Reformation Wieder näher an Luthers Sprache dran

Pfarrer Dietrich Crüsemann hat gestern in der Geislinger Stadtkirche die neue Altarbibel eingeführt – assistiert von Mesmerin Sigrid Ströhle-Staudinger und Kirchengemeinderätin Dr. Stefanie Riegert (rechts). Foto: Rainer Lauschke
Pfarrer Dietrich Crüsemann hat gestern in der Geislinger Stadtkirche die neue Altarbibel eingeführt – assistiert von Mesmerin Sigrid Ströhle-Staudinger und Kirchengemeinderätin Dr. Stefanie Riegert (rechts). Foto: Rainer Lauschke © Foto: Rainer Lauschke
Anita Gröh 31.10.2016

Einen Tag vor dem Reformationsfest sind gestern auch im Kirchenbezirk Geislingen die neuen Altarbibeln in den 30 evangelischen Kirchen, in der Helfenstein-Klinik und in drei Pflegeheimen in feierlichen Gottesdiensten eingeführt worden. Für jede Bibel in der württembergischen evangelischen Landeskirche hat Landesbischof Dr. Frank-Otfried July das Einlege-Schmuckblatt persönlich unterschrieben.

Die Lutherbibel hat in der evangelischen Kirche eine ganz besondere Bedeutung. 1521/22 hatte Martin Luther auf der Wartburg zunächst das Neue Testament übersetzt. 1534 lag die vollständige Bibel vor. Und bis zu seinem Lebensende im Jahr 1546 hat Luther mit seinen Mitarbeitern stets weiter an der Übersetzung gearbeitet. Durch Luthers Bibelübersetzung konnten die Menschen in Deutschland die Bibel als Kraftquelle für ihren Glauben entdecken.

Bis heute ist die Bibel Martin Luthers in ihrer Sprachkraft unübertroffen. Und von Anfang an war sie ein Bestseller. Das Neue Testament, das im September 1522 gedruckt wurde, war so schnell ausverkauft, dass schon im Dezember des gleichen Jahres eine zweite Auflage erschien. Seither prägt die Lutherbibel das geistliche Leben, und seitdem entfaltet sie immer wieder neu ihre Wirkung auf unsere Sprache und unsere Kultur.

Die evangelische Kirche hat die Bibel Martin Luthers seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mehrfach revidiert, um sie sprachlichen Entwicklungen und dem Stand der Wissenschaft anzupassen. Dies geschah für das Alte Testament zuletzt 1964 und für das Neue Testament 1984. Seither ist die Bibelwissenschaft nicht stehen geblieben, man denke nur an die Auswertung der Funde der Bibelhandschriften von Qumran. Deshalb hat der Rat der evangelischen Kirche in Deutschland 2010 beschlossen, die Lutherbibel vor dem Reformationsjubiläum noch einmal gründlich durchzusehen.

70 Theologen haben über fünf Jahre gearbeitet und ganz behutsam jene Stellen verändert, die heute unverständlich oder missverständlich sind. Änderungen früherer Revisionen wurden wieder verworfen. Von den 35 598 Bibelversen wurden knapp 12 000 verändert. Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde die Lutherbibel 2017 aktuell auf der Frankfurter Buchmesse. Sie liegt in 14 gedruckten Startausgaben in einer Auflage von rund 250 000 Exemplaren vor.

 Der Dekan des Kirchenbezirks Geislingen, Martin Elsässer, freut sich über die neue Lutherbibel. Er sieht in der neuen Übersetzung ein schönes Zeichen für alle protestantischen Gemeinden. „Und zudem weckt die neue Lutherbibel auch das ökumenische Interesse“, sagt Elsässer.

Textänderungen orientieren sich an drei Kriterien

Die Änderungen am Text folgten drei grundlegenden Kriterien. Einige Beispiele:

Genauigkeit Die Treue gegenüber dem Ausgangstext ist das zentrale Anliegen der Revision. So wurde die gesamte Bibel anhand der hebräischen und griechischen Urtexte überprüft. Lutherbibel 1984: „Und siehe, da erhob sich ein gewaltiger Sturm auf dem See, sodass auch das Boot von Wellen zugedeckt wurde. Er aber schlief.“ Lutherbibel 2017: „Und siehe, da war ein großes Beben im Meer, sodass das Boot von den Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief.“

Verständlichkeit Sprache unterliegt einer ständigen Entwicklung. So haben im Lauf der letzten Jahrzehnte einzelne Begriffe ihre Bedeutung gewandelt oder sind aus dem allgemeinen Wortschatz verschwunden. Lutherbibel 1984: „Da ihr aber die Geburt so schwer wurde, sprach die Wehmutter zu ihr: Fürchte dich nicht, denn auch diesmal wirst du einen Sohn haben.“ Lutherbibel 2017: „Da ihr aber die Geburt so schwer wurde, sprach die Hebamme zu ihr: Fürchte dich nicht, denn auch diesmal wirst du einen Sohn haben.“

Luthersprache Nach den Versuchen im 20. Jahrhundert, die Bibel nach Martin Luther zu modernisieren, ist es ein Anliegen der Revision 2017, das Profil Lutherbibel wieder zu schärfen. Die kernige Sprache des Reforma­tors soll wieder in den Vordergrund gestellt werden. Lutherbibel 1984: „Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Lutherbibel 2017: „Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“