Verkehr Unternehmer brauchen B10

„Unsere Lkw stehen im Stau – und die Lenkzeit läuft ab“: Lkw-Fahrer Roland Blondel (61) schaut vor der Abfahrt in den Neuwiesen in seinem Navigationsgerät nach dem schnellsten Weg – möglichst am Stau auf der alten B10 vorbei. Blondel fährt seit 19 Jahren für die Geislinger Spedition Wiedmann & Winz.
„Unsere Lkw stehen im Stau – und die Lenkzeit läuft ab“: Lkw-Fahrer Roland Blondel (61) schaut vor der Abfahrt in den Neuwiesen in seinem Navigationsgerät nach dem schnellsten Weg – möglichst am Stau auf der alten B10 vorbei. Blondel fährt seit 19 Jahren für die Geislinger Spedition Wiedmann & Winz. © Foto: Markus Sontheimer
KARSTEN DYBA 26.04.2016
Die Wirtschaft im Raum Geislingen stöhnt unter der schlechten Verkehrsanbindung. Unternehmer fordern ein klares Signal für den Neubau der B10.

„Das ist erstaunlich lange“, sagt Kai Hummel. Gute 50 Minuten hat der Sprecher der WMF in Geislingen am Dienstag für die 30 Kilometer zu seinem Arbeitsplatz gebraucht. So wie ihm geht es vielen Mitarbeitern der WMF, die auswärts wohnen, aber in Geislingen arbeiten: Sie stehen auf der B10 durch Gingen und Kuchen im Stau.

Auch die Betriebsabläufe bei WMF leiden unter einer schlechten Verkehrsanbindung. Das Unternehmen selber hat dieses Problem schon längst erkannt und entsprechende Maßnahmen ergriffen, um den B 10-Stau zu umgehen, sagt Hummel. „Das war ein Grund für die Erweiterung unseres neuen Logistikzentrums in Dornstadt, weil es dort viel verkehrsgünstiger liegt.“ In Geislingen gibt es jetzt weniger WMF-Verkehr, in Dornstadt sind dafür 100 Arbeitsplätze entstanden.

Die Entwicklung umreißt das Problem, das den Raum Geislingen dauerhaft beutelt, wenn die neue B10 nicht bald gebaut wird. Die Wirtschaft wächst nicht mehr, sie schrumpft: „Wenn man sich die Zahlen ansieht, wo die Arbeitsplatzverluste zu verzeichnen sind, dann muss man feststellen, dass vor allem Geislingen deutlich höhere Verluste hat“, sagt Dr. Peter Saile, Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Göppingen. Anders sei das überall dort, wo die neue B10 bereits angekommen ist: Zum Beispiel in Eislingen oder in Süßen. „Wir haben dort eine sehr gute wirtschaftliche Entwicklung – sowohl in den Gewerbegebieten, als auch beim Einzelhandel in den Innenstädten“, weiß Saile. Mit einem neuen, gemeinsamen Gewerbegebiet rüsten sich Süßen und Donzdorf schon für die Zeit, zu der die Ostumfahrung der B466 fertig sein wird.

„Unsere Lkw stehen im Stau – 5000 Meter vor der Heimatbasis und die Lenkzeit läuft ab“, klagt Dr. Michael Lege, Geschäftsführer der Geislinger Spedition Wiedmann & Winz. „Das ist für eine Spedition nicht tragbar.“ Im Transportgewebe ist Zeit Geld – eine Stunde kann da entscheidend sein. „Ein guter Verkehrsweg ist eine Lebensader der Logistik. Das ist eine Binsenweisheit.“ Weil das in Geislingen nicht gegeben ist, werde der Standort in den Neuwiesen derzeit auch nicht ausgebaut, sondern eben jener in Eislingen, wo Wiedmann & Winz auf 40000 Quadratmetern in direkter Nachbarschaft zur neuen B10 arbeitet. Mehrere Daimler-Werke beliefert die Spedition mit Fahrzeugteilen, die „just in time“ am Fließband bereitstehen müssen.

Die Industrie- und Handelskammern in Göppingen und Ulm wollen dieses Entwicklungshemmnis nicht weiter in Kauf nehmen. Saile und sein Ulmer Kollege Otto Sälzle schreiben deshalb gerade an einem Brief an den Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), der auch an den Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) gehen soll. Auch die Resolution der beiden Kammern, die Anfang des Jahres in Geislingen an den Verkehrsstaatssekretär Norbert Barthle (CDU) aus Schwäbisch Gmünd überreicht worden ist, will die IHK beilegen. Sie fordert eine Einstufung der B10 neu bis Geislingen Ost in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans. Ein Planungsrecht sei nicht ausreichend.

Der Raum Geislingen ist auch abhängig von Pendlerströmen, wie das Beispiel von Kai Hummel von der WMF zeigt. „Staus und lange Fahrzeiten machen den Raum aus Sicht des Großraums Stuttgart unattraktiv“ sagt Saile. Die schlechte Verkehrsanbindung erschwert deshalb auch die Gewinnung von Fachkräften – das bestätigen sowohl Hummel als auch Lege.

Aber auch die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) klagt: Viele ihrer Studenten pendeln nach Geislingen, berichtet HfWU-Sprecher Gerhard Schmücker, aber auch Gastprofessoren müssen von Stuttgart aus ins Obere Filstal.

Das Anhörungsverfahren für den Bundesverkehrswegeplan läuft noch bis zum 2. Mai. Der Geislinger Oberbürgermeister Frank Dehmer hat die heimischen Unternehmer dazu aufgerufen, das Bürgerbeteiligungsverfahren des Ministeriums zu nutzen. Michael Lege hat seine Stellungnahme bereits geschrieben. Aus seiner Sicht drängt die Zeit: „Wenn der Bundesverkehrswegeplan abgeschlossen ist, dann ist erstmal Schluss bis 2030.“ Wirtschaft und Politik müssten jetzt das klare Signal geben: „Wir brauchen die neue B10 bis Amstetten.“

Bürgerbeteiligung im Internet

Anhörung: Bürger, aber auch Unternehmen und Verbände haben bis 2. Mai die Möglichkeit, zum Bundesverkehrswegeplan Stellung zu nehmen.

Link: Wer sich für die neue B10 neu einsetzen will, kann über ein Online-Formular unter der Rubrik „Einzelprojekte im Bereich des Verkehrsträgers Straße in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen“ in 1000 Zeilen seine Argumente eintragen. Die Adresse im Internet.