Geislingen Waldorfschüler schnuppern in soziale Berufe

Wer gewinnt? Bei „Mensch ärgere dich nicht“ haben die Senioren in der Tagespflege der Sozialstation Oberes Filstal in Deggingen jede Menge Spaß. Waldorfschülerin Lisa Wagner (rechts) verbringt als Sozialpraktikantin drei Wochen lang Zeit mit ihnen.
Wer gewinnt? Bei „Mensch ärgere dich nicht“ haben die Senioren in der Tagespflege der Sozialstation Oberes Filstal in Deggingen jede Menge Spaß. Waldorfschülerin Lisa Wagner (rechts) verbringt als Sozialpraktikantin drei Wochen lang Zeit mit ihnen. © Foto: Markus Sontheimer
Geislingen / Isabelle Jahn 23.07.2018
Geislinger Waldorfschüler haben drei Wochen lang in sozialen Berufen mitgearbeitet. Das Praktikum ist eine prägende Erfahrung.

Wenn die 17-jährige Sabrina Kolb einer Hebamme assistiert, ist das mal was ganz anderes als Schulunterricht. Und doch gehört das Sozialpraktikum, das sie und ihre Mitschüler absolviert haben, sozusagen zum Lehrplan an der Geislinger Waldorfschule. Die Elftklässler schnupperten drei Wochen lang in einen oder mehrere Berufe, die sie selbst ausgewählt haben.

„Das Jüngste war zwei Tage alt – so winzig und total süß“, erzählt Sabrina Kolb von der ersten Praktikumswoche in einer Hebammenpraxis in Blaustein. Sie hat die Vor- und Nachsorge begleitet, war bei Gesprächen und Hausbesuchen dabei und hat sich beim Beckenbodenkurs um die Babys gekümmert. Die 17-Jährige findet es gut, dass es diese Unterstützung für Schwangere und Mütter gibt. Die Praxis betreue oft mehr Frauen als geplant – weil es für den großen Bedarf zu wenige Hebammen gibt, weiß die Schülerin. Zwei weitere Wochen hat sie in einem Kindergarten in Merklingen mitgearbeitet. Besonders gefallen haben ihr die Tage im Wald, wo sich die Kinder ausgetobt und Spannendes vom Förster gelernt haben.

Hannes Brandmaier verbrachte die drei Wochen als Praktikant in einer Werkstatt in Kirchheim unter Teck, in der sowohl geistig als auch körperlich behinderte Menschen beschäftigt werden. Der 17-Jährige half zum Beispiel beim Abwiegen von Bauteilen für die Autoindustrie. „Das hört sich einfach an, aber das können nur wenige dort“, erzählt der Elftklässler.

Es gefällt ihm, anderen etwas zu erklären. „Am Anfang war es ein bisschen komisch, dass mich alle umarmen wollten“, erzählt der Gosbacher. Er hat sich aber schnell daran gewöhnt und es zu schätzen gelernt, dass er so herzlich angenommen wurde. Der 17-Jährige kann sich gut vorstellen, nach der Schule einen sozialen Beruf zu ergreifen.

Die Arbeit mit Senioren hat Lisa Wagner bei der Sozialstation Oberes Filstal kennengelernt. In der Tagespflege in Deggingen hat sie an die Senioren Essen ausgeteilt, Nachtisch gemacht und Spiele gespielt. Auch bei Spaziergängen und Ausflügen, unter anderem in den Bad Überkinger Kurpark und zum Blautopf in Blaubeuren, war die 17-Jährige dabei. „Das hat richtig Spaß gemacht“, sagt die Schülerin aus Mühlhausen. Die Senioren hätten sich über die junge Mitarbeiterin gefreut und darüber, ihr Geschichten aus dem Leben zu erzählen. Die Tätigkeit sei aber auch anstrengend und zum Teil emotional belastend, wie die 17-Jährige in den drei Wochen herausgefunden hat. Auch, dass es im Pflegeberuf an Personal mangelt, ist ihr nicht entgangen.

Im Job läuft es nicht immer rund – das hat Nico Karnbach während seines Praktikums in einem Kindergarten in Hessen erfahren. Nach der ersten Woche wechselte er in einen anderen Bereich, berichtet der 17-Jährige. Der Umgang mit den Kindern sei ihm zu schwergefallen. Bei der Verwaltung in einem hessischen Kurort, wo seine Uroma wohnt, fand der Schüler schnell seinen Platz. Er half beim Aufbau eines Festes mit und durfte auch Kurgäste beraten.

Die Erfahrung, die die Schüler beim Sozialpraktikum sammeln, bereite sie aufs Leben vor, sagt Astrid Kuhnert. Die Lehrerin betreut das Projekt – bereitet die Schüler aufs Praktikum vor, besucht sie bei der Arbeit und organisiert einen Präsentations-Abend an der Schule, bei dem die Mädels und Jungs von ihren Erlebnissen berichten. Ein Praktikum bringe Herausforderungen mit sich, sagt Kuhnert: „Man muss sich fremden Autoritäten unterordnen und sich in ein Team einfügen.“ Die Mitarbeit im sozialen Bereich ermögliche es, Berührungsängste abzubauen. Auch Rückschläge gehören dazu und zugleich die Freude darüber, sie zu überwinden, findet die Lehrerin: „Die eigenen Grenzen zu erfahren ist hart, aber sehr wichtig.“

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