Führung Wo sich Roboter küssen und die Töpfe heiraten

Riesige Roboter produzieren in der Geislinger WMF Töpfe und anderes Kochgeschirr. Zur Überwachung der Produktionsanlagen wird so gut wie kein Personal mehr gebraucht, fast alles geht automatisch.
Riesige Roboter produzieren in der Geislinger WMF Töpfe und anderes Kochgeschirr. Zur Überwachung der Produktionsanlagen wird so gut wie kein Personal mehr gebraucht, fast alles geht automatisch. © Foto: FOTO: WMF
Geislingen / Von Michael Scheifele 31.08.2018

Die gigantisch große Maschine erinnert an ein Monster, das seine vielen Arme oder Tentakel ausfährt. Es ist laut in der Fabrikhalle, die Besucher müssen Gehörschutz tragen. Die Roboterarme vollziehen jeweils einen Arbeitsschritt und geben sich die Teile im Akkord weiter. „Hier sagt man, die Roboter küssen sich“, berichtet humorvoll Peter Möller, der die Gäste durch die Produktionsanlagen führt.

Zwei Dutzend Besucher besichtigten im Rahmen des Sommers der Ver-Führungen die WMF-Produktionsstätten. Mit dabei auch Zhang Chao aus China. „Ich bin seit einem Jahr in Deutschland und arbeite in der WMF-Filiale in der Stuttgarter Königstraße“, sagt er. „Für mich ist es interessant zu sehen, wo unsere Ware produziert wird. Auch in China ist die WMF ein Begriff.“

Die Roboteranlage gehört, abgesehen von den Maschinen in der Autoindustrie, mit zu den größten ihrer Art: In 33 Schritten werden die Kochtöpfe verarbeitet. „Vom Rohmaterial bis zum fertigen Kochtopf im Karton, dauert es, wenn alles wie am Schnürchen läuft, nur 25 Minuten“, informiert  Möller. Auf diese Weise können in drei Schichten 8000 Kopftöpfe pro Tag produziert werden. „Wenn am Ende der passende Deckel auf den Kochtopf kommt, sind sie verheiratet und kommen in den Karton“, sagt Möller. Er war früher selbst lange Zeit bei der WMF aktiv und ist mittlerweile seit zehn Jahren in Rente. Seit seiner Anfangszeit im Betrieb hat sich viel verändert. Während früher noch eine Glasbläserei und die Besteckherstellung auf dem 40 Fußballfelder großen WMF-Gelände angesiedelt waren, werden hier heute ausschließlich Kochtöpfe und Kaffeemaschinen gefertigt. Die Besteckherstellung findet nun in China statt. Möller bedauert es, dass diese Arbeitsplätze verlagert wurden. Ein weiterer Wermutstropfen sind die Arbeitsplätze, die durch die moderne Robotertechnologie ersetzt wurden. Bei der Produktion von Kopftöpfen wurden 80 Arbeitsplätze eingespart, in der Fertigung der Kaffeemaschinen ungefähr 40. Die WMF investierte dafür vor ein paar Jahren in neue Maschinen im Wert von rund 20 Millionen Euro (wir berichteten). „Früher hätte man es noch nicht für möglich gehalten, dass die Arbeit einmal von Maschinen gemacht werden kann“, sagt Möller.

Die Maschinen laufen, wenn es die Auftragslage hergibt, 24 Stunden am Tag. Lediglich eine Person wird dabei gebraucht, um die Roboter zu überwachen und Stichproben zu nehmen.

Aus dem Rohmaterial werden zunächst runde Platinen ausgestanzt. Eine Maschine der Firma Schuler aus Göppingen zieht die Platine in einem weiteren Schritt mit der Kraft von 900 Tonnen lang. Das Werkstück nimmt danach bereits die Form eines Kochtopfs an.

Um den Thermoboden zu befestigen, wird das dazu benötigte Aluminium auf 500 Grad erhitzt und mit 1000 Tonnen Druck aufgeschlagen. „Dieser Topf ist vom Kohleherd bis zum Induktionskochfeld für jeden Herd geeignet“, berichtet Möller. „Die hochwertigen Kopftöpfe werden nach wie vor in Geislingen gefertigt. Wenn Made in Germany drauf steht, kommt der Kochtopf zu 100 Prozent aus Geislingen.“

Ein Besucher lobt die Qualität: „Im Gegensatz zu vielen anderen Waren gehen die WMF-Kochtöpfe nicht kaputt.“ Allerdings wundert er sich: „Da man die sogar weitervererben kann, frag’ ich mich, wer überhaupt so viele neue Kochtöpfe kauft.“ Dazu erklärt Peter Möller: „Die Weltbevölkerung wächst und es erschließen sich neue Märkte. Die Kochtöpfe werden in die ganze Welt exportiert.“

Die Besucher bekommen zum Schluss noch etwas Besonderes zu sehen: Die sogenannte Paradiestür, die vor über 100 Jahren von der WMF gefertigt wurde und deren Original in Florenz steht. Die Kopie überlebte den Zweiten Weltkrieg im Bunker. Sie ist inzwischen der Öffentlichkeit zugänglich. Die Tür kann nach Anfrage an der Pforte beim Tor 1 in der Eberhardstraße besichtigt werden.

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