Andenken Verbeugung vor den Opfern

Geislingen / KATHRIN BULLING 16.09.2015
Der Künstler Gunter Demnig hat am Dienstag in Geislingen eine Stolperschwelle vor der WMF verlegt. Der Gedenkstein erinnert an die 813 Zwangsarbeiterinnen, die während des Nationalsozialismus´ in der Fünftälerstadt gefangen gehalten wurden. Mit Bildergalerie, Umfrage und Kommentar.

Gunter Demnig ist kein Mann vieler Worte. Ungeachtet der immer weiter anwachsenden Gruppe vor dem Haupttor der WMF geht er an diesem Dienstagmorgen raschen Schrittes zwischen seinem Transporter und dem Gehweg vor dem Geislinger Firmenhauptgebäude hin und her, trägt Säcke voller Beton, Eimer, Besen und Kanister mit Wasser heran. Hat er Zeit für ein paar Worte an die Zuschauer? Später, nach der Arbeit.

In weniger als einer Stunde errichtet der Frechener Künstler hier ein Mahnmal für die über 800 jüdischen Mädchen und Frauen, die als Insassinnen des Geislinger KZ-Außenlagers zwischen August 1944 und März 1945 Zwangsarbeit in der WMF verrichten mussten.

Es ist eine seiner Stolperschwellen, für die - vor allem aber für seine Stolpersteine - Gunter Demnig mittlerweile weit über Europa hinaus bekannt ist. Als Fremdkörper, Stolpersteine eben, ragen die quaderförmigen Gedenksteine aus Trottoirs in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern, regen zum Innehalten, Lesen und Nachdenken über das Leben und Leiden derer an, von denen gerade einmal Name, Geburtsjahr und - soweit bekannt - Todesjahr und Schicksal genannt werden.

In Geislingen steht nun eine ganze Stolperschwelle stellvertretend für die 813 Opfer: acht Quadersteine lang, einen Stein breit, der Korpus aus Beton, darauf eine Messingplatte mit sechszeiligem Text.

Mitglieder der Kulturwerkstatt der Rätschenmühle, die das Projekt initiiert hat, Mitarbeiter der Geislinger Stadtverwaltung, des Gemeinderats, Vertreter der Kirchen, der WMF, Schüler des Michelberg-Gymnasiums und viele Bürger sind gekommen, um Gunter Demnigs Arbeit zu begleiten. "Es ist beeindruckend, wie viele Menschen da sind, um Haltung zu zeigen", sagt Sabine Reiff von der Kulturwerkstatt. "Sie wollen nicht mehr wegsehen, wenn politisches Unrecht begangen wird und soziales Elend geschieht - was auch in diesen Tagen wieder der Fall ist."

Der Geislinger Oberbürgermeister Frank Dehmer erinnert an Miryam Sobel aus Israel, die als ehemalige KZ-Gefangene noch im Mai am Gedenkmarsch vom Standort des KZ-Außenlagers in der Robert-Bosch-Straße bis zur WMF teilgenommen hat und die im Juni 88-jährig verstorben ist. Miryam Sobel habe wohl, so schrieben ihre Verwandten kürzlich an Dehmer, mit ihrer Reise nach Geislingen ein Stück weit ihren Frieden gemacht. Vor allem, da sie gesehen habe, dass ihr Anliegen, nie zu vergessen, hier gelebt werde. "Dazu soll diese Stolperschwelle auch beitragen", betont der Oberbürgermeister. "Das ist die Aufgabe der heutigen und künftigen Generationen, gegen das Vergessen zu arbeiten."

Dem Gedenken an die Zwangsarbeiterinnen schließt sich die WMF an, die dieser Tage, nur wenige Meter von der Stolperschwelle entfernt, eine Gedenkstätte errichten lässt. Die gravierte Platte mit gemauertem Fundament auf einem weißen Marmorblock haben Mitarbeiter der WMF gefertigt. "Wir stehen zu unserer Geschichte und möchten auch ein Zeichen setzen, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passieren darf", sagt WMF-Chef Peter Feld.

Ganz still und aufmerksam steht einer dabei, dessen Familiengeschichte aufs Engste mit der WMF und ihrer grausamen Verbindung zum Nationalsozialismus verbunden ist: Ruprecht von Gustedt ist der Enkel von Ferdinand Bausback, der von 1942 bis 1945 Vorstandsvorsitzender der WMF war. Gustedt hat sich intensiv mit seinem Großvater beschäftigt, seine Geschichte aufgearbeitet. Dass nun eine Stolperschwelle an die Zwangsarbeiterinnen erinnert, "das beeindruckt mich sehr tief - auch, weil ich gewisse Parallelen sehe zu den heutigen Elendsgestalten, die mit Zügen in fremden Städten ankommen", sagt er.

Gunter Demnig hat derweil seine Stolperschwelle verlegt. Ein Mann vieler Worte ist er also nicht. Aber was er sagt, berührt. "Die ,Aktion Stolperstein' ist kein Grund zur Freude. Aber ich freue mich über jeden Stein und jeden Ort, der dazu kommt." Über 50 000 Stolpersteine und etliche Stolperschwellen hat er verlegt. Das sei nach wie vor keine Routine, betont er, "denn jeder Ort und jedes Schicksal ist anders".

Die Stolpersteine und -schwellen haben ihre Befürworter und ihre Kritiker. Damit tretet ihr das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus' mit Füßen, bekommt Demnig von den einen zu hören. Für die anderen aber - und zu ihnen gehört Demnig, natürlich - ist das Stehenbleiben und Hinabschauen zu dem kleinen Messingstück mit seiner feinen Schrift ein Verbeugen vor dem Menschen. Oder, wie es ein Schüler einmal zu ihm sagte: "Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herz."

Das KZ-Außenlager in Geislingen

Opfer Über 800 jüdische Mädchen und Frauen mussten von August 1944 bis März 1945 Zwangsarbeit in der zur Rüstungsfabrik umfunktionierten WMF verrichten. Gefangen gehalten wurden sie im Geislinger Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Die Gingener Rosemarie und Hermann Schneider haben dieses Jahr in Israel alle 813 Namen ausfindig gemacht.
Erinnern Mit einem Schweigemarsch, einem Gedenkabend in der Jahnhalle und einer Ausstellung wurde an ihr Schicksal erinnert. Weitere Veranstaltungen in der Rätsche folgen. SWP

Ein Kommentar von Kathrin Bulling: Wichtiger denn je

Für kurze Zeit klaffte gestern vor dem WMF-Hauptgebäude eine Wunde im Gehweg: Ein säuberlich ausgefrästes Rechteck, das bald darauf die von Künstler Gunter Demnig verlegte Stolperschwelle ausfüllte. Der Gedenkstein erinnert an das Schicksal der 813 jüdischen Mädchen und Frauen, die während des Nationalsozialismus' Zwangsarbeit in der WMF leisten mussten.
Die Lücke im Asphalt ist zwar wieder geschlossen. Doch das Schreckliche, das vor mehr als 70 Jahren auch direkt in Geislingen geschah, bleibt unvergessen. Dafür hat Gunter Demnig zusammen mit all jenen Bürgern aus Geislingen und Umgebung gesorgt, die sich für die Verlegung des Mahnmals eingesetzt haben. Gunter Demnig freute gestern besonders, dass rund 40 Schüler des Michelberg-Gymnasiums an der Gedenkveranstaltung teilnahmen. "Es ist etwas anderes, ob man im Unterricht ein Buch über den Nationalsozialismus aufschlägt oder sich mit einzelnen Schicksalen beschäftigt", betonte er.
Gunter Demnig hat Recht, und für seine "Aktion Stolperstein" gebührt ihm großer Respekt und Anerkennung. Vor dem Hintergrund der kontrovers geführten Diskussionen über die Flüchtlinge, die zurzeit nach Deutschland kommen, sind klare Bekenntnisse gegen Fremdenhass und Gewalt wichtiger denn je - egal, wie lange der Nationalsozialismus nun zurückliegt. Denn nur wer sich erinnert, hat eine Zukunft.

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