Hohenstaufen Weder Bote des Teufels noch Vampir

Hohenstaufen / Jochen Horndasch 08.08.2018
Ilona Bausenwein klärt am Hohenstaufen über die Kleinsäuger Fledermäuse auf. Die Flattertiere sind von großem Nutzen, aber in ihrer Existenz bedroht.

Vampirette, King Kong, Madame Näschen, Arthur und Lucky standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung zum Sommer der Ver-Führungen. Sie waren die Stars und hatten ihren großen Auftritt vor begeistertem Publikum. 25 Erwachsene und die gleiche Anzahl Kinder hingen der Diplomgeografin, Lehrerin und Fledermausexpertin Ilona Bausenwein gut zwei Stunden an den Lippen, als sie auf dem Hohenstaufen im Schatten der Bäume über ihre wenige Gramm schweren Mitbewohner sprach und jeden einzelnen vorstellte.

„Seit 36 Jahren lebe ich mit Fledermäusen unter einem Dach“, sagt die Tübingerin, die kranke und verletzte Tiere aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland hegt und pflegt und anschließend in die Freiheit entlässt. Mit 48 fliegenden und 19 laufenden Tieren würde sie zurzeit ihre Wohnung teilen. Doch das sei kein Problem. Man kennt und vertraut sich.

Der Anfang dieser ungewöhnliche Leidenschaft liegt Jahrzehnte zurück als Ilona Bausenwein ein havariertes Fledermäuschen auf ihrem Balkon entdeckte und in ihre Obhut nahm. Sie päppelte das verunglückte Geschöpf mit Liebe und Engagement auf, bis es wieder kerngesund war. Seither ist sie dieser außergewöhnlichen Spezies mit Leib und Seele verfallen, die in ganz Europa unter strengem Naturschutz steht. „80 Prozent unserer einheimischen Fledermäuse sind bereits ausgestorben“, sagt die Expertin. Trotz Artenschutz werden sie nach wie vor verfolgt. Dreiviertel aller Menschen im deutschsprachigen Raum und ein Großteil der Bevölkerung im osteuropäischen Raum hätte aus völlig unverständlichen Gründen Angst vor Fledermäusen und würde sie oftmals grundlos töten. Selbst im 21. Jahrhundert nehmen viele Bram Stokers Buch „Dracula“ ernst.

Dabei sind Fledermäuse weder blutsaugende Vampire noch Boten des Teufels, die nachts unheimlich und geräuschlos wie Dämonen unterwegs sind. Im Gegenteil. Sie sind etwas ganz Besonderes. Sie sind die einzigen Säugetiere die fliegen können und neben den Vögeln das einzige flugfähige Wirbeltier. Doch anders als Vögel haben sie keine Flügel im klassischen Sinn, sondern verlängerte Fingerknochen, die durch eine gespannte Flughaut miteinander verbunden sind. Die Flughaut ist mit unzähligen Blutgefäßen, Nerven und Muskeln durchzogen.

Federmäuse sind auf der ganzen Welt verbreitet. Manche tropische Arten haben eine Spannweite von knapp zwei Metern  und können bis zu 65 Zentimeter hoch werden. Die 18 Jahre alte Madame Näschen von Ilona Bausewein ist dagegen ein Winzling. Sie bringt es auf wenige Gramm und hat eine Spannweite von knapp 50 Zentimeter. Vampirette ist eine Mückenfledermaus und damit die kleinste einheimische Art Sie wiegt vier Gramm und hat eine Spanne von 18 Zentimeter.

Doch unabhängig von der Größe haben Fledermäuse 34 messerscharfe Zähne mit denen sie den Chitinpanzer ihrer Beute knacken. Und die besteht vorwiegend aus Insekten wie Spinnen, Käfer und Fliegen. Der Hunger der Tiere ist fast grenzenlos. Selbst die kleine Mückenfledermaus verspeist pro Nacht locker 3000 bis 6000 Stechmücken. Bei ihrem Beutezug legt sie pro Nacht bis zu 200 Kilometer zurück und erreicht Spitzengeschwindigkeiten von 100 Stundenkilometern. Nach Ilona Bausenweins Worten sei es ein weit verbreiteter Irrtum, dass Fledermäuse nur nachtaktiv sind. „Tagsüber sind sie bis zu acht Stunden damit beschäftigt nicht nur ihren zartes Fell an Rücken und Kopf zu putzen“. Auch die Lederhaut der Flügel werde intensiv gekaut und mit einer braunen Creme, die an der Nase gebildet  eingerieben. So bliebe alles weich und geschmeidig. Und wenn sie sich sicher fühlen würden sie auch tagsüber zur Nahrungsaufnahme losziehen.

Zwar würden Fledermäuse relativ schlecht und nur schwarz weiß sehen. Doch mittels ihrer Echoortung finden sie sich sehr gut zurecht. Sie senden ein Signal im Ultraschallbereich aus und aus dem Echo erstellen sie eine Hinderniskarte, die im Gedächtnis abgespeichert wird. Hindernisse die sich schnell bewegen, wie beispielsweise die Rotoren von Windkraftanlagen sind tödliche Fallen.

Fledermäuse gehören zu den Wirbeltieren mit der höchsten Herzfrequenz. Ihr Ruhepuls liegt zwischen 600 und 800 Schläge pro Minute, im Flug geht steigt er bis auf 1400 Schläge. Nur in den Wintermonaten, wenn sie kopfüber hängend die kalte Jahreszeit in Felsspalten oder Höhlen verbringen gehen alle Körperfunktionen auf Sparflamme. Die Temperatur sinkt von 40 Grad je nach Umgebungstemperatur auf Null bis 10 Grad, das Herz schlägt nur noch zehn Mal pro Minute und Atempausen von einer Stunde sind die Regel.

Nach gut zwei Stunden beenden Ilona Bausenwein sowie Madame Näschen & Co. ihren Job. Die Flattertiere werden in weiche Tücher gehüllt und in Schächtelchen aus Bast verstaut. Und während sich die Tierchen erholen sitzen die Fledermausexpertin mitsamt ihren großen und kleinen Gästen im Rasthaus auf dem Hohenstaufen und stärken sich mit Spaghetti Bolognese.

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