Mit dem Tierschutz ist es in Deutschland zum Besten bestellt. So die Theorie. Aber: „Vieles in der Nutztierhaltung wird in der Praxis routinemäßig gemacht, obwohl es vom Tierschutzgesetz nicht gedeckt ist“, stellte Dr. Julia Stubenbord zum Auftakt der Fachtagung an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen  klar. Die baden-württembergische Landesbeauftragte für Tierschutz verwies auf den ins Grundgesetz als Staatsziel aufgenommenen Tierschutz. Demnach hat der Tierschutz den gleichen Rang wie die Grundrechte der Menschen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, so die Formulierung im Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes. „Das steht im krassen Gegensatz zur Praxis“, sagte Stubenbord. Ein Fünftel aller Schweine, fast 14 Millionen, verendeten jährlich vor der Schlachtung.

20 Mio Jungtiere ohne Betäubung kastriert

Detailliert ging die Tierärztin auf die rechtlichen Grundlagen und das Schmerzempfinden der Tiere bei der Ferkel-Kastration ein. Jährlich, so die Tierschutzbeauftragte, werden in Deutschland rund 20 Millionen Jungtiere ohne Betäubung mit Skalpell und Zange kastriert. Ohne Kastration entwickelt ein Teil der Tiere den „Eber-Geruch“, ihr Fleisch gilt als unverkäuflich. Diese Kastrations-Praxis stehe dem im Tierschutzgesetz festgehaltenen Amputationsverbot und der Betäubungspflicht entgegen. Eine Übergangsregelung erlaubt für weitere zwei Jahre die betäubungslose Kastration, ursprünglich war ein Verbot ab 2019 geplant.

Diese Fristverlängerung hält Stubenbord für verfassungswidrig. Verfassungsrechtliche Gründe für die Unvermeidbarkeit der betäubungslosen Kastration seien nicht ersichtlich. Höhere Kosten für die Landwirte sind nach Einschätzung der Expertin juristisch nicht relevant.

Wiedmann: „Tierwohl ist unter aller Sau.“

Das Beispiel der weiterhin zulässigen Kastration ohne Betäubung scheint die generelle Einschätzung von Rudolf Wiedmann mit Blick auf die Schweinehaltung zu bestätigen. „Es gibt keine Ansätze für grundlegende Veränderungen“, befindet der Agrarbiologe und Berater. Die Schweinehaltung stecke in einer tiefen ­Krise. Einerseits seien die grundlegenden Bedürfnisse der Tiere viel zu selten sichergestellt. Andererseits sei die Haltung der Tiere trotz größter Arbeitseffektivität kaum wirtschaftlich. Dabei gäbe es Konzepte für Schweineställe, die Tierschutz und Ökonomie in Einklang bringen.

Sein Fazit: „Das Tierwohl ist unter aller Sau, so ist das System nicht zukunftsfähig.“ Zu lange hätten Berufs- und Interessensverbände, der Lebensmitteleinzelhandel und auch die Wissenschaft dem Tierwohl zu wenig Bedeutung beigemessen. Auch die Politik trage an der aktuellen Misere eine Mitschuld. Es fehle ein verpflichtendes, staatliches Tierschutzlabel. Aber, so Wiedmann, „langsam bewegt sich etwas“.

Dies bestätigte Dr. Clemens Dirscherl für den Lebensmitteleinzelhandel. Er ist beim Kaufland zuständig für Tierwohl und Nachhaltigkeit. Er sieht die anhaltende Debatte um den Tierschutz als Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels. „Vor zehn Jahren hätten wir solche Diskussionen nicht geführt.“  Sein Unternehmen, die Schwarz-Gruppe, wolle hierbei Trendsetter sein. Die aktuellen Missstände lediglich der Landwirtschaft anzulasten, hält er für wohlfeil. Auch die Wissenschaft habe das Thema Tierwohl lange verschlafen.

Kaufland ist keine Tierschutzorganisation

Der Agrar- und Ernährungssoziologe stellte aber auch klar, dass Kaufland nun nicht zur Tierschutzorganisation mutiere. „Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen und orientieren uns an den Käuferpräferenzen.“ Ernährung, Gesundheit und damit verbundene Moralvorstellungen seien für viele Menschen wichtige Bestandteile des heutigen Lifestyles. Kaufland fährt deshalb zweigleisig, das Angebot von Fleisch von ­Tieren aus artgerechter Haltung ­sei deutlich ausgebaut worden. Mit einem „Qualitätsfleischprogramm“ will der Konzern auf bessere Haltungsbedingungen für Schweine hinwirken.

Das Tierwohl-Engagement der Supermärkte sieht Hanns-Benno Wichert vornehmlich den Blick auf die Interessen der Verbraucher geschuldet. Jede der Interessensgruppen – Tierhalter, Tierschützer, Wissenschaftler, Verbraucher, Einzelhandel und Politik – habe ihr eigenes Verständnis von Tierwohl, erklärte der Vizepräsident des Landesbauernverbandes Baden-Württemberg. „Die Veränderungsbereitschaft der Tierhalter ist mehr gegeben als vermutet“, betonte Wichert.

Allerdings: „Die Veränderung, auch der Tierschutz, muss fachlich begründet und mit Planungssicherheit im Stall umsetzbar und finanzierbar sein.“ Dabei stießen die Landwirte an Grenzen, wie etwa der Finanzierbarkeit oder baurechtliche Vorgaben. Wichert warnte vor einer Wettbewerbsverzerrung und einem „Export der Tierhaltung“. Seine Forderung: Landwirte, Behörden, Verbraucher-, Tier- und Umweltschutzverbände sowie die Wissenschaft müssen sich zu einer Nutztierstrategie bekennen.