Geislingen Zwei Berufsschulen verwandeln sich in Lernfabrik

Industriemechaniker machen sich an der Kaufmännischen Schule (KSG) in Geislingen mit digital vernetzten Maschinen vertraut. Die KSG kooperiert mit der Gewerblichen Berufsschule mit dem Ziel, Azubi auf die digitale Zukunft vorzubereiten.
Industriemechaniker machen sich an der Kaufmännischen Schule (KSG) in Geislingen mit digital vernetzten Maschinen vertraut. Die KSG kooperiert mit der Gewerblichen Berufsschule mit dem Ziel, Azubi auf die digitale Zukunft vorzubereiten. © Foto: Helmut Kölle
Geislingen / Von Claudia Burst 11.02.2019
Die Kaufmännische und die Gewerbliche Berufsschule in Geislingen kooperieren und unterrichten in der Lernfabrik Wirtschaft 4.0 ihre Azubi gemeinsam.

Die Arbeitswelt verändert sich. Künstliche, also digitale Intelligenz ist auf dem Vormarsch und erobert nicht nur Büros und die Industrie, sondern auch Handwerks- und Kleinbetriebe.

Umso mehr freuen sich Helmut Kölle und Jochen Schurr von der Gewerblichen Schule in Geislingen sowie Michael Röhm von der Kaufmännischen Schule darüber, dass das gemeinsame Konzept der beiden Schulen im Regierungspräsidium auf Begeisterung stieß: Die Schulen werden mit rund 170.500 Euro  als „Lernfabrik 4.0“ unterstützt. Da weitere 173 000 Euro vom Landratsamt als Schulträger hinzukommen plus – bis jetzt –  32 600 Euro von Partnern aus der Wirtschaft in der Region, kann die digitale Zukunft, auf die die Azubi vorbereitet werden sollen, schon jetzt beginnen.

Das Besondere am Geislinger Konzept ist vor allem die Vernetzung der beiden Schulen. „Der Gedanke dahinter ist, dass Daten, die im gewerblichen Bereich digital generiert werden, sofort an die Kaufleute transferiert werden“, fasst Helmut Kölle, der stellvertretende Schulleiter der Gewerblichen Schule, zusammen. Sein Kollege Michael Röhm, Abteilungsleiter der Kaufmännischen Berufsschule, fügt hinzu: „Bisher rechnen wir mit abstrakten Daten aus Büchern, in Zukunft mit echten Daten aus echten Maschinen. Das ist der Hammer.“

Das bedeutet, dass die Kaufmännischen Berufsschüler im Werkstatt-Labor dabei sind, wenn dort von den Handwerks-Azubi Bauteile erstellt und hinterher die Daten aus der CNC-Maschine ausgelesen werden. Jochen Schurr, der Abteilungsleiter der Gewerblichen Schule für Fertigungs-, Installations- und Elektrotechnik, erklärt: „Aus den Daten erkennt der Handwerker Fakten, auf die er bei der Produktion achten muss; der Kaufmann hat die notwendigen Zahlen, um zum Beispiel Angebote oder Rechnungen zu erstellen oder Material rechtzeitig  zu ordern.“

Die Zukunftsgedankenspiele der drei Lehrer gehen weiter. „Wenn die intelligente Heizung feststellt, dass das Gasventil ausgeleiert ist, meldet sie das direkt an die Produktionsfirma, die rechtzeitig nachproduzieren kann sowie an den Servicetechniker, der das notwendige Ersatzteil bei der nächsten Visite dann gleich dabei hat.“ So beschreibt Kölle ein Beispiel, wie die Arbeitsabläufe der Zukunft aussehen können. Schurr ergänzt: „Die Systeme sind irgendwann so intelligent, dass Fehler gespeichert werden und man daraus lernen kann, wie man sie vermeidet.“

Weil es das in großen Industriebetrieben teils schon heute gibt, für kleine Handwerksbetriebe jedoch noch Zukunftsmusik ist, gehört auch deren Fort- und Weiterbildung in der Schule mit zum Lernfabrik-Konzept. „Dafür kooperieren wir mit dem Landesnetzwerk Mechatronik Baden-Württemberg“, informiert Jochen Schurr.

Laborräume werden umgebaut

Das Geld von Land, Landkreis und Wirtschafts-Partnern  – insgesamt werden 406 000 Euro benötigt – wird zum einen für den Umbau der bisherigen zwei Laborräume zu einem Raum benötigt. „Vor allem brauchen wir aber Roboter und Flurförderfahrzeuge, um unsere vorhandenen Anlagen wie den 3D-Drucker, die CNC-Dreh- und Fräsmaschinen und die 3D-Messmaschine zu einem Gesamtpaket zu verketten“, erläutert Helmut Kölle die finanziellen Herausforderungen. Das ermögliche dann auch in der Schule die Fertigung von Bauteilen durch künstliche Intelligenz.

Michael Röhm macht darauf aufmerksam, dass die Realitätsnähe auch dadurch gegeben ist, dass die Schule ihre bereits vorhandenen Maschinen vernetzt und nicht einfach neue kauft. „Auch Kleinbetriebe haben einen bestehenden Maschinenpark, den sie weiter nutzen wollen“, sagt der Abteilungsleiter.

Um den Antrag, als „Lernfabrik 4.0“ anerkannt zu werden, zu erstellen, haben die Kollegen der drei Lehrer viel Zeit investiert. Die Planungen begannen vor mehr als einem Jahr, zuständige Lehrer besuchen inzwischen entsprechende Fortbildungen. Der Aufwand hat sich gelohnt: „Von der Lernfabrik profitieren sowohl die kaufmännischen und gewerblichen Auszubildenden, weil sie praxisnah für den Betrieb der Zukunft fit gemacht werden“, erklärt Röhm. Einen Nutzen ziehen aber vor allem die Betriebe: „Sie erhalten Fortbildungen durch uns und gewinnen Azubi, die sich dann bereits auskennen in der Zukunftstechnologie.“

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