Der WMF-Betriebsrat hat schockiert auf die Nachricht reagiert, dass die WMF Group weltweit rund 400 Stellen abbauen und die Kochgeschirr-Fertigung am Geislinger Standort schließen will. „Das ist ein herber Schlag“, sagt Betriebsratsvorsitzender Frank Schnötzinger der GEISLINGER ZEITUNG. „Uns blutet das Herz. Das ist die Firma, der Motor der Region. Wenn man hier die Kochgeschirr-Fertigung schließt, dann bleibt von der Württembergischen Metallwarenfabrik, wie sie einmal bestanden hat, nichts mehr übrig.“

Schnötzinger kritisiert, dass die Fertigung des Edelstahl-Kochgeschirrs an bereits bestehende Standorte des Mutterkonzerns Groupe SEB in Frankreich und Italien verlagert werden soll. „Warum sollen die Mitarbeiter dort billiger produzieren? Die französischen Gehälter sind vergleichbar mit den deutschen – das verstehe ich nicht und kann ich nicht akzeptieren.“

Volker Lixfeld: Geschäftsbereiche haben sich unterschiedlich entwickelt

WMF-Chef Volker Lixfeld begründet die geplante Umstrukturierung in einem Schreiben, das am Mittwoch an die Belegschaft ging, mit einer Analyse der Entwicklung und des Marktpotenzials des gesamten Unternehmens. Danach hätten sich die Geschäftsbereiche Consumer und Professionelle Kaffeemaschinen (PCM) „sehr unterschiedlich“ entwickelt. In der offiziellen Pressemitteilung der WMF ist die Rede von „hervorragenden Fortschritten“ bei PCM, aber einer „unterdurchschnittlichen“ Entwicklung im Consumer-Bereich trotz Investitionen. Mit Blick auf die jeweiligen Märkte und Absatzpotenziale hätten die Bereiche auch „sehr unterschiedliche Perspektiven“. Schnötzinger sagt dazu, dass dem Betriebsrat bislang kein Zahlenmaterial vorliege, aufgrund dessen er die Entscheidung nachvollziehen könne. Er kündigt an, einen Wirtschaftsprüfer hinzuzuziehen.

Betriebsratchef Schnötzinger: „Wir sind jedes Jahr profitabler geworden“

Der Betriebsratsvorsitzende vermutet einen Zusammenhang mit dem Versuch der WMF ­im vergangenen Herbst, den PCM-­Bereich in eine Tochtergesellschaft auszugliedern (siehe Infokasten). Weil dies aufgrund des Protestes des Betriebsrats gescheitert sei, sehe es so aus, als vollziehe man den Schritt nun mit anderen Methoden.

Schnötzinger widerspricht der Darstellung der Geschäftsleitung, dass die Kochgeschirr-Fertigung in Geislingen defizitär sei: „Wir sind jedes Jahr profitabler geworden, die Kollegen haben sich Tag und Nacht einen rausgerissen. Aber wir wurden anscheinend nicht schnell genug profitabler.“ Der Groupe SEB gehe es nur um die Gewinnmaximierung, kritisiert er; der „Sozialgedanke“, den die SEB öffentlich pflege, gelte für das eigene Unternehmen nicht.

Schnötzinger stellt klar: „Wir wollen am Geislinger Standort weiterhin Kochtöpfe produzieren können.“ Die Marke WMF stehe für deutsche Qualität; doch komme es wie von der Unternehmensleitung geplant, dann gebe es bei der WMF kein Produkt mehr „Made in Germany“. Schnötzinger: „Ich befürchte, dass das indirekt auch das Filialgeschäft mit den rund 1000 Mitarbeitern schädigen wird.“

Schnötzinger: Mitarbeiter in Dornstadt werden nicht nach Tarif bezahlt

Mit Blick auf die angekündigten Investitionen im Logistikzentrum in Dornstadt spricht Schnötzinger von „einem weinenden und einem lachenden Auge“: „Ein Aufbau ist immer toll.“ Auch Lixfeld spricht in seinem Schreiben von „guten, individuellen Lösungen“ für betroffene Mitarbeiter und nennt als Beispiel unter anderem die Schaffung von neuen Stellen. Dazu merkt Schnötzinger an: „Die Mitarbeiter in Dornstadt haben keinen Tarif – man kann hier also von einer indirekten Tarifflucht sprechen.“

Der Betriebsratsvorsitzende richtet ein warnendes Wort an die Belegschaft: „Wir wissen aktuell noch überhaupt nicht, wer betroffen sein wird. Sollte es einen Stellenabbau nach einem Sozialplan geben, dann geht es nicht nur um die Mitarbeiter in der Kochgeschirr-Fertigung, sondern es kann jeden betreffen.“ Schnötzinger kündigt Protestaktionen an, will aber noch keine Details nennen. Er hoffe und zähle auf die Unterstützung der gesamten Belegschaft sowie der IG Metall. „Auf uns kommen jetzt viele schlaflose Nächte zu. Wir werden versuchen, alles möglich zu machen, dass die Mitarbeiter nicht zu Schaden kommen.“

WMF-Sprecher: Agenda 21 ist „kein reines Sparprogramm“

Unternehmenssprecher Stefan Kellerer betonte im Gespräch mit der GEISLINGER ZEITUNG, dass die „Agenda 21“ betitelte Umstrukturierung kein reines Sparprogramm sei. Finanzielle Einsparungen seien nur ein Teil  vieler unterschiedlicher Strategien für eine nachhaltige Ergebnisverbesserung des Unternehmens. Es handle sich dabei um einen auf zweieinhalb Jahre angelegten Prozess und keine überstürzten Maßnahmen.  Angekündigte Investitionen am Geislinger Standort wie die laufende Sanierung des Millionenbaus und die Einführung neuer Softwaresysteme für die Ressourcenplanung seien nicht in Gefahr.

SPD übt scharfe Kritik: Group SEB dürfe nicht die Seele der WMF opfern

Aus der Politik meldeten sich am Donnerstag die Bundestagsabge­ordnete Heike Baehrens und der Landtagsabgeordnete Sascha ­Binder (beide SPD) zu Wort. Die Hoffnung sei zunächst groß gewesen, dass sich SEB als Investor anders als der Vorgänger KKR verhalte, schreibt Baehrens in einer Pressemitteilung. Die geplante Schließung der Kochtopf-Produktion sei allerdings ein schlechtes Zeichen und ein Schritt, für den sie wenig Verständnis habe, da es sich um ein profitables Unternehmen handle. Die Groupe SEB müsse aufpassen, dass sie nicht die Seele der Marke WMF opfere. Auch Binder betont, dass die WMF kein Sanierungsfall, sondern ein gesundes Unternehmen mit einer hohen einstelligen Rendite sei, zu der die Belegschaft jeden Tag beitrage. Baehrens fordert den ganzen Landkreis auf, sich mit Belegschaft und Betriebsrat zu solidarisieren.

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Rückblick auf 2018: Ärger um geplante neue Tochtergesellschaft für PCM


Im September 2018 hatte es zuletzt Aufregung um die WMF gegeben: Damals hatte die Geschäftsleitung angekündigt, den Bereich für professionelle Kaffeemaschinen (PCM) in eine Tochtergesellschaft ausgliedern zu wollen. Als Begründung nannte die WMF die geplante Einführung zweier neuer Software-Systeme für den Geschäftskundenbereich (zu dem PCM gehört) sowie den Privatkundenbereich (Consumer). Belegschaft, Betriebsrat und IG Metall hatten mit Protesten reagiert: Sie ­befürchteten, dass die ­geplante Umstrukturierung der Anfang einer Zerschlagung des Unternehmens sein könnte. Die WMF hatte dies stets ­bestritten.

Jan Steinert, in der WMF-Geschäftsführung für Personal und Recht zuständig, versicherte damals im Gespräch mit der GEISLINGER ZEITUNG, dass der Mutterkonzern, die französische Groupe SEB, lang­fristige Pläne für die WMF habe. Die Investitionen der Franzosen in den Geislinger Standort seien dafür ein klares Zeichen. Als Beispiele nannte Steinert die Sanierung des Millionenbaus sowie die Einführung der neuen Softwaresysteme. Beides lasse sich SEB jeweils einen zweistelligen Millionenbetrag kosten.

Aus der Ausgliederung des PCM-Bereichs wurde allerdings nichts: Nachdem die Finanzbehörden die  Umstrukturierung für die WMF geprüft hatten, entschied sich das Unternehmen dagegen: Die Umstrukturierung sei so komplex, dass Aufwand und Nutzen in keinem Verhältnis stünden. Die rechtliche Struktur der WMF blieb in ihrer jetzigen Form erhalten. In einem Schreiben der Geschäfts­leitung an die Mitarbeiter war die Rede von möglichen „negativen Auswirkungen  auf unsere Aktivitäten hinsichtlich Marken, Gebäude und Energieversorgung“. sts