle Medien muss sich auch das Fernsehen im sich rasant entwickelnden elektronischen Markt immer wieder neu behaupten. Der Aufbau einer Mediathek, die Entwicklung von Apps, ständige Modernisierung der Webseite, der Einstieg in die HD-Technik (Bibel TV ist einer der wenigen kleinen Sender, die bereits auf hochauflösendes Fernsehen setzen) – die Herausforderungen im schnelllebigen Medien-Zeitalter sind vielfältig. „Die nach 1990 Geborenen schauen zunehmend weniger fern“, weiß Brender aus Untersuchungen. Deshalb kommt dem Internet auch immer mehr Bedeutung zu.

Nichtsdestotrotz verzeichnete Bibel TV in den vergangenen Jahren eine stete Aufwärtsentwicklung. Nach wie vor finanziert sich der Sender, der die wenigsten Produktionen selbst erstellt, neben Werbespots zum überwiegenden Teil durch Spenden. Knapp zehn Millionen Euro im Jahr werden derzeit generiert. 2014 waren es 50 680 Einzelspender, die regelmäßig den Sender unterstützten, weil es ihnen wichtig ist, dass biblische Themen im Fernsehen präsent sind. „Wir sind seit der Gründung jedes Jahr gewachsen, sowohl was die Zahl der Zuschauer als auch die Höhe der Spender anbelangt“, freut sich Brender.

Manches unterscheidet Bibel TV von anderen Fernsehsendern, beispielsweise die extreme Nähe, die die Hamburger Programmmacher zu ihrem Publikum suchen. Monatlich einmal beantwortet Matthias Brender Zuschauerfragen, geht auf Wünsche und Anregungen explizit übers Fernsehen ein und stellt sich auch kritischen Äußerungen. Auch andere Sendungen, wie etwa der Bibel-TV-Klassiker mit Henning Röhl und der Religions-Wissenschaftlerin Ruth Lapide, die sich mit der jüdischen Sicht der Bibel befassen, bauen bewusst auf Zuschauerfragen auf.

Auffallend ist auch, dass Bibel TV nachts einen „signifikant hohen Marktanteil“ hat, wie Brender berichtet. „Viele Menschen liegen schlaflos im Bett, werden von Sorgen geplagt und suchen gerade in dieser Zeit Hilfe“, weiß er. So mancher nächtliche Zuschauer fand im Seelsorge-Programm des Senders den erhofften Zuspruch. „Es gab einen Menschen, der sich umbringen wollte, aber dann nach eigener Schilderung durch eine Sendung von Bibel TV davon abgehalten wurde“, berichtet Brender.

Interview mit dem "breitesten Pastor Deutschlands"

Der Sender fühlt sich konfessionell nicht gebunden. Ein Interview mit dem ehemaligen katholischen Erzbischof von Freiburg, Robert Zollitsch, hat Brender ebenso geführt wie mit der früheren evangelischen Landesbischöfin Margot Käßmann oder dem Benediktinerpater Anselm Grün. Charismatische Gottesdienste werden ebenso ausgestrahlt wie traditionelle. Und auch echte Exoten tauchen in den Gesprächsrunden auf, wie etwa der „breiteste Pastor Deutschlands“, der muskelbepackte und großflächig tätowierte Marcus Schneider. „Nachdem er bei uns war, ist er plötzlich auch für andere Medien interessant geworden“, so Brender.

Alljährlich veranstaltet Bibel TV einen Dank-Gottesdienst. Für gewöhnlich findet er in Hamburg statt, doch dieses Jahr weilte man in der Stuttgarter Stiftskirche. Brender war es wichtig, bei dieser Gelegenheit auch mal mit Zuschauern aus anderen Regionen in Kontakt zu kommen. Als der Giengener seine Geschäftsführer-Stelle in Hamburg antrat, hätten manche Kollegen ein wenig Sorge gehabt, der Schwabe würde nun den Sitz von Bibel TV in Richtung Heimat verlegen, lacht Brender.

Doch der Wahl-Hanseate fühlt sich in Hamburg wohl, hat eine Wohnung auf der Reeperbahn bezogen, wo er mit der Heilsarmee zusammenarbeitet, um Menschen auf dem Kiez zu erreichen. An Heiligabend predigt er für sie, will sie mit der christlichen Botschaft dort erreichen, wo sie sind. Das Arbeiten direkt an den Menschen ist für ihn eine sinnvolle Ergänzung und ein willkommener Ausgleich zum „Schreibtischtäter-Job“ bei Bibel TV, wie er sagt.

Familiär wird sich für Matthias Brender, der noch vier- bis sechs-mal im Jahr seine Eltern besucht, die in der Giengener Marktstraße ein alteingesessenes Schuhgeschäft betreiben, in absehbarer Zeit etwas ändern: Er hat sich verlobt. Auch als Ehemann aber will er seiner Berufung treu bleiben. Die „Mission digital“ ist seine Herzensangelegenheit – und soll es auch bleiben.
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel