Bildbeschreibung Raumzeichen setzen starke Kontraste

Geislingen / Stefan Renner 07.04.2018
Wir wollen Anhaltspunkte geben, was in einem Kunstwerk alles stecken kann. Heute: Säulen von Martina Schumacher.

Wenn man in den schweren, tiefen Ausstellungsraum des Alten Baus in Geislingen eintritt, fallen einem sofort die beiden  säulenartigen Glasarbeiten Martina Schumachers aus dem Jahr 2018  auf. 2,50 Meter sind sie hoch. Was für ein Kontrast tut sich mit ihnen auf: Hier die Schwere der Balken und Pfosten, dort die scheinbar hineingezwängten leichten Glas­objekte, hier Dichte und Festigkeit, dort transparente Zerbrechlichkeit, hier gewachsenes Holz, dort Riesengläser mit stehendem farbigem Wasser, hier Stumpfheit, dort Spiegelungen und Brechungen. Ein reizvolles Spiel zwischen diesen geometrisch exakten zylindrischen Körpern und dem dunklen, geduckten und schiefen Innenraum deutet sich an – letztlich zwischen minimalistischer Magie und historischem Ausdruck.

Die Arbeiten sind von schimmernder, wässriger blauer und grüner Farbe durchdrungen. Sie stehen dadurch zum einen in einem verhaltenen Kalt-Warm-, zum anderen in einem Komplementär-Kontrast zum rötlich warmtonigen Boden der Galerie. Diese Farbwahl ist ihrem scheinbaren  Leuchten förderlich. Hier deutet sich an, dass auch Farbwahrnehmung und Licht eine Rolle spielen.

Darüber hinaus scheint es um objektartige Setzungen von Farbe im Raum zu gehen, denn vor uns stehen gläserne konstruktivistisch anmutende Raumfarbobjekte. Verlässt man klassische Farbträger und „Farbgrundkörper“, so ergeben sich durch diesen Schritt neue Möglichkeiten, die auch mit der Positionierung der Arbeiten im Raum zu tun haben. Bei diesen Arbeiten spielen zudem glänzende Oberflächen, Spiegelungen, optische Brechungen und Transparenz eine Rolle. Dadurch, dass auch mit diesen Aspekten gearbeitet wird, kommt der Stellung der Objekte im Raum und der Stellung des Betrachters zu ihnen eine besondere Bedeutung zu. Denn die Arbeiten greifen in den Raum, werfen Reflexe auf den Boden und nehmen den Raum über spiegelnde Oberflächen an, auf und werfen ihn in den Raum zurück. Sie bleiben transparent und brechen ihn optisch und farblich. Vieles durchdringt sich auf und scheinbar in ihnen. Etwas zunächst sehr nüchtern und vielleicht auch ein wenig abstrakt Wirkendes wird so zu etwas, das mit äußerst realen und konkreten Bedingungen über die Wahrnehmung im Betrachter selbst arbeitet.

Wie durch einen Tunnel zu fahren

Sehr eindrücklich zeigt sich das Phänomen räumlich und auch zeitlich bedingten Spiegelns bei der Fahrt eines Zuges durch ­einen Tunnel: Der bewegte Innenraum des Wagens wird durch Reflexe an den Scheiben vielschichtig durchdrungen: Lichtleisten, ­Menschen, Versatzstücke von Sitzen sowie Getränkeflaschen,  Zeitschriften und vieles andere mehr – alles zeigt sich, verändert die Farbe, den Raum, wirkt räumlich und leicht verzerrt, taucht in der Scheibe auf und vergeht in ihr.

Die Arbeiten Schumachers ermöglichen im Grunde neue, farblich veränderte und z.T. seitenverkehrte Raumbilder. Mit welcher Intensität sich dies alles vollzieht und was sich dem Betrachter konkret zeigt, ist abhängig von seiner Position zu den Objekten und seiner Bewegung durch den Raum. Das können neben räumlichen Situationen auch andere Arbeiten Schumachers sein. Das Erleben ist auch abhängig vom Lichteinfall und damit auch von der Tageszeit.

So arbeitet hier die Künstlerin durch bewusste Setzungen ihrer Arbeiten ganz selbstverständlich mit unserer Wahrnehmung und unserem Erleben von Raum und Zeit. Beiläufig wird hier auch thematisiert, dass vieles abhängig vom jeweiligen Stand- und „Betrachtungspunkt“ ist, denn was der eine Betrachter von seiner Position aus sieht, zeigt sich dem anderen von seiner Seite aus so nicht! Diese Arbeiten sind Arbeiten, die „eigene Betrachter-Bilder“ ermöglichen und mit unserer Bewegung durch Raum und Zeit spielen. Es handelt sich bei ihnen um räumlich plastische Farb-Objekte, die sich um den Raum, in dem sie sich befinden, erweitern – darauf verweist auch ihr Titel: „Raumzeichen!“

Info Die Ausstellung mit Arbeiten Martina Schumachers ist unter dem Titel „Räumliche Spiegelbilder“ noch bis zum 15. April in der Galerie im Alten Bau zu sehen. Die Galerie ist  dienstags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

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