Geislingen Verfahren wegen Entführung ist eingestellt

Geislingen / RUW 18.07.2018
Eine 35-Jährige stand vor dem Amtsgericht in Geislingen, weil sie einen Rentner entführt haben soll. Letztlich tauchten aber zu viele Widersprüche auf.

Mit ihrem Komplizen soll eine 35-Jährige im Sommer 2016 einen alten Mann entführt und schwer verletzt haben. Da sich das Opfer allerdings in viele Widersprüche verstrickte, musste das Verfahren vor dem Amtsgericht Geislingen eingestellt werden. „Irgendwas ist da passiert, aber ob sich das alles so dramatisch abgespielt haben soll, halte ich nicht für belegbar“, sagte Richterin Gabriela Stuhler.

Das Opfer ist heute 84 Jahre alt. Vor knapp zwei Jahren soll ihn die junge Frau aus seinem Haus in einer Voralbgemeinde entführt haben. Hilfe bekam sie von einem Komplizen, der nicht vor Gericht erschienen war. „Sie kam rein wie eine Furie, dann haben sie mich geschnappt und ins Auto gezogen. Ich konnte mich nicht wehren“, sagte der Mann aus. Die Entführer hätten ihn ins Haus der Angeklagten im Mittleren Filstal gebracht. Der Rentner erklärte, dass er sich nicht habe wehren können, weil er Atemgeräte brauche, um überhaupt Luft zu bekommen. Sein körperliches Leiden habe ihn zu sehr geschwächt. Er habe dann im Keller leben müssen. Als ihn die Angeklagte und ihr Komplize nach ein paar Tagen alleine ließen, habe er die Chance ergriffen und sei geflüchtet.

Richterin Stuhler versuchte, die vermeintliche Entführung zu rekonstruieren, doch es tauchten zu viele Ungereimtheiten auf. So gab der Rentner beispielsweise zu, dass die Türen im Haus nicht abgeschlossen waren. Außerdem habe ihn die Angeklagte, die sich ihren Lebensunterhalt als Bauunternehmerin verdient, zu Bauplätzen mitgenommen. Dort hätte der ältere Mann die Chance gehabt, die Bauarbeiter nach einem Telefon zu fragen, tat es aber nicht, sagte Stuhler. So hätte er die Polizei rufen können. „Ich sagte den Arbeitern, sie sei ein Bandit, aber sie haben mir nicht geglaubt“, erklärte der 84-Jährige.

Die beiden verbindet eine mehrjährige Geschichte miteinander. Er hatte die 35-Jährige einst als Putzfrau eingestellt, später pflegte sie ihn. Da sein Verhältnis zu den eigenen Töchtern laut der Angeklagten schwierig war, habe er zu ihr ziehen wollen. Er setzte sie zeitweise als Alleinerbin ein, erteilte ihr eine Generalvollmacht und eine Patientenverfügung – und zog später wieder alles zurück. Er schenkte ihr zudem ein Auto und wollte auch das wiederhaben, bekam es aber nicht zurück.

Was er ebenfalls nicht bekam: ihr Ja-Wort. Der 84-Jährige hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht. „Sie hätte mich pflegen können im Alter“, sagte er. Sie habe aber nicht reagiert. Die Angeklagte dagegen betonte, dass sie sogar abgelehnt habe.

Sie bestritt zudem, ihren früheren Arbeitgeber entführt zu haben. Er sei freiwillig zu ihr gezogen. „Ich wollte nicht, dass er ganz alleine zu Hause lebt“, sagte sie. Sie habe aus Mitleid gehandelt.

Richterin Stuhler sah ein zwischenmenschliches Problem als Ursache  des Streites. Eine Auseinandersetzung hatte es wohl gegeben, wie heftig sie war, blieb aber ungewiss. Letztlich endete das Verfahren mit einem Vergleich: Die 35-Jährige zahlt 3000 Euro an die Bewährungshilfe. Einverstanden waren mit dieser ­Lösung auch der Angeklagte und die Verteidigung.

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