Kulturherbst Stadtarchivar Hartmut Gruber spricht über 700 Jahre Stadtverwaltung

Rathausgeschichte im Zeitraffer dargestellt: Hartmut Gruber.
 Foto: Stefanie Schmidt
Rathausgeschichte im Zeitraffer dargestellt: Hartmut Gruber. Foto: Stefanie Schmidt © Foto: Stefanie Schmidt
Stefanie Schmidt 13.10.2016
Beim Vortrag am Montag spannte der Referent einen Bogen vom Mittelalter bis heute.

„100 Jahre Neues Rathaus“ stehen beim Geislinger Kulturherbst im Mittelpunkt. Mit einem Jahrhundert Geschichte gab sich Stadtarchivar Hartmut Gruber bei seinem Vortrag am Montag allerdings nicht zufrieden. Sein Thema waren sage und schreibe 700 Jahre Geislinger Stadtverwaltung.

Das erste schriftlich Zeugnis einer Geislinger Stadtverfassung stammt aus dem Jahr 1367: Die  helfensteinische Stadtordnung tritt in Kraft. Die Stadtverwaltung bestand von nun an aus einem gräflichen Amtmann, der von den Helfensteinern eingesetzt wurde, und einem Rat aus zwölf von den Bürgern gewählten Richtern. Dieser frühe Stadtkodex gewährte der Stadt freie Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des von den Helfensteinern abgesteckten Rechtsrahmens.

Diese Eigenständigkeit wurde nach dem Verkauf Geislingens an Ulm im Jahr 1396 kontinuierlich eingeschränkt. Die Geislinger werden Leibeigene der Freien Reichsstadt – wenn auch in „abgemilderter“ Form ohne Fronarbeit. Im Laufe des 15. Jahrhunderts nahm der Unmut der Geislinger gegen die Ulmer Herrschaft immer weiter zu, bis er 1514 im Schöttlin-Aufstand kulminierte. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Geislinger wurden endgültig zu den rechtlosen Untertanen Ulms und hatten in städtischen Angelegenheiten  keinerlei Mitwirkungsrecht mehr. „So wurde eine Untertanenmentalität zementiert“, meinte Gruber.

Ein Ulmer Vogt verwaltete die Stadt und hatte die herrschaftliche und polizeiliche Gewalt inne. Ein Ulmer Pfleger hatte die herrschaftliche Finanzverwaltung unter sich. Die Ulmer Beamten waren gegenüber dem Gemeinderat weisungsbefugt. Aus dem Kreis der zwölf Richter ernannte der Ulmer Vogt den Bürgermeister.

Die nächste große Veränderung in der Geislinger Stadtverwaltung gab es erst wieder von 1803 bis 1815: Mit dem Reichsdeputationshauptschluss kam die Stadt unter bayerische Herrrschaft.  In diesem chaotischen,  von den Napoleonischen Kriegen geprägten Zeitabschnitt sei keine ordentliche Gemeindeführung möglich gewesen, erläuterte Gruber. 1818 gab es mit der neuen württembergischen Gemeindeverfassung wieder eine stabile Grundlage für die kommunale Verwaltung, die Elemente der Gewaltenteilung sowie einen Bürgerausschuss und einen Gemeinderat vorsah. Nach Ende des Ersten Weltkriegs sei diese Gemeinderverfassung in der Zeit revolutionärer Aufbrüche „hinweggeweht“, erklärte Gruber. An ihre Stelle trat 1919 eine neue Gemeindeverassung: Der Gemeinderat wurde nun in freien, allgemeinen Wahlen bestimmt. Mit der Machtergreifung Hitlers wurden auch in Geislingen Gemeinderat und Stadtverwaltung von Personen, die der NSDAP kritisch gegenüberstanden „gesäubert“. Die Bürgermeister waren damals nur Marionetten der NSDAP-Kreis­leitung. Stefanie Schmidt