Vertriebene Redner appellieren an Geschichtsbewusstsein

Das große Bundestreffen der Südmährer in der Jahnhalle in Geislingen: Unser Bild zeigt den Redner Franz Longin, Erster Vorsitzender und Sprecher der Südmährer. Daneben: Die Tanz- und Gesangsgruppe Moravia Cantat. 
Das große Bundestreffen der Südmährer in der Jahnhalle in Geislingen: Unser Bild zeigt den Redner Franz Longin, Erster Vorsitzender und Sprecher der Südmährer. Daneben: Die Tanz- und Gesangsgruppe Moravia Cantat.  © Foto: Rainer Lauschke
Geislingen / Christian Scharbert 30.07.2018
Das jährliche Bundestreffen der Südmährer hat am Wochenende zum 70. Mal stattgefunden – zum 65. Mal in der Partnerstadt Geislingen.

Aus der Vergangenheit zu lernen, sich Kultur zu erhalten und sich für die Zukunft auszurichten, haben sich die vertriebenen Südmährer und ihre Nachkommen auf die Fahne geschrieben. Das Bundestreffen bringt Zeitzeugen und Nachkommen von vertriebenen Südmährern zusammen – seit 70 Jahren. „Kulturräume für Südmährer in Deutschland und Österreich schaffen“ sei eine vorrangige Aufgabe der Südmährer, erklärte ihr Sprecher Franz Longin.

Das Bundestreffen sei ein Bestandteil dieser geschaffenen Kulturräume. Seit 65 Jahren ist die Stadt Geislingen zum engen Partner der Südmährer geworden. Nicht zuletzt Kontakte zu Stadträten und Bürgermeistern machten es den Vertriebenen möglich, sich als Gruppe zusammenzuhalten, sich eine Stimme zu verschaffen und Projekte anzugehen, die das „Nicht vergessen“, wie es Franz Longin ausdrückte, bezwecken sollten. „Wir wollten damals eine politische Heimat und haben sie bekommen“, so der Sprecher mit Verweis auf die enge Partnerschaft mit der Stadt Geislingen sowie Gemeinden aus Österreich.

Nicht nur in Franz Longins Ansprache drehte es sich viel um den Heimatbegriff und Geschichtsbewusstsein. Geislingens Oberbürgermeister Frank Dehmer sprach davon, die „Ungerechtigkeit nicht vergessen zu lassen“. Dehmer blickte dabei auf die Entwicklung der Vertriebenen in Deutschland und befand: „Die Hoffnung auf Rückkehr ist  dem Wunsch auf etwas Gerechtigkeit gewichen.“

Über die Grenzen hinaus

Frank Dehmers Einschätzung spiegelt sich in den Projekten wider, die der Südmährer-Bund heutzutage angeht. Während die vergangenen Jahrzehnte davon bestimmt waren Kultur zu erhalten, Partnerschaften innerhalb Deutschlands zu knüpfen und nicht zuletzt sich in Deutschland einen Platz zu suchen, verschieben sich die Bemühungen nun über die Grenzen hinaus.

Aussöhnung und Konfrontation mit der Vergangenheit würden die Aufgaben für die Zukunft heißen, so Franz Longin. „Wir treten mit den Menschen und Verantwortlichen in Tschechien, besonders natürlich in Südmähren in Kontakt. Wir wollen gemeinsam die Vergangenheit thematisieren.“ Trotz der Bemühungen sich anzunähern, erwarte der Südmährer-Bund allerdings auch Schuldeingeständnisse seitens der Tschechischen Regierung und teilweise der Bevölkerung. Was den Kontakt zu den dort lebenden Menschen angeht, berichtete der Sprecher von ersten Erfolgen. Die Bemühungen von Regierungsverantwortlichen und Parlamentariern, mit den Vertriebenen in Kontakt zu treten, lasse dagegen sehr zu wünschen übrig, erzählt Franz Longin. „Fast abschätzig treten sie uns gegenüber auf. Es wird gesagt, man wolle mit einem Verein gar nicht reden.“

Viele Lehren aus der Vergangenheit im Umgang mit den Südmährern ließen sich sicherlich auch heutzutage ziehen. Sei es die Schaffung von Kulturräumen als Integrationshilfe, der Umgang mit Skeptikern und Fremdenfeindlichkeit oder auch die Debatten um den Begriff Heimat. Heimat sei nämlich, wie unterschiedliche Redner gemeinsam feststellten, ein sehr individueller Begriff. Franz Longin merkte auf Nachfrage an: Den Heimatbegriff habe die Politik in den vergangenen Jahren von der „Alternativen für Deutschland“ thematisieren und definieren lassen. Die Folge sei nicht nur eine erfolgreiche AfD, sondern auch die Einführung eines Heimatministeriums.

Parallelen zu heute

Ob bewusst oder unbewusst zog Julian Würtenberger, Staatssekretär des Landes Baden-Württemberg, bei seiner Rede die Parallelen aus der Vergangenheit zur heutigen Zeit. Denn als die Vertriebenen in Deutschland ankamen, seien diese „nicht mit einem Hurra“ begrüßt worden. „Im Rückblick würde wahrscheinlich jeder sagen: Es war ein Gewinn.“ Auch den Heimatbegriff beleuchtete der Staatssekretär. Unter anderem ging er auf den Wandel eines Heimatempfindens ein, denn „heutzutage haben viele Menschen, gerade jüngere, mehrere und viele Heimaten in ihrem Leben. Die Heimat zu wechseln ist geradezu normal geworden.“ Doch er ergänzte: „Die Freiheit der Entscheidung hatten die Vertriebenen damals nicht. Das ist ein großer Unterschied.“ Und dass den Verbrechen der Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg schwere Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg vorausgingen, blieb in Julian Würtenbergers Rede nicht unerwähnt. Aber: „Unrecht kann nicht mit Unrecht beseitigt werden.“

Damit südmährische Volkslieder nicht in Vergessenheit geraten, studiert die Musikgruppe „Moravia Cantat“ diese Lieder ein. Auch während des offiziellen Teils des Bundestreffens trat die Gruppe mit mehreren Stücken  zwischen den Redebeiträgen auf.

Die Autorin Inge Deek veröffentlichte Erzählungen ihrer Großmutter und Mutter, die aus Südmähren fliehen mussten. Daraus entstand ihr Roman „Daheim ist nicht daheim“, für den sie beim Südmährer-Treffen mit dem Kulturpreis geehrt wurde.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel