Giengen 600 Besucher bei der Giengener Kulturnacht

Giengen / Joelle Reimer 16.04.2018
Kabarett, Musik, Lesungen: Die Giengener Kulturnacht hatte für jeden Geschmack etwas zu bieten. Mit 600 Besuchern waren es allerdings etwas weniger als im Vorjahr.

Stadtkirche? Bistro Knopf? Stadtbibliothek? Oder doch lieber erst mal in der Schranne bleiben? Wer die Wahl hat, hat die Qual: Dieser Spruch ist nicht nur allseits bekannt, sondern traf auch zu hundert Prozent auf die 14. Giengener Kulturnacht zu, die am Samstag über die Bühne(n) ging.

Bei kaum einer anderen Veranstaltung dürfte der Flyer einen solch hohen Stellenwert haben: Kurz vor Beginn in der übervollen Schranne wurden an allen Tischen die vier Seiten des kulturellen Fahrplans genauestens studiert. Die wohl meist gestellte Frage zwischen Sekt und Smalltalk: „Wo geht ihr als nächstes hin?“

Ganz oder gar nicht - oder von allem ein bisschen

Zu recht. Denn bei vier Locations und acht verschiedenen Programmpunkten (die Kurzfilmtour in der Volkshochschule musste aus Personalgründen kurzfristig abgesagt werden) hatten die Besucher der Kulturnacht im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder, sie entschieden sich für drei oder vier Stationen nach dem Motto „ganz oder gar nicht“, oder sie versuchten, von jedem ein bisschen was mitzubekommen.

All denjenigen aber, die Variante zwei gewählt haben, machte es Kabarettist und Comedian Nepo Fitz nicht leicht, nach zehn Minuten schon wieder weiter zu ziehen.

Kaum hatte er die Bühne betreten, hielt es die Besucher in der Schranne nicht mehr auf den Stühlen; die Fan-Gesänge männlicher „Leitwölfe“ und grellen Wow-Rufe der weiblichen Gäste wurden begleitet von wildem Geklatsche und lauten Pfiffen. Wer nicht wusste, dass Fitz das alles zuvor in seiner zehnminütigen Kostprobe einstudiert hatte, musste wahrlich beeindruckt sein vom Giengener Publikum.

Das wiederum zeigte sich im Verlauf seines unglaublich dichten Programms mindestens ebenso beeindruckt von dem bayerischen Energiebündel. Rasant geschnitten, funkensprühend witzig und ohne Verschnaufpause präsentierte Fitz Kabarett vom Feinsten – wobei es eigentlich noch mehr war als das: Eine Mischung aus Humor, Gesang und Rock'n'Roll, in der zwischendurch vom Nestbau-Betriebsprogramm und dem Endgegner Schwiegermutter erzählt wurde.

Fitz präsentierte sich als echter Hau-Drauf-Comedian ohne Tabus, der die Latte hoch gelegt hatte für „Delta Q“, einer Vokalband aus Berlin, die direkt nach ihm in der Schranne an der Reihe war.

Stilmix vom Feinsten

Doch obwohl sich die vier Jungs aus Berlin so ganz anders präsentierten, zogen sie die Besucher schon nach den ersten Tönen in ihren Bann. Mal ruhig, mal witzig, intelligent getextet und mit überraschenden Choreographien zeigte das Quartett in einem irren Stilmix, warum es zu Recht bereits internationale A-Cappella-Wettbewerbe gewonnen hat. So klang die „Ode an die Freude“ mal nach Indie, mal nach Rap, im nächsten Moment wähnten sich die Zuhörer inmitten eines Märchens von Tausendundeiner Nacht, um danach auf den Boden der Minimal-Music zurückzukehren. An Vielseitigkeit waren die Berliner Jungs an diesem Abend kaum zu übertreffen.

Sympathisch an der Gitarre

Als wahrer Geheimtipp entpuppte sich Musikkabarettist Olaf Bossi im Bistro Knopf. Harmoniesüchtige Geschichten mitten aus dem Leben, begleitet an der Gitarre, mit denen er die Lacher auf seiner Seite hatte – egal, ob es nun die glückliche Scheidungsparty der besten Freunde ist, die allseits präsente Katze oder die panisch-neurotische Frage: „Habe ich zu Hause das Bügeleisen an gelassen?“

Der sympathische Kabarettist würzte seine Texte stets mit einer Brise Ironie, ohne aber allzu laut oder gar bitterböse-satirisch zu werden. Und auch wenn er eigentlich keine Witze auf Kosten anderer machte, so sorgte doch die Tatsache, dass bei seinem Programm „Glücklich wie ein Klaus“ ein Besucher mit ebendiesem Namen anwesend war, für den ein oder anderen extra Lacher.

Höhepunkt war sicherlich Bossis Schlaflied: Was heiter und zuversichtlich begann, endete mit der schieren Verzweiflung in der Vaterrolle („das Kind ist ein Sonnenschein – aber es ist wirklich nicht schön, wenn nachts fünf Mal die Sonne scheint“). Dem Lärmpegel zufolge sprach Bossi zahlreichen Gästen aus der Seele. Kein Wunder, dass hier eine Zugabe verlangt wurde – auch wenn laut Fahrplan eigentlich schon der nächste Künstler an der Reihe war.

Eine Nacht, acht Programme

Im Wechsel mit Olaf Bossi spielte das „Andy Houscheid Trio“ im Bistro Knopf. Ruhige, atmosphärische Popmusik mit Tiefgang. Als Stimmungsmacher war das Trio eher ungeeignet, und sicherlich auch nichts für die großen Massen, doch dafür eine passende Ergänzung zum breiten Repertoire der Kulturnacht.

Eine Besonderheit gab's in der Stadtkirche: Der „Carmina Burana“-Singalong. Das Publikum als Chor, das funktioniert in Giengen eigentlich immer, und so auch am Samstagabend: An die 100 Gäste machten bei dieser Idee von Musikschulleiterin Marion Zenker mit. Fans klassischer Musik kamen zwischendrin bei Klavier- und Orgelkonzerten auf ihre Kosten. Ruhiger ging's in der Stadtbibliothek zu, bei den Lesungen von Claudia Brendler und den Satiren und Gedichten von Burkhard Engel, der die Gäste zum Schmunzeln brachte. Und wer um Mitternacht zu den Klängen der Turmbläser noch nicht nach Hause wollte, blieb einfach noch zur After-Party in der Schranne.

Und, wie war's?

Unterschiedlich: Ein Wort, mit dem viel gesagt ist und das die 14. Auflage der Giengener Kulturnacht ziemlich gut trifft – zumindest, wenn es nach Kulturamtsleiter Andreas Salemi geht, der den Abend bereits zum zehnten Mal organisiert hat. „Ich denke, die Mischung macht's. Energiegeladene, laute Auftritte wie der von Nepo Fitz, aber auch ruhige Stunden beispielsweise in der Stadtkirche oder der Bibliothek“, sagt Salemi, der sich am Ende zufrieden zeigt mit der diesjährigen Bilanz der Kulturnacht.

Und das, obwohl mit rund 600 Besuchern knapp 50 weniger gekommen waren als im vergangenen Jahr und sogar 200 weniger als noch im Jahr 2016. „Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt. Vielleicht ist das gute Wetter auch nicht immer gut für so eine Veranstaltung, weil die Leute dann schon etwas anderes vorhaben.“ Dramatisch sei das zwar nicht, dennoch hätte er sich angesichts des hohen organisatorischen Aufwandes etwas mehr Besucher gewünscht. „Vor allem, da es so etwas im Umkreis ja nicht noch einmal gibt. Ein Abend, an dem man in kürzester Zeit alle möglichen Genres erleben kann – das ist etwas Besonderes.“

Viele positive Rückmeldungen habe er zu Olaf Bossi im Bistro Knopf bekommen – „das ärgert mich fast ein bisschen, dass ich ihn verpasst habe.“ Auch „Delta Q“ und Nepo Fitz zählt er zu den Höhepunkten, und selbst mitgesungen hat er natürlich beim Singalong in der Stadtkirche. „Man muss immer etwas Neues bieten. Ich war gespannt, ob die Idee funktioniert; es hat super geklappt.“