Geislingen/Bad Überkingen Ratlosigkeit nach Bränden

Auf die Asylunterkunft in Bad Überkingen und auf ein türkisches Lebensmittelgeschäft in Geislingen sind Brandanschläge verübt worden. Die Verdächtige hat laut Polizei die Taten gestanden.
Auf die Asylunterkunft in Bad Überkingen und auf ein türkisches Lebensmittelgeschäft in Geislingen sind Brandanschläge verübt worden. Die Verdächtige hat laut Polizei die Taten gestanden. © Foto: Ilja Siegemund
Geislingen/Bad Überkingen / Ruben Wolff 28.09.2018
Es gibt keine Anzeichen auf eine rechte Szene im Raum Geislingen, sagt die Polizei. Doch die mutmaßlichen Brandstiftungen haben viele schockiert.

„Dort oben lagen Familien in ihren Betten und schliefen. Sie hätten sterben können“, sagt Sahin Dündar aufgebracht, als er an die Nacht zum 13. September zurückdenkt. Eine 32-Jährige wird verdächtigt, die Gelben Säcke vor dem Supermarkt in der Stuttgarter Straße angezündet zu haben.

Hätten Autofahrer nicht gehalten und das Feuer gelöscht, hätten die Flammen auf das Haus übergreifen können – eine große Gefahr für das Leben der Menschen, die über dem Supermarkt leben. Dündar ist der stellvertretende Geschäftsführer des Lebensmittelmarktes und noch immer schockiert.

21 Jahre ohne Rassismus

Das Geschäftliche habe er schnell geklärt. Einen Tag lang blieb das türkische Lebensmittelgeschäft geschlossen. Mit den Versicherungen sei alles besprochen. „Wir machen weiter“, sagt Dündar, „aber ich verstehe es einfach nicht.“ Seit 21 Jahren habe er das Geschäft in Geislingen, davor sei er sieben Jahre in Göppingen gewesen. Rassismus habe er in all den Jahren nicht erlebt. Doch dann brannten die Müllsäcke. Die mutmaßliche Brandstifterin ist bereits festgenommen. Sie hat die Tat laut Polizei gestanden, genau wie den Anschlag auf die Asylunterkunft in Bad Überkingen, wo Flüchtlinge die 32-Jährige auf frischer Tat erwischt und festgehalten hatten. Die Polizei geht davon aus, dass die Frau aus rassistischen Beweggründen handelte. Die Staatsanwaltschaft stuft die Tat als versuchten Mord ein.

„Was habe ich falsch gemacht?“, fragt Sahin Dündar. „Das hätte ich sie gerne gefragt.“ Er sagt, er zahle seine Steuern, führe sein eigenes Geschäft, spreche Deutsch und sei gut integriert. „Ich liege dem Sozialstaat nicht auf der Tasche“, betont er. Trotzdem habe er sich den Zorn einer Rassistin zugezogen.

Für ihn ist die Politik an allem Schuld – vor allem Merkel. Hätte sie nicht so viele Flüchtlinge nach Deutschland gelassen, wäre die Stimmung im Land gegen Muslime nicht so aufgeheizt, sagt Dündar. Wolfgang Nordmann, der sich im Arbeitskreis Asyl Geislingen engagiert, kennt Dündar. „Ich habe ihm gesagt, dass er das nicht richtig sieht“, sagt Nordmann. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund müssten verstehen, warum jemand nach Deutschland wolle. „Sie alle tragen zur Vielfalt unserer Kultur bei, und davon kann das ganze Land profitieren“, meint er.

„Bodenlos unanständig“

Dass es Integrationsprobleme gibt, liege zu einem gewissen Teil aber tatsächlich an der Politik, sagt Nordmann. Er erinnert an ­Innenminister Horst Seehofer, der die Migration kürzlich als Mutter aller Probleme bezeichnet hatte. „Das ist bodenlos unanständig und niederträchtig“, sagt Nordmann und betont: „Die Politik hat nicht zu viel getan für die Migration.“ Deutschland brauche längst ein Einwanderungsgesetz. Nordmann betont, wie bedeutend der sogenannte Spurwechsel sei, der abgelehnten, aber gut integrierten Asylbewerbern mit Arbeitsplatz den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt öffnen soll. Man müsse Menschen Perspektiven geben statt Unsicherheit und Ängste zu säen. Die Politik ­müsse endlich Grundlagen dafür schaffen.

Statt auf Nähe legten viele Wert auf Distanz. Eine natürliche Scheu vor Fremden sei nicht verwerflich, sagt Nordmann, ein Brandanschlag aber sehr wohl. Rechte Gewalt erschüttere das Land, linke Gewalt käme noch dazu – „Truppen auf beiden Seiten“, ärgert sich Nordmann.

Sechs Tage nach den brennenden Müllsäcken in der Stuttgarter Straße stand die Holztür zum Technikraum in der Gemeinschaftsunterkunft in Bad Überkingen in Flammen. Laut Polizei erlosch das Feuer von selbst.

In dieser Nacht verhaftete die ­Kripo die mutmaßliche Täterin. Es war eine Nacht, in der kaum einer der Flüchtlinge schlafen konnte, sagt Roderich Schmauz vom Arbeitskreis Asyl. Er sei am Mittwoch wie jede Woche zum Treffen in die Unterkunft gekommen, doch kaum ­einer der Bewohner sei dagewesen. „Sie lagen am frühen Abend in ihren Betten und holten Schlaf nach“, sagt Schmauz. Die Tatverdächtige sei vorher oft an der Asylunterkunft vorbeigelaufen. Die Bewohner hätten sie vom Sehen gekannt, erzählt der Betreuer.

„Es leben überall Menschen mit rechter Gesinnung“, sagt Geislingens Polizeichef Jens Rügner. Es gebe in der Stadt aber keine Anzeichen für eine rechte Szene. Es werde intensiv ermittelt, aber alles deute darauf hin, dass die Frau eine Einzeltäterin ist. Zuletzt habe die Polizei die Kontrollen verstärkt, aber niemand sei negativ aufgefallen. Außerdem gibt Rügner zu bedenken: „Seit der Festnahme hat es keine Brände mehr gegeben.“ Noch ungeklärt ist die Ursache des Brandes in der Uhlandstraße vom 7. September. Die Tatverdächtige habe eine weitere Straftat aber abgestritten, heißt es von der Polizei.

„Man kann nur versuchen, ein Bewusstsein vor Ort zu schaffen, damit sich Gewalttaten nicht wiederholen“, sagt Wolfgang Nordmann. Am 6. Oktober gibt es deswegen eine Kundgebung in der Fußgängerzone vom neu gegründeten „Bündnis gegen Rassismus“.

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