Geislingen an der Steige / RODERICH SCHMAUZ  Uhr
Annähernd 300 Gäste kamen zum Geislinger Jahresempfang, den diesmal die evangelische Kirche ausrichtete. Im Mittelpunkt standen Zwiegespräche, ein anspruchsvoller Theologievortrag und drei "Mutmacher".

Kirchengemeinderäte beider Konfessionen, Pfarrer, Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft waren geladen. Zum Jahresempfang in der Pauluskirche kamen mehr als doppelt so viele Gäste wie angemeldet, freute sich Dekanin Gerlinde Hühn am Donnerstagabend bei der Begrüßung. Dass die vorbereiteten Häppchen schnell alle waren, störte niemand. "Suchet der Stadt Bestes und betet für sie". Mit diesem bekannten Zitat aus dem Alten Testament erinnerte Hühn daran, dass man bei allem Gegeneinander in Sachfragen das gemeinsame, einende Ziel nicht vergessen dürfe.

Um das komplexe und durchaus komplizierte Verhältnis zwischen Staat und Kirche drehte sich das Referat des emeritierten Ostberliner Theologieprofessors Wolf Krötke. Wie politisch darf die Kirche sein, lautete seine Frage. Er spitzte sie so zu: Soll sich die Kirche auf ihre Kernaufgabe beschränken, die Menschen zum Glauben einzuladen und sich um ihr Seelenheil sorgen? Oder ist es geradezu der Auftrag der Kirche, sich in der Nachfolge Jesu für die Schwachen und die Menschenwürde einzusetzen, sich also einzumischen? Krötke erläuterte die auf Martin Luther zurückreichende protestantische Zwei-Reiche-Lehre: Hier die Kirche als Gemeinde und Gemeinschaft der Gläubigen ("Kirche, das sind nicht die Würdenträger"); davon geschieden die staatliche "Obrigkeit" mit ihrem Gewaltmonopol. Der Staat verpflichte Christen grundsätzlich zum Gehorsam. Eine problematische Dualität, wenn man an einen Unrechtsstaat denkt, wie ihn Krötke am eigenen Leib erfahren hat. Trotz alledem habe gerade in der DDR die Kirche der friedlichen Revolution den Boden bereitet. Die bundesrepublikanische Demokratie räume den Kirchen weitreichende Entfaltungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten ein, führte der Referent aus, manchen gehe das - Beispiele: Religionsunterricht an Schulen und Kirchensteuer - sogar zu weit, wie der Staat die Kirchen einbinde, indem er sie privilegiere und zugleich Abhängigkeiten erzeuge.

Im zweiten Teil des Abends zeichnete die Kommunale Kriminalprävention drei "Mutmacher" öffentlich aus - es moderierte Stadtrat Bernhard Lehle:

Die ehrenamtlich vielfach engagierte Brunhilde Schmid ist nicht nur seit vielen Jahren stellvertretende Vorsitzende im katholischen Kirchengemeinderat von Sankt Maria, seit 18 Jahren kümmert sie sich um einen Treff Alleinerziehender, um Seniorennachmittage, Gebetskreis; natürlich hilft sie bei der Vesperkirche. Sie bezeichnet sich selbst als "geduldige, gute Zuhörerin". Ihr Wunsch: "Dass ich so weitermachen kann."

Thomas Steiner aus Eybach sammelt seit Jahren mit einem Verein Geld- und Sachspenden für "die Kinder von Kamenice". Auch die GZ-Leser unterstützten im Rahmen einer Weihnachtsaktion schon diese Hilfen für mittlerweile vier Waisenheime in Tschechien. Dort werden Kinder vom Babyalter bis zu 21 Jahren betreut, Waisen und Sozialwaisen, Findelkinder, Kinder von Prostituierten, von Sinti und Roma.

Dieter Weirich, der selbst nicht anwesend war, ist aktiv bei Amnesty International. In 40 Jahren habe er sich in rund 1000 Fällen für politische Gefangene eingesetzt. Die Erfolgsquote liege bei 50 Prozent.