Geislingen Verzweiflung an der Tafel

Geislingen / Kathrin Bulling 18.06.2018
Mit Kreide werfende Lehrer, Vorsingen vor der Klasse und der Horror des Matheunterrichts: Bekannte Geislinger erinnern sich an ihre Schulzeit.

● Sascha Binder, Landtags­abgeordneter der SPD aus Geislingen

„Wenn ich nicht wüsste, was du sonst neben der Schule so alles machst, müsste ich dir sagen, du bist ein fauler Hund“, dieser Satz eines ehemaligen Lehrers bringt mein Schuldasein eigentlich ganz gut auf den Punkt.

Eindeutig auf Kriegsfuß stand ich mit Mathe. Die Lehrer verzweifelten an mir und ich verzweifelte an Mathe. Aber so einfach wollte ich nicht aufgeben und nahm Nachhilfe bei meinem Patenonkel. Ihm gelang es, mich in diesem Fach, auf niedrigem Niveau zu stabilisieren. Allerdings wurde ich später beim Abi auch noch in Mathematik mündlich geprüft. Die Worte des Prüfers habe ich heute noch im Ohr: „Sie hatten wenig Ahnung, um es genauer zu sagen, überhaupt keine.“ Das Ergebnis war entsprechend.

Wenn ich heute gefragt werde, warum ich Jura studiert habe, sage ich augenzwinkernd, dass dies das einzige Studium war, in dem man kein Mathe braucht. Denn: Judex non calculat. Der Richter rechnet nicht.

● Dr. Karin Eckert, Allgemein­ärztin und Geislinger Gemeinderätin

Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis im Deutsch-Unterricht, es muss wohl in Klasse 5 oder 6 am Gymnasium gewesen sein. Irgendwie fand ich den Unterricht in dieser Stunde nicht so sonderlich spannend und fing an, hingebungsvoll und sehr sorgfältig die hölzerne Spitze meines Bleistiftes mit dem Füller anzumalen.

Ich wurde allerdings ziemlich abrupt durch ein Stück Tafelkreide aus dieser Tätigkeit gerissen – der Lehrer hatte mich beobachtet und, um meine Aufmerksamkeit auf die Unterrichtsinhalte zurückzulenken, die Kreide auf mich geworfen

Einige Tage später war ich mit zwei Freundinnen in der Nacht zum 1. Mai unterwegs, wir wollten auch bei besagtem Lehrer die „Klingeln putzen“. Harmlos wie wir waren, hat er uns natürlich erwischt. Doch anstelle des von uns befürchteten Donnerwetters  lud er uns zu sich ins Haus ein, und wir verbrachten bei ihm eine gemütliche Stunde mit Saft und Keksen.

● Yasna Crüsemann, Prälaturpfarrerin aus Geislingen

Herr H. mit der dicken, schwarz umrandeten Brille war eine Legende an der Schule. Er hat Generationen von Schülerinnen und Schülern geprägt, im Positiven wie im Negativen. Er war bis zur 10. Klasse der einzige Musiklehrer an der Schule, es gab kein Entrinnen.

Eine seiner Untugenden war, dass er – wie in den 1970er Jahren noch vielerorts üblich – Schüler einzeln nach vorne ans Klavier bat, ihnen ein Lied vorgab und sie dann vor der feixenden Klasse mit Klavierbegleitung allein vorsingen ließ. Es war ein Alptraum! Ich kann mich noch heute an die Angst vor diesem Moment erinnern, wenn er die Namen aufrief und man nach vorne treten musste.

An eine Situation, als es mich traf, erinnere ich mich besonders: Ich muss etwa zwölf Jahre alt gewesen sein. Ich sehe die Szene noch genau vor mir. Mit weichen Knien ging ich nach vorne und sollte das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ vorsingen.

Mit einem ­dicken Kloß im Hals versuchte ich es immer wieder,  kam aber nicht über den Anfang, das „Geh. . .“ hinaus, räusperte mich, versuchte es nochmals. Nach ein paar Versuchen brach der Musiklehrer die Klavierbegleitung ab, schaute mich durch seine dicken Brillengläser fest an und sagte missmutig:  „Nun sind wir aber genug gegangen, wir sollten jetzt endlich mal weitergehen.“ Die ganze Klasse lachte, ich lief rot an, es war so peinlich! Nie wieder habe ich mich getraut vorzusingen.

Diese Erfahrung hat mich bis ins zweite theologische Examen begleitet, wo Vorsingen zur Prüfung gehörte, und – wen wundert es – es war die Prüfung, die ich von allen am meisten fürchtete und hasste. Heute habe ich dieses „Trauma“ nicht zuletzt auch dank eines menschenfreundlichen, gelassenen Kantors einigermaßen  überwunden, der niemanden bloßstellt oder vorführt, aber dazu musste ich über 50 Jahre alt werden.

Das Lied „Geh aus mein Herz“ von dem wunderbaren Liederdichter Paul Gerhardt liebe ich dennoch. Auch wenn es mir zwischendurch wegen dieser Erfahrung verhasst war. Der gute Herr H., der ja auch ein Kind seiner Zeit war, hat es dann doch nicht geschafft, mir das zu nehmen.

Erinnerungen an die Schulzeit

Ob die Schulzeit schon mehrere Jahrzehnte oder nur wenige Jahre ­zurückliegt, jeder verbindet damit schöne wie unangenehme Erinnerungen. In der GZ schildern bekannte Personen, die in Geislingen arbeiten oder sich engagieren, in loser Folge ihre eindrücklichsten Erlebnisse – selbst­ironisch und mit Augenzwinkern.

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