Giengen „Mit 70 hörst du auf“: Zwei ehemalige Stadträte im Interview

Das Rathaus (im Hintergrund) werden Rubens Link (links) und Rudolf Boemer nur noch wie alle anderen Giengener Bürger betreten. Ihr Amt als Stadtrat haben sie nach 24 bzw. 43 Jahren Mitwirkung in der Kommunalpolitik jetzt im Sommer abgegeben.
Das Rathaus (im Hintergrund) werden Rubens Link (links) und Rudolf Boemer nur noch wie alle anderen Giengener Bürger betreten. Ihr Amt als Stadtrat haben sie nach 24 bzw. 43 Jahren Mitwirkung in der Kommunalpolitik jetzt im Sommer abgegeben. © Foto: Christian Thumm
Giengen / Von Dieter Reichl 02.09.2018
Jetzt im Sommer haben Rubens Link nach 24 Jahren und Rudolf Boemer nach gar 43 Jahren Tätigkeit als Stadtrat die Kommunalpolitik an den Nagel gehängt. Ihre Erfahrungen in diesem Ehrenamt waren (fast) immer positiv.

Blendend gelaunt erscheinen die beiden kommunalpolitischen Jung-Ruheständler Rudolf Boemer und Rubens Link zum Interview. Eines wird schnell deutlich im Gespräch: Das Fazit über ihre 43 beziehungsweise 24 Jahre in der Giengener Kommunalpolitik fällt zum allergrößten Teil positiv aus.

Herr Boemer, Herr Link, warum war genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um die Kommunalpolitik an den Nagel zu hängen?

Rudolf Boemer: Ausschlaggebend war für mich die 2019 anstehende Wahl, bei der für mich eine neue Kandidatur sowieso kein Thema ist. Sie sollte von einer neuen Fraktionsleitung organisiert und vorbereitet werden. Und erst recht die lange Dauer mit 43 Jahren im Gemeinderat. Es ist besser, man entscheidet so was selber.

Rubens Link:Ich habe 1994 angefangen und damals im Umfeld schon sehr betagte Männer gesehen. Das wollte ich nicht und habe mir gesagt: Wenn du gewählt wirst und fit bleibst, mit 70 hörst du auf.

Ein Blick zurück: Als Sie angefangen haben mit der Kommunalpolitik, was war da die Motivation?

Link: Meine Motivation waren die damals aktiven Republikaner. Da waren die stark im Kommen. Dagegen wollte ich was tun und stellte mich für die Grünen und Unabhängigen als Kandidat zur Verfügung. In einer Partei war ich allerdings nie.

Boemer: Durch meine Arbeit im Stadtjugendring wurde ich angefragt, ob ich kandidiere. Es war dann die logische Folgerung, die Projekte aus der Jugendarbeit umzusetzen zu wollen. 1975 kam ich dann rein. Die Arbeit im Gemeinderat hat sich schnell auf gesamtgesellschaftliche Themen ausgeweitet. Und seit 1971 war ich auch bereits in der CDU.

Link: Parteiarbeit hat mich eher abgeschreckt.

Boemer: Ich fand die politischen Diskussionen immer belebend.

Welche Themen waren besonders schwierig?

Gab es Themen, die besonders schwierig waren?

Link: Die große Kreisstadt war 1999 ein Riesenthema. Ich war immer dafür, wegen der Perspektiven für die Stadt. Dann wurde auf einem zum Teil niedrigen Niveau diskutiert mit der Gefahr, dass es abgelehnt wird. Da ging's heiß her.

Boemer: Das waren wirklich lange Diskussionen und lange Wege. Für mich war auch prägend in den 80ern die Diskussion, Giengen zur atomwaffenfreie Zone zur erklären. Das war im ganzen Land ein Thema. Dazu gab's auch wirklich fundierte Beiträge in unserem Gemeinderat. Und es wurde damals ja nur ganz knapp abgelehnt.

Gab es früher inhaltlich strittigere Themen als heute?

Link: Ums Thema Giengen als Fairtradestadt oder als nachhaltige Stadt, um alternative Energien, da wurde auch jetzt viel diskutiert. Aber wirklich strittig war's nicht.

Boemer: So ganz harte Auseinandersetzungen gab's früher öfter. Da trafen die unterschiedlichen Standpunkte zwischen CDU und SPD wesentlich stärker aufeinander, auch aus der großen Politik. Link: Heute ist man zugedeckt mit lokalen Themen und hat alle Hände voll zu tun, die durchzubringen.

Welche Themen waren Ihnen wichtig?

Link: Für mich die Einhornkarte, Themen im sozialen Bereich. Die Flüchtlinge sind mir ein großes Anliegen. Die Minderheiten sollen eine Stimme haben. Und natürlich Schulen, Kindergärten, die Gesamtentwicklung der Stadt.

Boemer: Bei mir war es generell die Stadtentwicklung. Ich war ja verschrien als Millionenausgeber beim Versuch, die Finanzen im Griff zu halten und doch die Stadt voran zu bringen. Dann die Themen Stadtrandstraße, die Schulen, die Kindergärten. Aber auch die Kultur ist mir wichtig. Das gehört zu einer lebenswerten Stadt dazu.

Link: Das Thema Stadtrandstraße war der größte Fehler in der Kommunalpolitik, dass man das nicht schon vor 20, 30 Jahren durchgezogen hat. Dann hätte sich Giengen anders entwickelt. Eine unendliche Geschichte.

Jetzt gibt's ja ansatzweise Widerstand beim Thema Industriepark an der Autobahn.

Link: Wasch' mich und mach' mich nicht nass, so kann man da argumentieren. Ich bin der Meinung, wir brauchen das. Manchmal muss man in den sauren Apfel beißen, was den Flächenverbrauch angeht.

Boemer: Wir sind da schon auf dem richtigen Weg. Die Stadt braucht selbstbestimmt die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln. Die Nachfrage ist da, die Lage an der Autobahn ist optimal. Ich sehe aber schon auch die Bedenken und Argumente wegen Landwirtschaft und Klima. Und was die Gestaltung anbelangt: Schön sehen die Dinger natürlich auch nie aus. Link: Wie der OB treffend sagt: Wenn wir es nicht machen, macht es jemand anders.

Sie haben mehrere und unterschiedliche Bürgermeister und Oberbürgermeister erlebt.

Boemer: Fünf!

Diese prägen als Bezugsperson die Arbeit des Gemeinderats sicher ganz entscheidend.

Boemer: Die Zusammenarbeit ist ganz unterschiedlich, mal enger mal weiter. Harte Auseinandersetzungen hat man aber wenig.

Link: Jeder hat seine eigenen Ansichten und Ansätze. Teils trägt man das mit, teils nicht, egal wer das jetzt war.

Boemer: Siegfried Rieg war für mich sicher ein Lehrmeister, mit seinem großen Allgemeinwissen und seinen Erfahrungen.

Kann man als Stadtrat Einfluss nehmen? Oder passiert doch nur das, was der Oberbürgermeister will?

Link: Man hat schon Einfluss. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass ich etwas bewegen kann. Man muss aber schon hinstehen. Ich hatte aber nie das Gefühl, bevormundet zu werden.

Boemer: Man wird gehört und hat Einfluss. Vor allem beim Haushaltsplan konnte einiges erreicht oder gestrichen werden. Auch sonst hat man sein Wort.

Ist Stadtrat ein spannendes Ehrenamt?

Link: Ich würde es sofort wieder machen. Ob noch mal 25 Jahre, weiß ich allerdings nicht (lacht.) Es ist schon sehr zeitintensiv. Man muss sich gut vorbereiten, sonst braucht man nicht in die Sitzungen zu gehen.

Boemer: Die Bandbreite der Themen ist schon mal spannend. Es geht auch um größere Zusammenhänge über den kommunalen Tellerrand hinaus. Das weitet unheimlich den Horizont. So was hat man im Beruf nicht.

Wenn es so spannend ist, warum bereitet es solche Mühe, Leute dafür zu begeistern?

Link: Ich denke, es ist der Zeitfaktor. Man muss schon wahnsinnig viel investieren. Meine Familie stand dahinter, nur so ging's. Und vielleicht fehlt manchem die positive Rückmeldung.

Boemer: Früher hatte das Ehrenamt sicherlich mehr Ansehen. Und das Interesse ist nicht mehr gegeben, sich intensiv zu beteiligen. Link: Zu den Sitzungen kommt ja kaum jemand. Nur bei persönlicher Betroffenheit sind Leute da.

Auch im Hinblick auf die nächste Wahl wird es sicher nicht einfach, Kandidaten zu finden.

Link: Schwierig. Boemer: Ganz schwierig.

War das früher anders?

Boemer: Früher waren viele eingebunden in eine Partei, da gab's dann Kontakte und Kandidaten. Das ist immer weniger geworden. Heute muss man hinter allen Zäunen und Ecken schauen und Einzelarbeit betreiben. Vielleicht wenn es ein ganz strittiges Thema gäbe . . .

Link: In letzter Zeit kamen eh wenig eigene Themen aus den Reihen des Gemeinderats. Das meiste kommt von der Verwaltung.

Immerhin gibt es im Giengener Rat drei weibliche Fraktionsvorsitzende. Der Anteil an Frauen ist heute höher.

Link: Gott sei Dank.

Boemer: Ja, das ist gut so.

Und junge Kandidaten ab 30?

Link: Das ist ganz schwer. Die haben junge Familien, und dann die Aussicht auf Fraktionssitzungen, Ausschüsse, Gemeinderat, Klausur . . .

Boemer: Mit 30, 35 sollte man schon so beginnen im Gemeinderat. Dann kann man auch die Familienthemen besser vertreten. Das war in der Vergangenheit immer gut.

Ist es nicht frustrierend, wie lange es dauert, ein Thema durchzusetzen?

Link: Das ist halt Demokratie. Aber wenn man will, geht es schon. Siehe am Beispiel der Kindergärten, wo es wirklich fix ging.

Boemer: Man steckt auch drin in der mittelfristigen Finanzplanung. Das macht es schwierig, ganz neue Themen zu bringen. Und neue Räte haben vielleicht manchmal den Eindruck, sie müssten sich mit ihren Ideen hinten anstellen.

Link: Es besteht halt immer die Kunst, Mehrheiten zu finden.

Aber der persönliche Umgang im Gremium ist angenehm?

Link: Doch doch. Man respektiert sich, man nimmt sich ernst.

Boemer: Es bleibt zumeist sachlich. Und oft – leider – wenig kontrovers.

Hat sich Giengen gut entwickelt?

Link: Für mich ist die Entwicklung sehr positiv gewesen in den letzten Jahren, bis auf die Finanzen. Aber das haben wir ja in den Griff gekriegt. Für mich ist Giengen auf einem guten Weg.

Boemer: Beim Wohnbau und Gewerbe, und auch beim Verkehr, vor allem im Ried, da muss noch was passieren. Insgesamt ist die Stadt aber gut unterwegs.

Hat Giengen ein schlechtes Image?

Link: Nein. Wenn man sieht, wie Veranstaltungen angenommen werden, zum Beispiel Halb 8, das ist doch phänomenal. Wenn man etwas anbietet, wird's auch geschätzt.

Boemer: Die Negativität macht man sich in der Stadt oft selber. Von außen wird's nicht so gesehen. Link: Giengen ist eine Stadt, in der sich's zu leben lohnt. Boemer: Richtig. Arbeit, Wohnen, Freizeit, alles da. Es geht darum, diese Strukturen zu erhalten.

Wird die Kommunalpolitik fehlen?

Link: Bis jetzt fehlt sie noch nicht, aber das wird schon kommen. Boemer: Ich lasse es mal auf mich zu kommen. Ich habe ja auch genug anderes. Ich bleibe in jedem Fall mit Interesse dabei.

Link: Die Frage ist nur: was mache ich jetzt donnerstags?

Zur Person

Rudolf Boemer, 74 Jahre alt, hat schon immer in seiner Heimatstadt Giengen gelebt. Beruflich war er 44 Jahre lang – vom Lehrling bis zum Renteneintritt – als kaufmännischer Angestellter bei der Firma Steiff tätig. Seit früher Jugend war er im städtischen Leben engagiert, zunächst bei den Pfadfindern, in der Jugendarbeit, in der Kirchengemeinde, in der Städtepartnerschaft und ab 1975 für die CDU-Fraktion als Stadtrat.

Rubens Link kam 1973 nach Giengen und hat, wie er ausdrücklich betont, immer gern in der Stadt gelebt. Link wurde vor wenigen Tagen 70 Jahre alt. Beruflich war er Sonderschulpädagoge und von 1989 bis 2011 Leiter der Christophorusschule in Heidenheim. Stadtrat bei den Unabhängigen/Grünen wurde er 1994. Neben der Politik engagiert er sich für das Jakobswegle und interessiert sich für Sport – früher als Fußball- und Basketballtrainer bei der TSG, heute für Golf.

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