Mit einem Blasorchester kann ein Dirigent für gefällige Hintergrundmusik sorgen, er kann das Publikum zum Schunkeln und Mitklatschen bringen, kann ihm Gänsehaut verursachen oder ihm eine ganz unerwartete Hörerfahrung zuteil werden lassen. Blasmusik kann Hum-Ta-Ta sein oder ein symphonisches Gesamtkunstwerk. Schwierig für einen Dirigenten und sein Ensemble, da einen gangbaren Weg zu finden. Die Geislinger Stadtkapelle, die sich auch als „musikalischer Botschafter“ der Stadt sieht, hat sich vor einem Jahr für einen Richtungswechsel entschieden: Mit Normand DesChênes als neuem Dirigenten wollen die Musiker ausgetretene Pfade verlassen und sich ein neues Repertoire erschließen. Das Jahreskonzert am Samstagabend in der Geislinger Jahnhalle hat gezeigt, wie weit sie auf diesem Weg gekommen sind.

Und siehe da: kein typischer Marsch, kein Walzer, keine Operettenhits auf dem Programm. Stattdessen präsentiert das Ensemble jazzige Elemente bei „Gershwin in Concert“, bringt mit „Folk Song Suite“ die Studien Ralph Vaughan Williams’ im Bereich der englischen Folk-Music zu Gehör, spielt gewaltig auf bei der Ouvertüre „Lawrence of Arabia“, gibt sich populär bei „Pirates of the Caribbean“ und leidenschaftlich bei „Hava Nagila“ und „Lord of the Dance“.

Das Programm gibt ein interessantes Spektrum der Blasmusik-Literatur wieder und Des­Chênes leitet seine Musiker an, die mitunter sehr unterschiedlichen Stücke exakt zu spielen. Mit vollem Körpereinsatz fordert er leisere Töne ebenso ein wie ein Crescendo oder einen sauberen Schluss.

Für den Zuschauer respektive Zuhörer wirken Dirigent und Ensemble wie eine harmonische Einheit. Von der Arbeit der vergangenen Wochen, vom Schleifen und geschliffen Werden bemerkt man nichts. Nach jedem Stück freuen sich die Musiker ebenso wie DesChênes über das gelungene Spiel.

Das Gemeinschaftsorchester unter der Leitung von Alexander Bilgery hatte den spannenden Konzertabend angemessen eröffnet. Es setzt sich zusammen aus dem Jugendblasorchester Geislingen, der Jugendkapelle des Musikvereins Nellingen und Schülern der Musikschule Geislingen und glänzt seit jeher durch ein modernes Repertoire. Diesmal begann der Nachwuchs fröhlich mit „American Pie“ nach Madonna, präsentierte ein wunderbar getragenes „Tränen lügen nicht“, trumpfte mit einem rhythmischen, exakt gespielten „Hit the Road Jack“ auf und rockte mit einem „Bon Jovi“-Rock-Mix die Jahnhalle.

Wie die Stadtkapelle mit ihrem obligatorischen Schlussstück, dem Radetzkymarsch, so ließ auch das Gemeinschaftsorchester zum Abschluss seines Auftritts eine konservativere Seite durchblitzen. Mit „Böhmischer Traum“ lud es zum Mitklatschen ein.

Für einen sehr großen Kontrast im Programm sorgte das Jugendstreichorchester der Musikschule unter der Leitung von Holger Frey: Streicher anstatt Bläser, leise anstatt tendenziell laut, sakral anstatt weltlich, Moll anstatt Dur. Auf jeden Fall eine gute Idee, das Klangspektrum des Jahreskonzertes auf diese Weise zu erweitern.

Die Stadtkapelle hat sich auf den Weg gemacht. Wer sie begleiten möchte, darf noch einiges von ihr erwarten.