Ein älterer Patient steht am Tresen vor Sprechstundenhilfe Inge Dodel und holt seine Krankenakte ab. Nach der Unterschrift für den Erhalt der Papiere wünscht er der angehenden Rentnerin und ihrem Chef alles Gute, bedankt sich für viele Jahre medizinische Betreuung.

Zum Ende des Monats will Saadeh Essaid seine Praxis nun endgültig schließen. Eigentlich wollte der Mediziner schon 2007 in den Ruhestand gehen; seit mehr als zehn Jahren versucht er vergeblich, einen Nachfolger für seine Praxis in der Eberhardstraße 61 in Geislingen zu finden. „Eigentlich hatte ich ja damals schon aufgehört“, sagt der aus Nablus in Palästina stammende Mediziner, der in Hamburg studiert und in Norddeutschland auch seinen Facharzt als Chirurg absolviert hat. Nach einigen Jahren praktischer Erfahrung und einer dreijährigen Anstellung als Amtsarzt bei der Arbeitsagentur in Braunschweig zog es Essaid im Januar 1984 nach Geislingen. „Ich übernahm die Praxis von Dr. Gommel in der Burgstraße“, verrät der 78-jährige Mediziner. Dann verlegte er seine Praxis für drei Jahre in die Wölkstraße, bis er schließlich zum jetzigen Standort in die Eberhardstraße 61 wechselte.

Mehr als zehn Jahre lang hat Essaid einen Nachfolger gesucht

Seit 30 Jahren unterstützt Inge Dodel seine Arbeit, wofür der Mediziner ungemein dankbar ist. Dass er nicht im Alter von 65 Jahren seinen Ruhestand angetreten hat, liegt zum einen in der Tatsache, eben keinen Nachfolger zu finden, zum anderen in der veränderten Gesetzeslage, auch über das 65. Lebensjahr hinaus als Arzt praktizieren zu dürfen. Für Geislingen ein Segen, wenn man an die Ankunft der vielen Flüchtlinge vor vier Jahren denkt. Viele der arabisch sprechenden Einwanderer fanden mit Essaid einen Mediziner, der sie versteht und ihnen helfen kann. Das wird nun bitter, gerade für diese Gruppe. „Eigentlich wollte ein arabisch sprechender Kollege jetzt doch die Praxis übernehmen, aber es gab Probleme mit den Behörden“, sagt Essaid sichtlich traurig. Er hat viele Male in Ärztemagazinen annonciert und einen Nachfolger gesucht. Auch in der Ärzteschaft habe er immer wieder bekannt gemacht, dass er gerne jemanden hätte, der die Praxis übernimmt. Vergeblich. Rund 700 Patienten müssen sich jetzt nach einem neuen Hausarzt umsehen, wobei es die Flüchtlinge vermutlich besonders schwer trifft, da in anderen Praxen zumeist ein Dolmetscher erforderlich sei.

Praxissterben prognostiziert

Die medizinische Versorgung im Raum Geislingen ist ohnehin ­angespannt. Erst im Frühjahr mussten sich die Patienten des in ­Kuchen verstorbenen Allgemeinarztes Professor Dr. Hans-Peter Zeitler nach einem neuen Hausarzt umsehen. Diese Probleme sind der Kreis­ärzteschaft seit Langem bekannt, wie ihr Sprecher Dr. Frank Genske bestätigt. Das Praxissterben sei immer wieder prognostiziert ­worden und werde sich in der Zukunft mit ziemlicher Sicherheit leider weiter beschleunigen, äußert er gegenüber der GEISLINGER ZEITUNG.

„Hierauf haben Berufsverbände, die kassenärztliche Vereinigung, die Ärztekammern und nicht zuletzt auch die Krankenkassen wiederholt hingewiesen – es wurde von der Politik über Jahrzehnte ignoriert und stattdessen mit Verschärfung des Numerus Clausus reagiert“, sagt Genske. „Hieraus resultiert schlicht und ergreifend ein Nachwuchsmangel, den wir nun immer deutlicher zu spüren bekommen. Das neue Gesetz unseres Gesundheitsministeriums geht völlig an der Realität vorbei, da die verbliebenen Praxen ohnehin schon zu mehr als 100 Prozent ausgelastet sind“, unterstreicht er (siehe Infokasten).

Und auch Saadeh Essaid verweist darauf, dass man in den vergangenen 20 Jahren von Reform zu Reform geschlittert und alles immer schlechter geworden sei. „Man hat das Gesundheitswesen krank-, ja fast totreformiert“, ­kritisiert der erfahrene Mediziner. Er hat sein Haus in der Eberhardstraße mittlerweile verkauft, wohnt in den Weingärten und wird sich zusammen mit seiner Frau dort künftig seinem Garten widmen und viel auf Reisen gehen.

Dieser Artikel war zuerst am Mittwoch im ePaper und in der gedruckten GEISLINGER ZEITUNG erschienen (26. Juni).

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Der Sprecher der Kreisärzteschaft Dr. Frank Genske zur Situation im Kreis


Ursachen „Da nicht nur die niedergelassenen sondern auch die Kliniken einen zunehmenden Ärztemangel haben, ist eine Verlegung der ambulanten Medizin in die Klinikambulanzen nicht nur unwirtschaftlich, sondern auch gefährlich, da damit die stationäre Versorgung der Patienten leidet“, sagt Dr. Frank Genske.
Hinzu komme, dass mehr als 50 Prozent der Studierenden der Humanmedizin weiblich seien und oft für eine gewisse Zeit im Berufsleben nicht beziehungsweise eingeschränkt zur Verfügung stünden. Das Thema „Work-life-balance“ spiele auch eine Rolle: Die „Selbstausbeutung des Mediziners“, der zehn  bis 14 Stunden sieben Tage die Woche für seine Patienten zur Verfügung stehe, sei für die nachfolgende Generation eher abschreckend und nicht mehr gewünscht. ­Familie, Hobby und Freizeit hätten einen wesentlich ­höheren Stellenwert und ließen sich mit den gewohnten Strukturen im ärztlichen Bereich nicht mehr vereinbaren. Hinzu komme, dass eine normale kassenärztliche Hausarztpraxis mittlerweile durchaus ein wirtschaftliches ­Risiko darstelle und keinen finanziellen Anreiz mehr biete, sich als Arzt niederzulassen.

Veränderung
Alt bewährte Strukturen müssten geändert werden, sagt Frank Genske. Die Kreisärzteschaft habe reagiert und ein medizinisches Versorgungszentrum in Göppingen gegründet. In dieses Zentrum hätten bislang drei Praxen übernommen werden können, die aus Altersgründen hätten geschlossen werden sollen. Dort arbeiteten derzeit fünf Ärzte. Ab dem 1. Juli kämen zwei weitere Ärzte und eine allgemeinmedizinische ­Praxis hinzu.
„Wir hoffen, dass wir dieses Konstrukt weiter ausbauen können“, sagt Genske, „da hier junge Ärzte im Angestelltenverhältnis, in Teilzeit oder Vollzeit aber auch als Partner im wirtschaftlichen Sinne Arbeitsstellen finden können.“
Dies sei zwar keine ­Lösung für die akute Problematik in Geislingen. Genske hofft ­jedoch, „dass die Nachfrage steigt, wenn das Projekt und die Möglichkeiten bekannter werden und wir dann auch solche Praxen – wie in Geislingen beschrieben – auffangen können“.