Geislingen/Ulm Tegelberg-Prozess: Angriff kein Mordversuch

JOCHEN WEIS 29.06.2013
Endspurt im Prozess um den mutmaßlichen Mordversuch am Geislinger Tegelberg: Am Montag fällt das Urteil. Dabei ist inzwischen ein Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung wahrscheinlich.

Der Prozess um den mutmaßlichen Mordversuch am Geislinger Tegelberg im März 2012 steht vor dem Abschluss: Am Montag spricht die 6. Große Jugendkammer des Landgerichts Ulm ihr Urteil. Gestern waren die Anwälte mit ihren Plädoyers an der Reihe. Zwei Dinge wurden bereits deutlich. Zum einen: Der bisherige Vorwurf gegen den inzwischen 22-jährigen Angeklagten lässt sich in dieser Form wohl nicht aufrechterhalten. Zum anderen werden die wahren Hintergründe für die Tat in diesem Prozess ungeklärt bleiben.

Dass eine Verurteilung wegen versuchten Mordes nach allen bisher gewonnenen Erkenntnissen nicht mehr in Frage kommt, das hatten Staatsanwältin Katja Meyer sowie Martin Freibauer als Anwalt des Opfers und Nebenklägers in ihren Plädoyers übereinstimmend betont. Zur Erinnerung: Der Angeklagte hatte in einer Märznacht seinem heute 23-jährigen Opfer vor dessen Elternhaus nach stundenlanger Warterei aufgelauert und es mit einem Teleskop-Schlagstock angegriffen. Allerdings gelang es dem 23- Jährigen und seinem hinzugeeilten Vater, den Angreifer zu überwältigen. Ein Gutachter hatte bereits in einer der vorigen Sitzungen erklärt, dass die Gefahr einer tödlichen Verletzung durch den Teleskopschlagstock so gut wie ausgeschlossen sei. Aus Meyers Sicht ist zudem inzwischen klar, dass der Angeklagte nur ausführendes Organ eines Rädelsführers war und man "das Opfer zum Krüppel" schlagen, aber nicht töten wollte.

Dass die Attacke jedoch nur eine Abreibung mit den Fäusten sein sollte, um Schulden einzutreiben, das nahm Meyer weder dem 22-Jährigen noch dem Rädelsführer ab - er war gestern erneut als Zeuge geladen. "Wenn man am Tattag so lange in der Kälte ausharrt, spricht das nicht für eine Abreibung, sondern für eine schwere Straftat", betonte sie. Zumal beispielsweise in einer SMS des Rädelsführers davon die Rede gewesen sei, dem Opfer die Beine zu zertrümmern. Unterm Strich forderte Meyer eine Verurteilung nach dem Erwachsenenstrafrecht und dreieinhalb Jahre Freiheitsstrafe wegen versuchter schwerer Körperverletzung (das beabsichtigte "zum Krüppel schlagen") in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung (der Angriff, bei dem das Opfer verletzt wurde). Dazu könnte noch versuchte Nötigung kommen, worauf der Vorsitzende Richter Gerd Gugenhan hingewiesen hatte.

Die Verteidiger Michael Ried und Thomas Maurer plädierten indes nur auf eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung nach Jugendstrafrecht und auf Bewährung: Es liege auch aus Sicht der Verteidigung kein "versuchtes Tötungsdelikt" vor. Von Heimtücke könne nicht gesprochen werden, weil das Opfer nicht wehrlos gewesen sei, sprich: sich erfolgreich gewehrt habe. Zum anderen lasse der Ablauf des Angriffs nicht auf eine Tötungsabsicht schließen, da - verkürzt formuliert - ein Toter kein Geld mehr bezahlen könne. Außerdem sei der Angriff nicht wie ursprünglich besprochen mit mehreren Mann und Waffen umgesetzt worden.

Jugendgerichtshelfer Hartmut Väth hatte zu einer Jugendstrafe geraten, betonte aber, dass der Fall grenzwertig sei. Der Angeklagte habe genau gewusst, was er mache, das sei also keine jugendtypische Verfehlung aus einer Emotion heraus. Für den Angeklagten sprächen jedoch gewisse Entwicklungsdefizite. Beispiel dafür ist, dass er erst mit 20 und im vierten Anlauf den Hauptschulabschluss geschafft hat.

Ob er, der Angeklagte, wirklich nur den Helfer für seinen Freund gab, den Rädelsführer, diese Antwort bleibt er trotz gegenteiliger Andeutungen schuldig. Stand bislang ist, dass das Opfer dem Rädelsführer 2500 Euro schuldet. Gugenhan und Meyer vermuten allerdings illegale Geschäfte etwa mit Drogen als Hintergrund. Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen das Opfer wegen uneidlicher Falschaussage, wie gestern bekannt wurde.

In einer Verhandlungspause raunte der Angeklagte nun einem Justizbeamten zu, es gehe um weitaus höhere Beträge - um so viel Geld, dass er von seinem Anteil ein gutes Leben hätte führen können. Genauer wurde der 22-Jährige nicht, er weigerte sich, weitere Angaben zu machen. Sein Opfer jedoch musste in den Zeugenstand, wo Gugenhan den 23-Jährigen sogar vereidigte. Der beharrte allerdings auf seinen Aussagen. Ja, er habe in der Vergangenheit Straftaten begangen und dafür gebüßt. "Danach aber habe ich ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen", bekräftige er.