Medizin Tagen mehr Leben geben

Die Frage nach dem guten Leben vor dem Sterben bildet den Rahmen für das Geislinger Palliativsymposium. Die Würde und Selbstbestimmung des Patienten zu bewahren, gehört dazu. Gastredner Professor Gebhard Mathis war Ratgeber für den Aufbau der Palliativstation an der Geislinger Helfenstein-Klinik.
Die Frage nach dem guten Leben vor dem Sterben bildet den Rahmen für das Geislinger Palliativsymposium. Die Würde und Selbstbestimmung des Patienten zu bewahren, gehört dazu. Gastredner Professor Gebhard Mathis war Ratgeber für den Aufbau der Palliativstation an der Geislinger Helfenstein-Klinik. © Foto: Sabrina Balzer
Geislingen an der Steige / STEFANIE SCHMIDT 18.04.2016
Zum Auftakt des Geislinger Palliativsymposiums räumte Gastredner Gebhard Mathis mit einem Vorurteil auf: Die Palliativversorgung ist keine Maßnahme, die sich auf die letzten Lebenstage beschränkt.

"Gutes Leben vor dem Sterben - Wie gelingt das?", das ist die Leitfrage des zweiten Geislinger Palliativsymposiums. Als Eröffnungsredner sprach am Freitag Professor Dr. Gebhard Mathis, ein österreichischer Internist und Palliativmediziner der ersten Stunde. Mathis sei in gewisser Weise der "Spiritus Rector" der Geislinger Palliativstation, erklärte Stationsleiter Professor Andreas Schuler. Sowohl Schuler als auch ein Teil seines Teams haben ihre Palliativausbildung bei Mathis absolviert, der Ärzte und Pflegepersonal gemeinsam fortbildet.

Mathis begann seine Rede mit einem ungewöhnlichen Einstieg. Zusammen mit den etwa 60 Zuhörern sang er einen Kanon, den Andreas Schuler auf der Geige begleitete. "Glück und Unglück, beides trag' in Ruh. Alles geht vorüber und auch du" lautet der Text zur schlichten Melodie. Dass diese Akzeptanz der eigenen Endlichkeit eine Voraussetzung für das "gute Sterben" ist, zog sich anschließend wie ein roter Faden durch Mathis' Ausführungen. Er spricht sich für einen Kulturwandel im Umgang mit Sterben und Tod aus - weg vom Machbarkeitsglauben und dem Festklammern an Strohhalm- und Reparaturmedizin, bei der nicht die Lebensqualität, sondern die Lebensverlängerung um jeden Preis im Mittelpunkt stehe. Diesem Fokus auf die rein kurative Medizin setzte Mathis eine umfassende, früh einsetzende Palliativversorgung von Patienten mit Krebs im fortgeschrittenen Stadium oder mit fortschreitenden lebensbedrohlichen Diagnosen entgegen.

"Es geht nicht darum, Menschen aufzugeben", stellte der Mediziner klar. "Aber, auch wenn wir Ärzte nicht mehr heilen können, können wir die Patienten dennoch heilsam begleiten." Dazu müsse die Palliativversorgung allerdings frühzeitig einsetzen und von einem multiprofessionellen Team getragen werden, das den Patienten nicht nur medizinisch, sondern auch mit individueller Pflege, Physiotherapie, psychosozialen Maßnahmen und Seelsorge unterstütze. "So kann man viele Krisen abwenden." Frühzeitig mit Patienten und Angehörigen über die Palliativversorgung zu sprechen - etwa schon bei der Diagnose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung - gestalte sich oft schwierig, räumte Mathis ein.

Doch eine vorausschauende Planung und das Reden über das Sterben seien unerlässlich, um die Lebensqualität der Patienten zu erhalten. Deshalb müsse man die Palliativversorgung von ihrem Image als verzweifeltes Mittel, das den letzten Lebenstagen vorbehalten ist, befreien. Man solle den Menschen vermitteln, dass sie nicht aufgegeben, sondern im Gegenteil von mehreren Spezialisten betreut werden.

Und auch die Ärzte müssten sich kritisch mit dem Gedanken "Alles was machbar ist, wird gemacht - auch in der Endphase des Lebens" auseinandersetzen. "Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben", zitierte Mathis dazu die Palliativ-Pionierin Cicely Saunders. "Sondern den Tagen mehr Leben."

Palliativversorgung muss frühzeitig zum Einsatz kommen

Definition Die Palliativmedizin ist eine relativ junge Disziplin. In Deutschland wurde die erste Palliativstation 1983 in Köln eingerichtet. "In der Anfangszeit war die Palliativversorgung auf die letzten Tage und Stunden des Lebens fokussiert", erklärt Gebhard Mathis. Inzwischen habe man erkannt, dass die Palliativversorgung viel früher einsetzen müsse. Durch den medizinischen Fortschritt sei Krebs zu einer zunehmend chronischen Erkrankung geworden. Das Hoffen auf Heilung, das Bangen vor Rückfällen, finanzielle Engpässe und Scham angesichts der schwindenden Leistungsfähigkeit führten bei den Patienten vermehrt zu sozialem Rückzug und existenziellen Krisen. "Deshalb müssen wir rechtzeitig allumfassend auf die Menschen zugehen und vorausschauend planen."

SWP

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