Südmährer Südmährer eröffnen ihre neue Dokumentation

Dekan Martin Ehrler weiht die neue Dokumentation der Südmährer (hinten Sprecher Franz Longin): Die Schau setzt auf aussagekräftige Objekte.
Dekan Martin Ehrler weiht die neue Dokumentation der Südmährer (hinten Sprecher Franz Longin): Die Schau setzt auf aussagekräftige Objekte. © Foto: Alexander Jennewein
Geislingen an der Steige / HARTMUT ALEXY 26.10.2015
Im alten Geislinger Rathaus hat der Südmährerbund am Samstag seine neu gestaltete Dokumentation eingeweiht. Sie will jetzige und künftige Generationen über das Schicksal der Heimatvertriebenen unterrichten.

Die Besucher bekommen schon im Foyer einen lebendigen Eindruck der neuen Dokumentation der Südmährer im alten Geislinger Rathaus. Links und rechts vom Eingang im ersten Stock sind Schaukästen in die Wand eingelassen: In einem ist die Mütze eines Karnevalsprinzen zu sehen, in einem zweiten ein Spinnrad, in einem dritten ein Paar feine Damen-Schnürstiefel, in einem vierten schließlich ein alter Keramiktopf. Die Schrift auf dem Schutzglas verrät, worum es geht: Der mährische Karnevalsprinz gehörte in den 1920er Jahren dem Geselligkeitsverein Thayana an (so benannt nach einer Märchenfigur), das Spinnrad verweist auf den Flachsanbau, das "Bischerl" trug 1914 ein junger Mann am Revers, der zur österreichischen Armee eingezogen wurde und der Tontopf schließlich stammt von den keltischen Ahnen des heutigen Tschechien ab.

Am Samstag wurde die neue Schau eröffnet. Der Landschaftsbetreuer der Südmährer Franz Longin erklärte die Konzeption: Vor 70 Jahren ist die deutsche Bevölkerung aus Südmähren und Südböhmen vertrieben worden, sie musste fast ihr ganzes Hab und Gut dort lassen. Mit dem, was sie an Kulturgegenständen retten konnten, statteten die Südmährer unter anderem 1993 ihr Museum im alten Rathaus in Geislingen aus. Diese Ausstellung war damals allerdings noch auf ihre eigene Generation ausgerichtet. Nun gelte es, das Andenken zukunftsfähig zu machen. Der Stuttgarter Architekt Hannes Bierkämper und der Kulturwissenschaftler Frank Lang aus Vaihingen/Enz hätten die Schau mit wenigen aussagekräftigen Objekten ausgestattet und dabei vor allem an Schulklassen gedacht, die sich für das Thema Vertreibung interessieren - und in der Dokumentation der Vergangenheit sicher auch Parallelen zu aktuellen Ereignissen entdecken werden.

Bierkämper und Lang sagten, sie hätten die Dokumentation so aufgebaut, dass die Besucher nicht von Texten erschlagen werden. Sie wollten ihnen vielmehr etwas zeigen, worüber sie reden können. Das könnte das alte Gebets- und Andachtsbuch im ersten Raum sein - die Südmährer waren zumeist katholisch und sehr religiös; die kleine Holzkiste oder der Rucksack - auf der Flucht durfte man höchstens 50 Kilo Gepäck mitnehmen; oder der kleine weiße Aufnäher mit dem schwarzen N, den jeder tragen musste, der 1945 zunächst zurückgeblieben war. N heißt Nemec und das heißt Deutscher. Akzente auf den Schautafeln setzen Zitate aus der Trilogie "Ahnengalerie" der Wiener Schriftstellerin Ilse Tiesch, die den Südmährern in Geislingen schon seit den 1950er Jahren verbunden ist. Im Übrigen stehen alle Inhalte auf der Homepage der Südmährer, sodass man auch online damit arbeiten kann.

Landschaftsbetreuer Franz Longin (Stuttgart) dankte der Stadt für die bisherige Unterstützung. Es müsse klar sein, dass man den Menschen nichts von ihrer Habe und ihrem Leben zurückgeben könne, was sie im Mai und im Juni 1945 in der Tschechei zurücklassen mussten. "Eine Restauration kann nicht mehr stattfinden", sagte er. Nun sei es an der Zeit, die "Wegmarken" der Vertreibung und der Integration in der neuen Heimat "für die Zukunft beständig zu machen". Die neue Dokumentation wolle kein Museum sein, sondern lebendiges Arbeitsmittel; und ein Treffpunkt, der allen offen steht. Geislingens Oberbürgermeister Frank Dehmer bestätigte: "Das ist etwas, das einen Wert hat und das bewahrt werden soll." Die Stadt habe die Südmährer beim Aufbau gerne unterstützt.

Die Feier und wie es nun weitergeht

Einweihung Rund 50 Gäste sind zur Einweihung der neuen Südmährer-Dokumentation gekommen, darunter Dr. Christine Absmeier vom baden-württembergischen Haus der Geschichte und die Schriftstellerin Ilse Tielsch aus Wien, Vertreter des Bundes der Vertriebenen, des Kulturverbandes der Südmährer und nicht zuletzt der Stadt Geislingen, die seit 1953 Patenstadt der Südmährer ist. Dekan Martin Ehrler weihte die neuen Räume, Oberbürgermeister Frank Dehmer übergab zur Einweihung Brot und Salz.

Öffnungszeiten Die Dokumentation ist werktags von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 17 Uhr zu sehen. Besucher sollten sich zuvor allerdings telefonisch anmelden. Das gilt insbesondere für Schulklassen, die mit der Dokumentation arbeiten wollen.

Weitere Pläne Noch in Planung sind Stelen, die die potenziellen Besucher bereits am Bahnhof oder auf dem Gelände der WMF-Fabrikverkäufe als Botschafter empfangen. HAY

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