Musikkabarett Wo bitteschön ist der Takt?

Die vier Jungs von Gankino Circus – (v.l.) Ralf Wieland, Simon Schorndanner, Maximilian Eder und Johannes Sens – setzen in der Rätsche ihre Musik und ihren Humor virtuos ein.
Die vier Jungs von Gankino Circus – (v.l.) Ralf Wieland, Simon Schorndanner, Maximilian Eder und Johannes Sens – setzen in der Rätsche ihre Musik und ihren Humor virtuos ein. © Foto: Sabine Graser-Kühnle
Geislingen / Sabine Graser-Kühnle 13.02.2018
Das Quartett Gankino Circus kann viel – langsames Musizieren gehört aber nicht zu seinen Stärken. Zum Glück.

Vier Mann, zwölf Instrumente, die ländlich-schräge Idylle von Dietenhofen, eine groteske Show ohne Tabus, sowie – als Hauptmerkmal – eine rasant getunte Musik: „Gankino Circus“ aus „West-Mittelfranken“ hat das Publikum in der fast vollen Rätsche in Geislingen von den Sitzen geholt. Nicht nur aber auch dadurch, dass die vier so herrlich in Erinnerungen schwelgen: an ihre Jugend im ländlichen, abgeschotteten Dietenhofen, die sie hauptsächlich im Wirtshaus „Zur heiligen Gans“ verbracht haben, bis „der Wirt Weizencharly auf sei Weizeglas gfalle is un dod war“. Von da an war die Dietenhofener Jugend nämlich beim Griechen ... Nein, was das Publikum von den Sitzen reißt ist die Musik von Gankino Circus.

Diese ist Folklore pur, aber immer rasend schnell, als eilten die Musiker in Siebenmeilenstiefeln über die Bühne. So manche der energiegeladenen Melodien  birgt ein leises Wiedererkennen, dennoch: Etwas stimmt nicht. Kennt man den Song nicht im gemütlichen Dreivierteltakt? Ist das nicht eine Hüpfpolka? Wo bitteschön ist der Takt hin?

Langsames Musizieren scheinen Simon Schorndanner, Sänger, Saxofonist und Klarinettist, Gitarrist Ralf Wieland und Schlagzeuger Johannes Sens gar nicht zu können. Nur Akkordeonspieler Maximilian Eder schiebt meistens eine ruhige Kugel – er liefert das Bass-Fundament und den säuselnden Backgroundchor. Derweil spielt Sens sein Schlagzeug in einem Tempo, dass man sich wundert, wie er noch Arme und Beine sortiert bekommt – und grinst nebenbei schelmisch ins Publikum.

Ganz am Schluss löst Wieland das Rätsel: Die vier Musiker tunen ihre Musik, sie spielen alles im 11/16 Takt des bulgarischen Tanzes „Gankino Horo“. Das Quartett liefert seinem Publikum einige Kostproben und macht gleich noch ein Ratespiel daraus. Das Ergebnis: Als würden beim Sprechen Silben weggelassen, fehlen im Dreiviertelgetakteten „Lindenstraßen“-Thema einzelne Fragmente; eine völlig neue Musik entsteht, fetzig, rasant, mitreißend – und irgendwie gehaltvoller als das Original.

Virtuos: Musik und Humor

Die vier beherrschen nicht nur virtuos ihre Instrumente (alle sind übrigens Multi-Instrumentalisten), sondern setzen ebenso virtuos ihren urigen westmittelfränkischen Humor ein. Ihre Zuhörer lachen sich kaputt, wenn sie vom Besuch des „Flori“ in der heiligen Gans erzählen, dem Florian Silbereisen, der von seinen Auftritten mit Dauerplayback psychotisch wurde und in Dietenhofen Heilung suchte. Oder wenn Ralf die Bohrmaschine hervorholt und auf seiner Gitarre einen griechischen Sirtaki spielt, weil „die griechische Musig so schnell is, so schnell kann ein Gitarrespieler gar ned in die Saiden greifen“. Oder wenn Simon auf Ralfs Beinen balancierend musiziert und Maximilian seinem „Bonefon“, „dem ersten und einzigen Vibrafon aus Knochen“, tolle Musik entlockt – und obendrein mit herrlich sonorer Stimme singt. Und das Lied, eine ruhige, sanft wiegende Liebeserklärung, geht unter die Haut. Sie können also doch langsam musizieren. Aber der Schalk steckt Wieland im Nacken und er kommentiert: „Gell, der Weizenblues von Max is doch e schene Beerdigungsmusik.“

Am Ende drehen sie noch mal auf, Wieland holt die E-Gitarre heraus und los geht die Ami-Musik aus der Besatzungszeit Dietenhofens: Rock‘n’Roll mit einem Gitarristen Ralf Wieland, der im Chuck-Berry-Duckwalk über die Bühne fetzt. Yeah! Das war ’ne Supershow!

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