American Folk Rätsche-Konzert mit Songs from Nashville Tennessee

Stefan Renner 31.10.2016

Die Wege innerhalb der Musikindustrie sind unergründlich. Weswegen die einen Musiker „rauf- und runtergespielt“ werden, während andere trotz famoser Alben kaum Beachtung finden, bleibt ein Rätsel. Diese Rätselhaftigkeit lässt sich auch an Stephen Simmons festmachen.  Simmons macht seit Jahren Musik, die den Geist guten Country-Folkrocks abseits von popglatter, modischer Süßlichkeit atmet und trotzdem kann man über ihn kaum etwas „googeln“. Einfach gute Musik zu machen, scheint heute noch nicht einmal mehr zu Interneteinträgen zu führen – aber dafür findet man hier ja anderes. Und so ist es der Rätsche zu verdanken, dass diesem Sänger, Gitarristen und Songschreiber mit seiner exzellenten Band ein Podium geboten wurde.

Am Samstag kam das Publikum in den Genuss des letzten Auftritts der gemeinsamen Tour von Simmons mit seiner Band. Am nächsten Tag würde Simmons ohne Band weitertouren: „One, two, three, four“ zählte der schwer groovende Schlagzeuger Tim Blankenship ein und fortan sollten die Band und ihr persönlicher Nashville-Folkrock im direkten, dichten, schnörkellosen Spiel auf der Bühne stehen.

Neben Blankenship gehörte der mit feinem Timing und großem Ton aufspielende Bassist Duane Blevins zur Band. Gitarrist Dave Coleman spielte melodisch und klanglich äußerst variantenreich. Er entlockte seiner „Telecaster“ orgelähnliche, angezerrte und perlende Kommentare zu den großen Melodien Simmons‘. Er hielt sich gedämpft zurück, wenn Simmons sang und spielte sich mit kräftigem Sound in seine melodischen Soloparts hinein. Sein beachtliches Klangspektrum erzeugte er zum Teil nur über Pickup- und Tonreglereinstellungen an der Gitarre selbst sowie über diverse Anschlagstechniken. Damit reagierte er sensibel auf den jeweiligen Charakter der Songs. Dreimal trat Coleman auch als veritabler Leadsänger in Erscheinung und stellte Songs seiner Band „The Coalmen“ vor – dies erweiterte das musikalische Spektrum.

Die meisten anderen Songs stammten von Simmons‘ neuem Album „A World Without“, darunter das kraftvolle, hitverdächtige „Puritan Cowboys“, das ruhige „The Music Highway“ und der Titeltrack; auch ältere Stücke wie „Drink Ring Jesus“ wurden gespielt.

Simmons entwickelte mit seiner angenehmen Stimme und den feinen Arrangements Klangräume voller Empfindungen, die auf die Zuhörer trafen und sie berührten - mal alleine auf der Bühne stehend, mal mit Band und mehrstimmigem Gesang, mal in rockiger, mal in verhaltenerer Manier. Credo schien zu sein: Ein Song eine Idee! So wurden die Songs nicht mit Teilen vollgestopft. Den von der Band herrlich zelebrierten rhythmischen Fluss, der das Publikum sich im Takte wiegen ließ, sollte nichts stören, ebenso wenig die Stimmungen der Songs, die mit feinen Beobachtungen übers Leben, die Liebe und übers Reisen gespickt sind. Dieses großartige Konzert zeigte wieder einmal, dass originäre Ausdrucksformen eines Rahmens bedürfen, auch um nicht zu versiegen.