Geislingen Respekt voreinander entwickeln

„Er hält die ganze Welt in seiner Hand . . .“ Mit einem Lied beginnt Pfarrer Frank Esche an der Geislinger Lindenschule den kombi-konfessionellen Religionsunterricht der Zweitklässler.
„Er hält die ganze Welt in seiner Hand . . .“ Mit einem Lied beginnt Pfarrer Frank Esche an der Geislinger Lindenschule den kombi-konfessionellen Religionsunterricht der Zweitklässler. © Foto: Claudia Burst
Geislingen / Von Claudia Burst 09.07.2018
In der Lindenschule erhalten katholische und evangelische Kinder zusammen Religionsunterricht. So lernen sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede des christlichen Glaubens kennen.

Fröhlich beginnt der konfessionell-kooperative Religionsunterricht der Zweitklässler in der Lindenschule. Die Jungen und Mädchen sitzen gemeinsam mit ihrem Religionslehrer, Pfarrer Frank Esche, im Stuhlkreis und singen „Er hält die ganze Welt in seiner Hand . . .“ Den Text wissen die meisten auswendig und zu jeder Strophe kennen sie die passenden Gesten.

Im Anschluss zelebrieren die Kinder einen „Moment der Stille“. Dazu nimmt der Lehrer eine brennende Kerze in die Hände, schließt die Augen, betet laut ein kurzes Dankgebet – und gibt die Kerze an das Kind neben sich weiter. Auch das schließt die Augen, bewegt lautlos die Lippen, dann wandert die Kerze zum nächsten Schüler. Es herrscht andächtige Stille. Manche Kinder behalten die Kerze länger, andere geben sie schnell weiter. Die einen beten für sich oder bleiben einfach kurz leise, andere sprechen ihre Gedanken an Gott laut aus.

„Das Beten ist absolut freiwillig. Wie die Kinder es wollen. Nur leise sein müssen sie – aus Respekt dem anderen gegenüber. Und das klappt sehr gut“, sagt Frank Esche im Anschluss an die Unterrichtsstunde. Für den evangelischen Theologen ist der konfessionell-kooperative Unterricht an der Lindenschule „eine tolle Sache“. Den Lehrplan dafür hat er mit seinen katholischen Kolleginnen an der Lindenschule, Bärbel Fischer und Franziska Franz, gemeinsam auf Basis sowohl des evangelischen als auch des katholischen Bildungsplans ausgearbeitet.

„In erster Linie geht es in den ersten beiden Klassen doch darum, den Kindern die Grundlagen des christlichen Glaubens zu vermitteln“, sagt Esche, und die seien in beiden Konfessionen – oder auch bei Kindern freikirchlicher oder orthodoxer Eltern – dieselben. „Aber wir nivellieren die Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht“, betont er. Im Lauf des Kirchenjahres würden etwa die heilige Elisabeth, der heilige Nikolaus oder Sankt Martin thematisiert und als Glaubensvorbilder begreiflich gemacht. „Wir besuchen auch Kirchen. Sowohl evangelische als auch katholische. Die Kinder, die in ihrer Kirche schon Erfahrungen gesammelt haben, erzählen davon. Die anderen hören dann immer fasziniert zu“, berichtet  Esche.

Das gelte auch für diejenigen Kinder, die aus einem kirchenfernen Elternhaus kämen. So würden sich die Kinder ihrer eigenen Konfession bewusst und lernten die jeweils andere von ihren Freunden und hinterher im Unterricht näher kennen. „Dadurch entwickelt sich eine Haltung des Respekts den anderen gegenüber.“ Bei den Schülern entstehe auf diese Weise ökumenische Offenheit und Toleranz.

„Mit diesem Grundlagenwissen werden sie irgendwann in der Lage sein, sich eine eigene Meinung zum Thema Konfessionen zu bilden“, ist der Pfarrer überzeugt.

Gemeinsam bis zur 3. Klasse

Die Teilnahme am konfessionell-kooperativen Unterricht der Lindenschule findet seit dem Schuljahr 2005/06 jedes Jahr mit Einverständnis der Eltern statt.

In der Lindenschule wird die Klasse 1 von den katholischen Kolleginnen Bärbel Fischer und Franziska Franz unterrichtet, die zweite Klasse von Frank Esche bzw. nach seinem Weggang im kommenden Schuljahr von einem evangelischen Kollegen.

Wegen der Vorbereitung auf die Erstkommunion im Rahmen des Religionsunterrichts gibt es diese Mischung in den Klassen 3 und 4 nicht mehr.

In den höheren Klassenstufen dürfen Schüler mit sogenanntem „Gaststatus“ am anders-konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen.

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