Soziales Wer einmal kommt, kommt wieder

Das macht den Reiz des offenen Mittagstisches der Nachbarschaftshilfe in Amstetten aus: Nach dem Essen sitzen alle noch gemütlich beisammen und singen mit Mathilde Werkmeister (rechts) am Akkordeon Lieder.
Das macht den Reiz des offenen Mittagstisches der Nachbarschaftshilfe in Amstetten aus: Nach dem Essen sitzen alle noch gemütlich beisammen und singen mit Mathilde Werkmeister (rechts) am Akkordeon Lieder. © Foto: Sabine Graser-Kühnle
Dienstag, 16 / Von Sabine Graser-Kühnle 20.01.2018

Dienstag, 16. Januar,
13 Uhr. Aus dem Nebenzimmer des Gasthauses „Zur Gesunden Luft“ in Reutti klingt Gesang, begleitet von einem Akkordeon. „Lustig ist das Zigeunerleben“, singen da 45 Leute, allesamt Senioren, die meisten Rentner. Sie sind Gäste beim offenen Mittagstisch von Nachbarschaftshilfe und Sozialem Förderverein Amstetten.

Bei einem Mittagstisch geht man von Essen aus, nicht von Singen. „Richtig“, sagt Doris Urnauer von der Nachbarschaftshilfe, die den Mittagstisch im April vor zwei  Jahren ins Leben gerufen hat. „Zuerst wird gegessen, danach sitzen wir in geselliger Runde beieinander.“ Mal werde eine Geschichte vorgetragen, mal packt die 82-jährige Mathilde Werkmeister ihr Akkordeon aus und dann stimmen alle kräftig mit ihrem Gesang zu ihrer Musik ein. Zuvor hat Gerda Schmohl eine heitere schwäbische Kurzgeschichte vorgelesen und damit schon mal einen launigen Boden fürs Singen geschaffen.

Doch gute Laune bringen die Herrschaften schon von zu Hause mit. Etwa die sechs Herren, die einen (fast) reinen Männertisch bilden. „Wir sind nun mal alle lustig und lachen gerne“, sagt einer davon, erhebt sich gentlemanlike vom Stuhl und stellt sich vor: „Guten Tag, Charly Köferle, Chicago.“ Alles am Tisch lacht über diesen Spaß. Auch der Stubersheimer Günter Schwarz grinst. Er ist heute zum ersten Mal beim Mittagstisch und findet es „wirklich schön: eine nette Gemeinschaft“. Zur Linken Köferles sitzt ein weiteres neues Mitglied, ein weibliches, und  stimmt in das Lob von Schwarz ein: „Hier gefällt es mir sehr gut, ich komme wieder.“ Auch das Essen habe gut geschmeckt.

Die meisten sind Stammgäste

Heute hat Wirtsfamilie Hezler Linsen mit Spätzle und Saiten serviert. Das Essen schmecke immer und die Familie Hezler biete eine gute Abwechslung an, bekräftigt das Ehepaar Christina und Franz Wiedorn. Die Amstetter sind seit der ersten Stunde  Stammgäste beim Mittagstisch. „Wir sind sehr aktiv und gerne unter Leuten, und an diesem Tag bleibt die Küche kalt“, sagt Christina und ihr Mann fügt hinzu: „Anfangs musste man sich anmelden, doch ich habe gesagt: Nein, wir buchen ein Abo und wir melden uns ab, wenn wir mal nicht können.“

So machen es mittlerweile die meisten, bestätigt Doris Urnauer. Das macht es für sie und ihr Team mit acht Helferinnen einfacher, zum Beispiel den Shuttledienst zu organisieren. Viele Gäste kommen aus anderen Ortsteilen Amstettens und nicht alle sind mobil. Da greift die Sozialstation Ulmer Alb der Nachbarschaftshilfe unter die Arme und stellt Fahrzeuge ab, aber auch die Helfer nehmen mit dem eigenen Auto Gäste mit.

Von Beginn an war der Mittagstisch ein Erfolg: 30 Teilnehmer  hatte der erste am 19. April 2016, inzwischen hat sich die Zahl auf rund 40 eingependelt. 52 Essensgäste war bislang der Rekord. Ernst Häge fühlt sich als, den Jugendjahren Entwachsener, in diesem Seniorenkreis wohl und betont: „Wir kommen nicht, weil uns das Essen nur fünf Euro kostet, sondern wegen der Atmosphäre und weil mir die Frauen um Doris Urnauer sehr sympathisch sind. Die machen ihre Sache richtig gut.“

Alle freuen sich auf den Tag

Auch Bedienung Frieda Brobeil freut sich immer auf diesen Tag: „Es ist so schön bei diesen Senioren, die machen es sich so richtig gemütlich.“ Sie kassiert allerdings lediglich, ansonsten kümmern sich die Frauen um Doris Urnauer um ihre Gäste. Während des Essens unterhalten sich die Leute angeregt. Alte Verbindungen, etwa über den einstigen gemeinsamen Arbeitgeber, bieten ebenso Gesprächsstoff wie der Verlust eines Ehepartners. Erfahrungen aus dem alltäglichen Leben werden ausgetauscht und Erlebnisse miteinander geteilt. Es gibt immer einen Tisch, an dem gerade amüsiertes Lachen erklingt. Die 94-jährige Marie Natran ist die älteste am Mittagstisch. Die Stubersheimerin lebt allein und beim Mittagstisch blüht sie auf: „Hier sehe ich viele bekannte Gesichter, das ist so schön.“

Das ist das Erfolgskonzept des offenen Mittagstischs: Nach der Begrüßung durch Doris Urnauer in gemütlicher Runde essen, danach erquickliche Geselligkeit und ein Abschluss mit Kaffee und von den Teamfrauen selbst gebackenen Kuchen. Und das, obwohl weder Kirche noch Gemeinde hinter der Aktion stehen. „Das fehlt uns gar nicht“, sagt Häges Tischnachbarin unter zustimmendem Nicken am Tisch: „Wir werden schon im Fernsehen genug von Politikern belabert.“

Essen in geselliger Runde

Der offene Mittagstisch ist ein Angebot der Nachbarschaftshilfe Amstetten einmal im Monat und richtet sich an alle, die gerne in geselliger Runde ein gemeinsames Essen genießen wollen.

Die Wirtsfamilie Hezler vom Gasthaus „Gesunde Luft“ in Reutti bietet das Essen für sieben Euro an. Fünf Euro bezahlen die Gäste selbst, der Rest wird gesponsert, hauptsächlich vom Sozialen Förderverein Amstetten sowie ab und zu von der Lonetalapotheke.

Anmeldungen zum Mittagstisch nimmt die Nachbarschaftshilfe unter ☎ (0170) 5 91 67 32 entgegen.