Geislingen Zeitreise durch Geislingen

Geislingen / Jochen Horndasch 21.08.2018
Beim Sommer der Ver-Führungen erlaufen sich die Teilnehmer die Geislinger Stadtgeschichte: von der Burgruine Helfenstein bis zur Altstadt.

Heide Rigl ist in ihrem Element. Die 75-jährige Gästeführerin der Stadt Geislingen kennt sich nicht nur in der Fünftälerstadt bestens aus. Auch bei Fragen zur Stadtgeschichte bleibt keine Frage ihrer sechs Gäste unbeantwortet, die mit ihr beim Sommer der Ver-Führungen unterwegs sind.

Treffpunkt für die dreistündige Stadtführung „Vom Helfenstein bis zum Alten Bau“ ist der Parkplatz Helfenstein bei Weiler, nur wenige Schritte vom ehemaligen Stammsitz des Adelsgeschlechts entfernt.

Von der einst größten Befestigungsanlage zwischen Ulm und Stuttgart ist so gut wie nichts mehr übrig: Weitgehend alle Gemäuer und Bauwerke seien erst 1936 auf den kargen Resten der ehemaligen Festung errichtet worden, die der Heimatforscher Georg Burkhardt zwischen 1934 und 1938 freilegte. Lediglich die doppelte Wehrmauer ist nahezu das einzig erhaltene Relikt.

Die um 1100 von Eberhard von Helfenstein errichtete Burg war bis Mitte des 14. Jahrhunderts Stammsitz des Aristokratengeschlechts mit einem Hoheitsgebiet von Blaubeuren bis Heidenheim und von Süßen bis an die Brenz. Doch die Helfensteiner lebten aufwendig und mussten sich Geld von der freien Reichsstadt Ulm leihen. Dafür verpfändeten sie ihren Stammsitz – ein Fehler, der sich 1396 bitter rächen sollte: Ulm übernahm die Burg, die Helfensteiner mussten ausziehen. Die neuen Herren demonstrierten mit gewaltigen Baumaßnahmen ihre Macht und Stärke: Mauern und Wehranlagen entstanden, und der Ödenturm wurde in die Festung integriert.

Dennoch gelang es dem Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach, die Burg für einige Tage zu besetzen. Die Ulmer konnten sie zwar zurückerobern, doch der massive Beschuss hatte deutliche Spuren hinterlassen, was zur endgültigen Aufgabe führte. Die behauenen Tuffsteine wurden abgetragen und in Ulm um 1580 herum zur Kanalisierung der Blau verwendet. Außer ein paar Grundmauern blieb nichts mehr übrig.

Sehr gut erhaltene Stauferstadt

Anders dagegen in Geislingen, wo nicht nur die Ulmer Spuren präsent sind, sondern auch viele mittelalterliche Prachtbauten das Stadtbild prägen. „Geislingen ist die am besten erhaltene mittelalterliche Stauferstadt, da es nie einen Stadtbrand gab“, betont die Gästeführerin. Das will sich die Gruppe genauer anschauen: Im Gänsemarsch geht es vom Helfenstein den schmalen und steilen Pfad hinab in die Fußgängerzone und zum Kirchplatz. Mit Blick auf das heutige Pfarramt und das ehemalige Klostergebäude erzählt Rigl von einer Gruppe lediger Geislinger Frauen, die im 15. Jahrhundert aufgrund des Frauenüberschusses in einem eigenen Haus zusammen lebten, gut organisiert waren und soziale Dienste leisteten. Die sogenannten Beginen, die es auch andernorts in Europa gab, bildeten zwar eine christliche Gemeinschaft. Sie legten aber kein Gelübde ab und lebten nicht in Klausur. Das missfiel der Kirche. Auf ihren Druck wurden die Frauen doch Nonnen und im heutigen Pfarrhaus untergebracht, das direkt an die Stadtkirche grenzt.

Für das kleine Geislingen mit seinen damals 1500 Einwohnern war die dem Ulmer Münster nachempfundene dreischiffige, spätgotische Basilika völlig überdimensioniert. „In der Gotik wurde eben geklotzt“, sagt Heide Rigl dazu.

Deutliche Spuren hinterlassen hat in Geislingen auch Christian Friedrich Daniel Schubart, seines Zeichens Dichter, Rebell, Journalist und Musiker. Er war von 1763 bis 1769 Lehrer an der Schule auf dem Kirchplatz und wohnte am Schlossplatz – im Schubart-Haus sind heute städtische Ämter untergebracht.

Forellenbrunnen und Schloss

In der Geislinger Altstadt hat sich auch der Bildhauer und Medailleur Gernot Rumpf mit seinem Forellenbrunnen verewigt. Seine symbolisch dargestellten Fische erzählen Geschichten von Land und Leuten und nehmen mit Ironie die Grosskopferten aufs Korn.

Vorbei an der ehemaligen Markthalle, in der nun Geschäfte untergebracht sind, geht’s weiter zum Stadtschloss der Helfensteiner, in dem heute Finanzbeamte residieren. Im Gerberviertel an der achtstöckigen Zehntscheuer mit alemannischem Fachwerk aus dem 15. Jahrhundert mussten die Bauern ein Zehntel ihrer Getreideernte für die Ulmer abliefern. An diesem geschichtsträchtigen Haus mit Museum und städtischer Galerie endet unter Beifall Heide Rigls Stadtführung. Der Fußmarsch zurück zum Parkplatz bei der Burgruine bleibt den nun sichtlich erschöpften Gästen erspart – ihre Gastgeberin chauffiert sie mit dem Auto die Steige hinauf.

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