Veranstaltung Tin Lizzy tuckert auf die Alb

Zähringen / Jochen Horndasch 14.08.2018
900 historische Fahrzeuge sind bei der Oldtimerschau in Zähringen zu sehen. 3000 Besucher kommen ihretwegen in den 58 Seelenort.

Selbst bei durchgedrücktem Gaspedal sind nicht mehr als 40 Stundenkilometer drin. Der steile Anstieg kurz vor Zähringen bringt den 30 Jahre alten Geländewagen aus dem Hause Mercedes-Benz zwar noch lange nicht an seine Grenzen. Doch mit seinen 92 PS und 2,2 Tonnen Leergewicht ist der betagte 5-Zylinder Diesel alles andere als ein spritziger SUV. Er sei nach den Worten seines Besitzers Hans-Peter Spielvogel aus Esslingen ein robustes und alltagstaugliches Gefährt, mit dem der passionierte Jäger locker 10 000 Kilometer im Jahr unterwegs ist. Wenn es pressiert, steht bei ihm eine mit allem elektronischen Schnickschnack ausgestattete M-Klasse mit 258 PS in der Garage, die aber weitaus weniger Charme und Fahrvergnügen bieten würde als der alte Saugdiesel. Am Sonntag hatte der olivgrüne G 250 erstmals einen außergewöhnlichen Auftritt. Vor wenigen Tagen bekam er ein H-Kennzeichen und durfte sich vor großem Publikum beim 27. Oldtimertreffen in Zähringen im Reigen vieler anderer automobiler Raritäten präsentieren.

Zur Freude des Besitzers gab es als Dankeschön fürs Kommen einen Verzehrgutschein in Höhe von drei Euro, den der Veranstalter, der Verein junger Männer Zähringen e.V.,  springen ließ. Angesichts des herrlichen Wetters musste dafür tief in die Tasche gegriffen werden. Denn mit insgesamt knapp 900 historischen Fahrzeugen wurde nach den Worten von Armin Allgaier von den Oldtimerfreunden Altheim alle bisherigen Rekorde in der Geschichte des Zähringer Wiesleshock gebrochen. 450 Autos, 200 Motorräder und 250 Traktoren sowie rund 3000 Gäste überfluteten die Baumwiese am Rand des 58-Seelen-Dorfes. Einer davon war Werner Hitzler, der mit einem Opel Olympia Baujahr 1956 von Ulm-Lehr anreiste. Seit 30 Jahren sei das Auto in seinem Besitz und nur zum  Zähringer Oldtimertreffen sowie zu einer Ausfahrt mit den Altheimer Oldtimerfreunden würde das Fahrzeug bewegt. Ansonsten steht die schmucke 39 PS starke Rarität auf ihren eigens angefertigten Weißwandreifen in der Garage. Ein Hingucker war ein top restaurierter Ford Modell T Baujahr 1911, den Hermann Seybold aus Beimerstetten nach Zähringen chauffierte. Diese automobile Legende, die liebevoll auch Tin Lizzy genannt wird, war lange Zeit das meistverkaufte Auto der Welt. In den Jahren 1908 bis 1927 liefen bei Ford in den Vereinigten Staaten 15 Millionen vom Band. Erst 1972 wurde Tin Lizzy durch den VW-Käfer von ihrem Siegertreppchen gestoßen.

Traktoren mit von der Partie

Traktoren wie Lanz, McCormick, Porsche, John Deere, Allgaier und Co. stand dicht geparkt auf der Wiese und einige Besitzer der alten Landmaschinen kamen schon tags zuvor. Fachsimpelei, Erfahrungsaustausch und gemütliches Beisammensein standen dann im Mittelpunkt. Sie verbrachten die Nacht in ihren angehängten Wohnwagen und genossen das Vagabundenleben und tauschten das oftmals nur wenige Kilometer entfernte heimische Bett gegen eine dünne Schaumstoffauflage.

Bei den Zweirädern war alles vertreten, was jemals Rang und Namen hatte. Die Palette reichte von BMW, NSU, Kreidler, über Horex, Honda und Norton. Einen nichtmotorisierten Exoten im Reigen der Zweiräder präsentierte Konrad Walter aus Altheim. Er war mit einem Hochrad Marke Eigenbau von seinem Wohnsitz auf die Alb geradelt, wobei er unumwunden zugibt, dass hügeliges Gelände nicht gerade die Stärke dieses Gefährts ist. Die Modifikation des klassischen Fahrrads mit  einem großen Rad vorn und einem sehr kleinen Rad hinten hat keine Kette und keine Übersetzung und weil die Pedale am Vorderrad befestigt sind, können keine engen Kurven gefahren werden. Trotz dieser Nachteile hat das Hochrad vor weit über 100 Jahren viele Liebhaber gefunden. Zwischen 1870 und 1892 wurden insbesondere in England über 200 000 Stück verkauft.

Seit Jahrzehnten erfreuen sich Oldtimertreffen wie das in Zähringer zunehmender Beliebtheit. Daran ist nicht zuletzt auch der Gesetzgeber mit verantwortlich, der im Jahr 1997 den Erhalt historischer Fahrzeuge durch die Einführung des H-Kennzeichens förderte. Besitzer von Fahrzeugen, die sich weitgehend im Originalzustand befinden und mindestens 30 Jahre auf dem Buckel haben, bezahlen einen einheitlichen Steuersatz von 191 Euro im Jahr, Motorräder kosten 46 Euro. Auch viele Versicherungen bieten günstige Konditionen für Haftpflicht und Vollkasko. Und wer mit einem H-Kennzeichen unterwegs ist, hat in Umweltzonen grünes Licht. Historische Fahrzeuge sind von Fahrverboten ausgeschlossen.

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