Schwellenfrei bauen, Unfälle vermeiden und Kosten sparen - die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention: Unter diesem Thema stand kürzlich eine Veranstaltung des Geislinger Stadtbehindertenrings zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung der Menschen mit Behinderungen.

Holger Scheible sprach als Vertreter der Stadt in seinem Grußwort den geplanten barrierefreien Umbau des Geislinger Rathauses an.Bedauerlich nannte er den Zustand des Bahnhofes: Die Bahn habe eine Sonderregelung bei der Einhaltung der UN-Behindertenrechtskonvention durchgesetzt und habe keine klaren zeitlichen Vorgaben, um die Barrierefreiheit umzusetzen.

Im Zentrum des Abends stand der Vortrag von Ulrike Jocham. Die Heilerziehungspflegerin und Diplom-Ingenieurin in Architektur aus Stuttgart sprach über Schwellenfreiheit - ihre Herzensangelegenheit, wie sie erklärte. Ihr Anliegen: Design für alle (Universal Design), also von Anfang an so zu planen, dass das Ergebnis für alle von Vorteil ist. Was für die einen ein Komfortgewinn sei, ermögliche den anderen mehr Selbstständigkeit und verringere den Kostenaufwand für Assistenz. So bräuchten etwa sehbehinderte und blinde Menschen in Gebäuden keine Schwellen als Orientierungshilfe.

Absolute Schwellenfreiheit stelle eine wichtige Sturzprophylaxe dar, da alltägliche Stolperfallen gar nicht erst entstehen. Dass die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland 2009 ratifiziert wurde, werde viel zu wenig beachtet, sagte Jocham. Damit habe sie Gesetzes-Charakter und stehe über allen anderen Regelungen. Praktisch heiße das, dass alle Baugesetze, die Schwellen und Barrieren zulassen, rechtswidrig seien. Die Kunst des schwellenfreien Bauens bedeute, Architekten, Handwerker, Produkthersteller, Sozialleistungsträger und andere Akteure der Behinderten- und Altenhilfe unter einen Hut zu bringen. Die Normengebung hinke diesen Ansprüchen hinterher. Sie orientiere sich immer noch an Althergebrachtem; Innovationen fänden viel zu wenig Beachtung, kritisierte die Referentin.

Jocham verwies aber auch auf gelungene Beispiele, vor allem auf das Bielefelder Modell, bei dem eine gemeinnützige Wohnungsgesellschaft (BGW) und ein sozialer Dienstleister kooperieren, um selbstbestimmtes Wohnen für Menschen mit Behinderungen und ältere Personen zu ermöglichen - selbst bei einem Assistenzbedarf rund um die Uhr. Durch konsequente Umsetzung des "Universal Designs" mit Schwellenfreiheit und großen Bewegungsflächen ist jede Wohnung für nahezu jeden nutzbar; die Raumaufteilung ermöglicht genügend Bewegungsflächen für Rollstuhlfahrer. Pflegekräften wird die Arbeit durch entsprechenden Bewegungsraum erleichtert.

Die Mehrkosten für Barriere- und Schwellenfreiheit seien gering oder fielen gar nicht an, wenn das Thema bereits bei der Bauplanung berücksichtigt werde, betonte Ulrike Jocham. Umbauten hingegen seien häufig sehr teuer. Leider gebe es immer noch zu viele Architekten und Handwerker, die lieber die alten vertrauten Regelungen und Produkte anwenden. Es sei deshalb wichtig, sich vorab genau zu informieren.

Im Anschluss an den Vortrag gab es bei einem Imbiss und Musik von der generationenübergreifenden, inklusiven Gruppe "Bernhard Brendle & Friends" Gelegenheit zu Gesprächen.