Giengen / Nadine Rau Beim Tag der offenen Tür am Mittwoch wurden die neuen Räumlichkeiten in der Marktstraße offiziell eingeweiht. Neben einer Ausstellung über Geflüchtete gab es auch rührende Geschichten.

Adham Alsheyer kam 2015 von Syrien nach Deutschland. Zwei Jahre lang hat er jeden Tag damit gerechnet, zu sterben. Kathrin Schwarz wollte 1985 von Ostdeutschland nach Schwaben kommen. Mit nur 18 Jahren landete sie deswegen im Gefängnis. Vath Kuth wurde 1979 von Kambodscha mit einem Flieger des DRK nach Deutschland geflogen. In seinem Land herrschte Krieg.

Die Gesichter hinter diesen Fluchtgeschichten schauen die Besucher von Plakaten aus an, die im neuen Integrationsbüro mitten in der Fußgängerzone hängen. Anlässlich der offiziellen Eröffnung beim Tag der offenen Tür hatte die Integrationsbeauftragte Christina Augustin die Ausstellung, die im Rahmen des Forums für Kulturen Stuttgart entstanden ist, nach Giengen geholt. Passender hätte sie kaum sein können.

Seit vielen Monaten arbeitet Christina Augustin mit der Stadt daran, das Miteinander zu stärken. Durch neue Räumlichkeiten in der Marktstraße spielt sich diese Arbeit jetzt auch örtlich ganz zentral ab.

Die Besucher, darunter Bürger mit Migrations- oder Fluchthintergrund, Stadträte und Altstadträte sowie Ehrenamtliche, bekamen aber nicht nur die Plakate zu lesen, sondern auch Geschichten zu hören. Die Geschichten, die sich in Giengen abgespielt haben und es immer noch tun.

Zum Beispiel die von Maria Raptopoulou-Bertenbreiter aus Nordgriechenland, die Anfang der 60er Jahre nach Giengen gekommen war. „Wir sind nicht geflüchtet, wir wurden damals als Arbeiter angeworben. Meine neuen Nachbarn in Giengen haben mich sehr gut aufgenommen. Ich glaube, heute haben es Geflüchtete schwerer, weil sich in Deutschland die Art zu denken vieler leider gewandelt hat.“

Gut zehn Jahre später, 1973, kam Zahide Güzel aus der Türkei nach Giengen. Sie sieht es genau andersherum. „Wir hatten damals eine echt schwere Zeit. Wir hatten keine Wohnung und niemand hat uns geholfen. Heute erlebe ich es vor allem hier, dass die Mitmenschen den Flüchtlingen unter die Arme greifen. Wichtig ist: Erst kommt der Mensch, dann der Glaube und seine Herkunft.“

Fawaz Wahbi ist ein Geflüchteter, der die Situation von heute beurteilen kann. Der Syrer kam erst 2015 nach Giengen. Zwei seiner Kinder hat er wegen eines Bombenangriffs auf sein Haus verloren, weiß Altstadtrat Rubens Link, der gut mit Wahbis Familie befreundet ist. Auch Wahbi erzählte den Besuchern seine Geschichte. „Ich habe jetzt eine Wohnung für mich und meine Familie und bin zufrieden hier.“ Im Vorfeld hat der Bäcker für alle Orientalisches gebacken, er entschuldigte sich, weil sein Deutsch noch nicht ganz so gut ist.

Nicht allein die Sprache zählt

Auf die Sprache allein kommt es aber nicht an. Vor allem nicht im Integrationsbüro. Die Menschlichkeit ist das A und O, Augustin und ihr Team wollen hier weiterhin neu ankommenden Bürgern eine große Stütze sein. Ihr Ziel: Jeder soll in Giengen ankommen. „Die Geschichte von euch dreien ist eine Ermutigung für uns alle, so weiterzumachen“, befand Augustin.

„Brauchen uns nicht verstecken“

Weitermachen in Sachen Integration, das will auch Oberbürgermeister Dieter Henle. „Wir brauchen uns nicht verstecken, wir haben uns bewusst dafür entschieden, dieses Thema ernst zu nehmen“, betonte Henle.

Dabei gehe es für Menschen aus einem anderen Land nicht darum, nach ihrer Ankunft in Giengen deren Heimat zu verleugnen, sondern vielmehr darum, die Kultur in die neue Heimat mitzubringen und auch weiterzugeben.

Hala Elamin, die gebürtig aus dem Sudan kommt und die Ausstellung vorgestellt hat, schloss sich dem an und fügte hinzu: „Von den Geflüchteten können wir auch etwas lernen. Die Wege, die sie gegangen sind, waren meistens nicht einfach – und trotzdem schaffen es viele, danach hier Fuß zu fassen.“

Ein zukünftig einfacher Weg ist aber zumindest der ins neue Integrationsbüro. „Die Hemmschwelle ist jetzt weg“, so OB Henle zuversichtlich.