Giengen / Nadine Rau  Uhr
Der Giengener und sein Sohn Lukas teilen die Leidenschaft für Oldtimer und haben einen seltenen Wartburg 353W sowie einen Mercedes-Benz 300E, Baureihe W124, in der Garage stehen.

Es ist leicht bewölkt an diesem Freitag, an den Vortagen hat es sogar etwas geregnet. Fällt der Termin damit ins Wasser? „Ich rede mir jetzt einfach ein, dass es nicht regnet – und wir riskieren es“, zeigt sich Stephen Mutschler mutig. Sein Wartburg darf nämlich eigentlich nur bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein aus der Garage.

Sein Sohn Lukas ist wenige Minuten zuvor schon losgezogen, um den Mercedes zu holen. Er will aber einfach nicht zurückkommen. „Das kann kaum sein, die Garage ist nur ein paar Minuten von hier entfernt“, rätselt sein Vater. Doch bald schon biegt Lukas um die Ecke, parkt vor dem Haus und steigt aus. „Ich habe ihn warm gefahren“, sagt der 18-Jährige ganz entspannt – „so hast du es mir beigebracht.“ Dagegen kann Mutschler fast nichts mehr sagen.

Mit seinem Vater auf dem Beifahrersitz, dem Fotograf und der Redakteurin auf der Rückbank (im Mercedes sitzen die wichtigen Personen hinten, wurde uns erklärt), fährt Lukas weiter zu Garage Nummer zwei und Mutschlers großer Liebe, seinem Wartburg 353W, Farbe samtocker, produziert in Eisenach. Noch regnet es nicht, die Chancen auf ein gelungenes Foto stehen gut.

Während Lukas den Mercedes passend positioniert, steigt Stephen Mutschler in sein Fahrzeug. Styropor an den Wänden verhindert eine Macke an der Türe. Ganz schön laut brummt der Motor auf, dann parkt auch Mutschler, die Räder müssen eingeschlagen sein. Perfekt.

Die Fahrzeuge können jetzt von ihren besten Seiten fotografiert werden und die beiden Männer von ihren Fahrzeugen erzählen. Beide gehören dem Herrn Papa, Lukas darf aber mit dem Mercedes, und manchmal auch mit dem Wartburg, fahren.

Am 1. April 1981 sei der Wartburg erstmals zugelassen worden, für einen Mitarbeiter der Deutschen Film AG der DDR. Genau 32 Jahre später, am 1. April 2013, sei er dann auf eigener Achse vom zweiten Besitzer aus Frankfurt nach Giengen zu Stephen Mutschler gebracht worden.

Fünf Jahre lang hat der 51-Jährige jeden Tag im Internet geschaut, an einem Sonntagvormittag habe er den Eintrag entdeckt und wenig später in Frankfurt gleich (trotz Schneefall!) eine Probefahrt absolvieren dürfen. Ein Wochenende lang habe er noch überlegt, ehe er sich für den Kauf entschieden hat.

Anders beim almandinroten Mercedes-Benz 300E, Baureihe W124. „Da habe ich was gemacht, was ich vorher nie gemacht habe – und das Auto gleich beim ersten Besuch gekauft“, erzählt er. Der Mercedes wurde 1990 erstmals zugelassen, Mutschler ist erst der zweite Besitzer und das Auto in einem „außergewöhnlich guten Zustand“. Kein Rost, die Innenausstattung wie neu, Originallack.

Auch beim Wartburg würde jeder über die satte Farbe des Lacks staunen. Der Wagen hat bereits ein H-Kennzeichen, ein Wackeldackel nickt hinten aus dem Fenster heraus, im Wageninneren liegen außerdem zwei Schachteln ostdeutscher Zigarettenmarken, Karo und F6. „Für mich ist das Auto nicht nur ein technischer Gegenstand, ich möchte es auch stilecht präsentieren“, erklärt Mutschler, der sogar weiß, wie viele aufgepumpte Fußbälle in seinen Kofferraum passen. Na, grobe Idee? Die Antwort lautet 52.

Alltagstauglich ist der Wartburg, der 8700 Euro gekostet hat, nicht. Dafür hat Mutschler noch ein anderes Auto. Der Mercedes hingegen, der Kaufpreis lag hier bei knapp 10 500 Euro, eigne sich, abgesehen vom hohen Spritverbrauch, besser dafür. Mutschler betont außerdem, dass er sein Auto nicht zum Schrauben habe, wie andere Liebhaber von Oldtimern, sondern nur zum Fahren und Pflegen.

Wie viele Wartburgs es noch gibt, weiß er nicht. Er kann aber sagen, dass die Marke vor allem im süddeutschen Raum nur sehr selten vorkomme. Bei Oldtimer-Treffen wüssten einige Teilnehmer nicht einmal um die Marke, würden stattdessen annehmen, es handle sich um einen Lada oder einen Skoda.

Als alle Fotos im Kasten sind, lädt Mutschler noch zu einer kleinen Ausfahrt mit seinem Wartburg ein. „Die Türe fest zuschlagen, es fällt auch nichts ab“, versichert er. Laut ist es im Wagen, der seinem Besitzer zufolge mit mehr Gefühl als andere Autos gefahren werden müsste. Mit zwischen 100 und 110 Kilometer pro Stunde würde er höchstens unterwegs sein. Luxus wäre sein dünner, langer Schalthebel anstelle einer Lenkradschaltung.

Nach ein paar Runden macht er vor seinem Haus Halt, die Zufriedenheit und der Stolz auf sein Fahrzeug sind dem Autoliebhaber geradezu ins Gesicht geschrieben. So ist es auch kaum verwunderlich, dass er noch ein Traumauto auf der Agenda stehen hat, einen Renault Alpin A110. Beim Aussteigen regnet es noch immer nicht.

Der Oldtimer-Club und die Interessengemeinschaft

Durch seine Liebe zum Fahrzeug wurde Stephen Mutschler Mitglied im Oldtimer-Club Giengen, der rund 120 Mitglieder zählt. Gleichzeitig ist er aber auch Teil der Interessengemeinschaft Wartburg, Trabant, Barkas, die 1985 in der DDR gegründet worden ist. Die Mitglieder aus ganz Deutschland treffen sich regelmäßig, die Jahrestreffen mit Ausfahrt finden immer woanders statt, vergangenes Jahr auch in Giengen.


Ein weiterer Giengener, weiß Mutschler, habe ebenfalls einen Wartburg, aber einen mit Viertaktmotor, Mutschlers hat einen Zweitaktmotor. Einen Trabant gebe es auch noch in Giengen.

Die Teddybär-Rallye des Oldtimer-Clubs findet am 17. und 18. August statt. Ein SL-R129-Treffen gibt es kurz darauf am 25. August. nr